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Single-Sex: Wohin mit meiner Lust auf Liebe?

Gibt es für christliche Singles mehr als ein „Nein“ zum Geschlechtsverkehr? Tina Tschage wünscht sich unter Christen eine offene Diskussion über Körperlichkeit –  auch über das Thema Selbstbefriedigung.
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Von Tina Tschage

„Sex gehört in die Ehe.“ Diese Antwort von – meist verheirateten – Personen in geistlicher Verantwortung bekomme ich oft auf meine Frage als Single, wie ich denn mit meiner Lust auf Sex umgehen kann. Ich bin überzeugt: Diese Antwort fußt vor allem in dem Denken, Sex als Kurzform von Sexualität sei allein das, was zwischen Mann und Frau im Bett passiert – Geschlechtsverkehr. Dabei ist Sexualität so viel mehr. Und gerade uns Singles würde es helfen, wenn wir anfingen, viel mehr von der „Langversion“ zu sprechen. Ja, ich als Single-Frau Mitte 30 verzichte bewusst auf Geschlechtsverkehr. Denn dieser intime und liebevolle Akt gehört für mich tatsächlich in eine tief verbundene Beziehung und nicht in eine einzige Nacht mit einem Objekt meiner Begierde. Aber muss ich deshalb auf jede Form von Sexualität verzichten, wie es die meisten Singles tapfer oder krampfhaft versuchen (und es klappt oft überhaupt nicht …)?

Sich selbst lieben

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Die aktuelle Single-Studie des Intituts empirica hat offenbart: Bei vielen christlichen Singles stimmen beim Thema Sexualität Einstellungen und Praxis nicht überein, was zu niedriger Zufriedenheit führt – fast zwei Drittel der Befragten sind unzufrieden mit ihrer Sexualität. Obwohl die meisten behaupten, es sei angebracht, mit Sex bis zur Ehe zu warten, haben die allermeisten schon vorher Geschlechtsverkehr, und zwar mit mehreren Partnern. Und: Je unzufriedener Singles mit ihrer Sexualität sind, desto größer ist der Wunsch nach einem Partner.

Das sagt mir: Wir Singles könnten viel zufriedener mit unserem Leben und deutlich entspannter in der Partnersuche sein, fänden wir eine gute Art, unsere Sexualität zu leben. Dafür aber müssen wir die vielen Facetten von Sexualität entdecken – denn Geschlechtsverkehr ist vielleicht der Höhepunkt aller Sexualität, aber eben doch nur ein Teil. Zu meiner Sexualität als Frau gehört auch, wenn ich meine besten Freundinnen kräftig knuddle. Wenn ich mich schick mache und liebevoll meine Weiblichkeit in Szene setze. Wenn ich mich beim Sport verausgabe. Wenn ich meiner Lust nachgehe und mich selbst berühre. Selbstliebe ist ein wichtiges Thema – nicht nur für Singles, aber besonders für uns: Das kann genitale, erotische Selbstliebe sein; genauso wichtig ist aber auch das schlichte „Sich-Selbst-Lieben“ – an Körper, Seele und Geist. Diese drei gehören zusammen.

Wer keinen Sinn für sich selbst und für seinen eigenen Körper hat – und das ist meiner Erfahrung nach die Mehrheit der Christen (das betrifft nicht nur Singles!) – der wird mit seinem Lebensstand, mit seinem Leben überhaupt, nie versöhnt und glücklich sein können. Mir sind so viele Frauen begegnet, die sich zum Beispiel nicht einmal am ganzen Körper eincremen. Viele finden sich selbst insgesamt eher hässlich und ihren Körper widerlich. Das Buch Schön ohne Aber zeugt von diesem Drama bei Frauen und Männern. Wer lange Single ist und durch eine – auch erotische – Beziehung nie herausgefordert wird, seine eigene Körperlichkeit zu entdecken, dem fehlt etwas Wesentliches im Leben. Ich bin ein großer Fan der schweizerischen Sexualtherapeutin Veronika Schmidt. Ihre Aufklärungsbücher für Erwachsene und ihre Blogs, in denen sie Antworten auf Leserfragen gibt, begeistern mich. Veronika wirbt dafür, den eigenen Körper zum Freund zu gewinnen: „Selbstbefriedigung ist Teil der Beziehung zu sich selbst und hat zunächst einmal nur mit mir selbst und nicht mit einer Paarbeziehung zu tun. Es ist schlicht und einfach die Hinführung auf eine zukünftige sexuelle Partnerschaft.“

Positiv Raum schaffen

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Fakt ist: Wir Singles klammern unsere Sexualität oftmals aufgrund des zitierten Eingangs-Statements formal und komplett aus – und verlagern sie dann in die Heimlichkeit unseres Lebens oder machen eben, was wir wollen – fernab dessen, was sogar wir selbst als eigentlich gute christliche Norm leben wollen (das bestätigt die oben genannte Single-Studie). Ich bin überzeugt, dass Pornografiesucht und verdeckte Bett-Geschichten bei Männern wie Frauen hier ihren Ursprung haben: weil wir nicht über unsere Sexualität sprechen, mit niemandem. Es fehlen die geschützten Orte dafür – und die Gesprächspartner.

In den meisten christlichen Gemeinden wird uns Singles erzählt, was wir alles nicht dürfen – Geschlechtsverkehr eingeschlossen. Was wir dürfen und wie wir mit unserer Lust umgehen können, dazu finden sich selten hilfreiche Tipps. Von Vorbildern ganz zu schweigen. Wie in eigentlich allen Lebens- und Glaubensthemen wünsche ich mir auch in der Sexualität, dass niemand allein unterwegs sein muss. Ich merke, wie groß die Offenheit und auch der Mut sind, über diese Fragen, Ängste und Herausforderungen zu sprechen, wenn wir wissen: Hier darf ich – und hier werde ich nicht bewertet oder verurteilt oder mit einfachen Verboten abgespeist.

Am ehesten entstehen solche Gespräche dort, wo ich mich zu Hause fühle. Und das ist für viele Christen das Gemeindeumfeld. In diesem Sinne hoffe ich sehr, dass die Single-Studie uns Singles auf den Weg bringt zu uns selbst, damit wir unsere Sexualität annehmen und leben – und zwar so, wie es zu jeder und jedem von uns passt – auch im Frieden mit unserem Gott. Und ich hoffe auch, dass in Gemeinde offener und ehrlicher im angemessenen Rahmen und von guten Vorbildern über Single-Sex gesprochen wird. Dadurch, dass die meisten Pastoren seit ihren 20er