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Prostitution: Moderner Sklavenhandel mitten unter uns

Rund 40 Millionen Menschen leben nach Schätzungen der UN weltweit in Sklaverei. Eine in Deutschland verbreitete Form der „modernen Sklaverei“ ist die Prostitution. Zum „Internationalen Tag zur Erinnerung an den Sklavenhandel“ stellen wir euch ein christliches Projekt vor, das betroffene Frauen aus den Bordellen herausholen möchte.
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Von: Hannah*

Müde greife ich nach meinem Handy, um nach der Uhrzeit zu schauen, und bin mit einem Mal wieder hellwach: Auf dem Display steht: Roxana**. Von Roxana habe ich seit Monaten nichts gehört, aber nun möchte sie sich mit mir treffen. Wir verabreden uns sofort.

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Es ist schön, Roxana nach einem halben Jahr wiederzusehen. Obwohl sie ihr Gesicht hinter einer dicken Make-up-Schicht versteckt, sehe ich, was mit ihr los ist. Sie hält sich die ganze Zeit ein Taschentuch unter die laufende Nase, weil das Kokain ihre Nasenscheidewand beschädigt hat. Roxana möchte Hilfe. Sie ist aus ihrer Arbeit im Bordell ausgestiegen und braucht eine Wohnung, einen anderen Job, ein neues Leben. Wir besprechen Möglichkeiten, die sie ergreifen und Anträge, die sie ausfüllen kann.

Zwei Jahre zuvor in Hamburg: Als ich mit meiner Mitbewohnerin zu einem Seminar über Menschenhandel von „Jugend mit einer Mission“ Herrnhut fuhr, ahnten wir noch nicht, dass wir dort drei weitere Frauen aus unserer Stadt treffen würden, denen seit Jahren das Gleiche auf dem Herzen brennt, dass wir zwischen Informationsständen und wuselnden Teilnehmern mal eben eine Fraueninitiative gründen – und dass wir eines Tages einen Gottesdienst in einem Table-Dance-Club feiern würden.

Bei unserem ersten Treffen durchforsteten wir das Internet, um das Rotlichtmilieu unserer Stadt kennenzulernen. Das Angebot war vielfältig und reichte von Modellwohnungen, Wohnwagen und Parkplätzen über klassische Bordelle bis hin zu Callgirls und Callboys. Es war erschreckend, was alles angeboten wird. Wir entschieden uns für einige Bordelle und marschierten Mitte Dezember 2010 mit vielen Geschenken und noch mehr Bedenken los. Da standen wir also, ganz real und als Frauen, in einem echten Bordell. Wir wussten nicht, ob es klappen würde, hier drinnen Weihnachtsgeschenke zu verteilen, denn Frauen, die nicht in diesem Gebäude arbeiten, ist der Zutritt untersagt. Wir wussten auch nicht, was uns überhaupt erwartet – wir wussten nur, dass wir diese Arbeit machen möchten und dass wir dabei sehr auf Gott angewiesen sind.

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Seitdem gehen wir alle drei Wochen zu den Frauen, schon seit über zwei Jahren. Bei den Türstehern sind wir als „Betschwestern“ oder „die Christen“ bekannt, wenn wir sie vollgepackt mit Geschenken und Bibelversen um Einlass bitten. Weggeschickt hat uns noch niemand. Manchmal halten uns die Frauen für das Gesundheitsamt oder die Polizei, weil wir aufgrund unserer Bekleidung offensichtlich nicht als Sex-Arbeiterinnen tätig sind. Unser Team hat sich vergrößert und besucht mittlerweile auch einen Straßenstrich in unserer Stadt.

Roxanas Geschichte

Bei einem der Besuche trafen wir Roxana, die uns erzählte, dass sie aussteigen will. Roxana wohnte im Bordell, bekam trotzdem nichts von dem Geld, das sie verdiente, und hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern. Ihr Zuhälter war zu diesem Zeitpunkt gerade im Ausland und hatte einen Monat Einreiseverbot nach Deutschland. Trotzdem traute sie sich nicht allein in die Öffentlichkeit – aus Angst vor den Handlangern des Zuhälters.

„Menschenhandel ist das lukrativste und am schnellsten wachsende Gewerbe der Welt, noch vor Drogen- und Waffenhandel“

Wir trafen uns an belebten Plätzen mit Roxana; sie kam stets mit dem Taxi zu unseren Treffen. Wir begleiteten sie auch zu einer Informations- und Beratungsstelle für Frauen mit Migrationshintergrund. Mittlerweile wohnte sie nicht mehr im Bordell, sondern bei einem Freier. Doch an dem Tag, als wir ihr einen freien Platz in einer Entzugsklinik vermitteln wollten, kam Roxana nicht zum vereinbarten Treffen – und war seitdem nicht mehr erreichbar. Sie hatte wieder angefangen zu arbeiten. Und nun sitzt sie neben mir, trinkt ihren Kaffee und erzählt, dass sie vor wenigen Tagen ihre Kinder gesehen hat, denen es gut geht. Ihre älteste Tochter möchte zu ihr ziehen; eine Wohnung und ein neuer Job sind unabdingbar. Niemand aus ihrer Familie darf erfahren, dass sie als Prostituierte gearbeitet hat. Sie schämt sich dafür.

1,5 Millionen Freier pro Tag

Offiziell arbeiten in Deutschland rund 400.000 Menschen in der Prostitution, wobei die vermutete Dunkelziffer doppelt so hoch ist. Davon sind circa 95 Prozent weiblich, die meisten von ihnen sind Migrantinnen. Wir treffen bei unseren Einsätzen vorwiegend Frauen aus Osteuropa, aber auch aus Thailand, Südamerika und Afrika, vor allem aus Nigeria, an. Ihre Dienste sind gefragt wie nie: Geschätzte 1,2 bis 1,5 Millionen Männer nehmen in Deutschland pro Tag die Dienstleistungen von SexarbeiterInnen in Anspruch – weiblichen wie auch männlichen. Einige Männer reisen extra aus dem Ausland nach Deutschland, um hier ein Wochenende im „Sex-Paradies“ zu verbringen. Mit rund 15 Milliarden Euro Umsatz im Jahr allein in Deutschland hat sich das Gewerbe zu einem lukrativen Wirtschaftszweig entwickelt. Der Verein Hydra e.V. – Treffpunkt und Beratung für Prostituierte geht davon aus, dass jeder dritte Mann Geld für Sex als Dienstleistung ausgibt.

Betrogen und verkauft

Kaum einer der Freier interessiert sich dafür, wie die Mädchen hierher gekommen sind. Viele der oft noch Minderjährigen wurden durch einen sogenannten „Loverboy“ in die Prostitution gezwungen. So auch Roxana. Weil ihr Ex-Mann sie misshandelte, wohnte Roxana im Frauenhaus. In dieser Zeit lernte sie Anjo* kennen. Anjo überhäufte sie mit Geschenken und Komplimenten, las ihr jeden Wunsch von den Augen ab und behandelte sie mit Respekt und Bewunderung. Roxana blühte auf und verliebte sich in Anjo, der von einem gemeinsamen Leben sprach und ihr versicherte, dass er sie über alles liebe. Irgendwann sprach er nicht mehr davon, sondern nur noch über Geldprobleme und dass Roxana ihm helfen müsse. Er schickte sie in die Prostitution, und statt Geschenken erhielt sie nun Schläge von Anjo, statt Komplimenten Drohungen.

Geschichten wie die von Roxana hören wir immer öfter. Andere Frauen oder Kinder werden von ihren Familien verkauft, von Fremden entführt oder durch die Perspektive auf Arbeit in den Westen gelockt, wo sie schließlich ihren Körper verkaufen müssen. In diesem Fall spricht man von „Zwangsprostitution“.

Foto: thinkstock

Aber nicht allen Frauen ergeht es so. Es gibt auch Prostituierte, die freiwillig angefangen haben und das Geld, das sie durch die Prostitution verdienen, komplett für sich verwenden können. Viele Frauen wissen jedoch nicht, worauf sie sich einlassen und träumen vom großen Geld, während sie innerlich mehr und mehr abstumpfen und ihr Männerbild immer negativer wird. Ich habe schon viele Frauen getroffen, die nur ein oder zwei Jahre in der Prostitution arbeiten wollten, nun aber nicht mehr aufhören können. Alexia* beispielsweise erzählte mir bei einem unserer Einsätze, dass sie im Rotlichtmilieu angefangen hat, um sich ein Auto zu finanzieren. Das Geld für ihr Auto hatte sie innerhalb eines Jahres längst verdient. Sie wollte aussteigen. Nun ist sie aber bereits seit 13 Jahren als Prostituierte tätig, weil sie sich an ihren hohen Lebensstandard gewöhnt hat und den Ausstieg nicht schafft.

Generell lässt es sich schwer beurteilen, ob die Frauen, die wir im Bordell und auf der Straße treffen, zur Prostitution gezwungen werden oder freiwillig angefangen haben. Hierzu gibt es keine offiziellen Zahlen. Die Einstiegsmotive sind nicht immer schlüssig und hören sich eher nach vorgegebenen und auswendig gelernten Floskeln an. Oft reicht bereits ein Blick in die Augen der Frauen, um hinter der fröhlichen Fassade viel Schmerz, Angst und Leid zu erkennen. Die wenigsten Frauen trauen sich zu sagen, wie es ihnen wirklich geht und weswegen sie ihren Körper verkaufen müssen. Sie werden von ihren Zuhältern bedroht und erpresst.

Menschenhandel – das lukrativste Geschäft

Frauen und Kinder, die zur Prostitution gezwungen werden, sind Opfer von Menschenhandel. Der Begriff spricht für sich: Menschen werden wie Ware ge- und behandelt. 79 Prozent der Opfer von Menschenhandel werden sexuell, 18 Prozent durch Zwangsarbeit und 3 Prozent in Haushaltsdienstleistungen, durch Organhandel oder Zwangsheirat ausgebeutet. Schätzungsweise betrifft dies 27 Millionen Menschen weltweit, wobei die Kinderarbeit nicht mitgezählt wird. Die meisten Opfer von Menschenhandel werden in die USA sowie die zentral- und westeuropäischen Staaten verkauft. Die wichtigsten Abnehmer in Westeuropa sind Belgien, Griechenland, Italien, die Niederlande – und Deutschland. Menschenhandel ist das lukrativste und am schnellsten wachsende Gewerbe der Welt, noch vor Drogen- und Waffenhandel.

Bild: pixabay

Im Jahr 2009 wurden in Deutschland 534 Ermittlungsverfahren im Bereich des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung abgeschlossen (§§ 232, 233a Strafgesetzbuch). 85,8 Prozent der Opfer stammten aus dem europäischen Raum, neben Deutschland vor allem aus Rumänien und Bulgarien. Seit dem Schengener Abkommen, in dem die Grenzkontrollen zwischen den Schengenstaaten abgeschafft wurden, erfolgt der Transport von Sexarbeitern noch „problemloser“. Außerdem ist eine Zunahme von Kinderprostitution erkennbar. Jedes fünfte Opfer aus diesen Ermittlungsverfahren war minderjährig. Sechs Prozent der Opfer waren zum Tatzeitpunkt unter 14 Jahre alt. Damit hat sich die Zahl der unter Vierzehnjährigen gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt, während die Zahl der registrierten Tatverdächtigen sank.

Die Bemühungen der Regierung, Opfer von Menschenhandel zu schützen, sind gering. Zum einen verdient der Staat durch Steuern auf Bordelle kräftig mit. Zum anderen reicht das Netzwerk der Menschenhändler und ihrer Unterstützer in alle sozialen Schichten und gesellschaftlichen Bereiche hinein, selbst in Politik, Justiz und Polizei. Prostitution ist kein Problem einzelner sozialer Schichten.

Sklaverei hat in unserer Zeit einen anderen Namen und ein anderes Gesicht. Aber es gibt derzeit mehr Sklaven als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Dabei könnte dies durch strengere Gesetze eingedämmt werden. In Schweden beispielsweise ist der Anteil der Sexarbeiter im Vergleich zu Deutschland prozentual gesehen sechs Mal geringer. Der Grund hierfür: Schwedens Anti-Prostitutionsgesetz, das nicht die Frauen, sondern die Männer bestraft, wenn es zum Kauf einer sexuellen Dienstleistung kommt. Für Menschenhändler ist Schweden unattraktiv geworden. Freier gelten hier mittlerweile als Verlierer. Die symbolische Bedeutung des Gesetzes hat also augenscheinlich auch Auswirkungen auf die Einstellung der schwedischen Bevölkerung.

Grünes Licht für Rotlicht

Deutschland geht einen anderen Weg. 2002 trat das Prostitutionsgesetz in Kraft, das die Sexarbeit als Form der legalen Erwerbstätigkeit anerkennt. Seitdem wächst der Menschenhandel, damit die steigende Nachfrage der Freier durch ein vielfältiges Frauen- und Sex-Angebot befriedigt werden kann. Seit Einführung des Prostitutionsgesetzes erlaubt auch das Strafgesetzbuch die Zuhälterei, solange keine Ausbeutung der Prostituierten statt findet – doch das ist naturgemäß schwer zu überprüfen. Hierfür müssten die Frauen vor Gericht aussagen, wozu es jedoch ausgesprochen selten kommt.

Foto: Pixabay

Auch Roxana hätte guten Grund, gegen Anjo auszusagen, erzählt sie mir. Aber sie schaut mich nur traurig an und schüttelt den Kopf. Sie hat Angst. Sie wird auch nicht seinen richtigen Namen nennen. Sie wird lediglich darauf hoffen, dass sie Anjo nie wieder sieht und dass er all die Drohungen, die er im Laufe der Zeit ausgesprochen hat, nicht wahr werden lässt. Sie sagt, sie habe ihn geliebt. Sie wolle keine Rache, sondern Ruhe. Und sie möchte endlich das Geld, das sie verdient, für sich behalten.

Beschenken, zuhören, beten

Während unserer Einsätze müssen wir darauf achten, das Geschäft der Frauen nicht zu behindern und den Freiern den Vortritt zu lassen. Manche der Frauen müssen einen täglichen Betrag an ihre Zuhälter oder Zuhälterinnen zahlen und sind darauf angewiesen, genug Geld zu verdienen. Hinzu kommt die Miete, die in einem Bordell bis zu 200 Euro pro Tag betragen kann.

Wir lernen bei unseren Einsätzen regelmäßig neue Frauen aus aller Welt kennen und stellen uns auf Deutsch, Englisch, Spanisch oder mit Händen und Füßen vor. Wir verteilen Geschenke, Bibelverse und unsere Visitenkarten, kommen mit den Frauen ins Gespräch, bieten Hilfe an, wenn es zum Beispiel Probleme mit Ämtern oder Behörden gibt, und beten für sie.

Wir beten auch für die Männer – nicht mit ihnen zusammen, aber für sie. Das ist nicht immer einfach, vor allem nicht, wenn man in einem Bordell das Ende eines Telefongesprächs mithört, bei dem ein Mann seine Freundin mit „Bis später, Schatz!“ verabschiedet, während er die Prostituierten mustert. Aber es ist wichtig, damit sich langfristig wirklich etwas ändert. Unsere Gesellschaft braucht ein anderes Verständnis von Männlichkeit, Weiblichkeit und Sexualität.

„Es gibt derzeit mehr Sklaven als jemals zuvor
in der Geschichte der Menschheit“

Manchmal bin ich hoffnungslos, fühle mich inkompetent und frage mich, ob unsere Arbeit überhaupt etwas bringt. Es ist anstrengend, all die Geschenke zu besorgen, Spenden in Gemeinden oder anderswo zu erbitten und Zeit und Nerven in diese Arbeit zu investieren. Ich fühle mich dann erschlagen von den riesigen Themen der Weltgeschichte – Menschenhandel, Ungerechtigkeit, Ausbeutung – und muss aufpassen, dass ich nicht den Mut verliere. Aber immer, wenn wir nach einem Einsatz beim Beten zusammenstehen, weiß ich, wofür ich das alles mache.

Gerade bekomme ich eine SMS von Stella**, die wir vor wenigen Monaten kennengelernt haben, die ebenfalls ausgestiegen und momentan auf Jobsuche ist. Wir haben ihr vor wenigen Tagen Geld überwiesen, weil sie in finanziellen Problemen steckt. Auf meinem Display steht: „Hallo Hannah. Ich danke dir. Danke euch allen. Danke!“


*Die Autorin möchte anonym bleiben.

**Alle angegebenen Namen wurden von der Redaktion geändert.

Dieser Beitrag ist im Magazin DRAN NEXT erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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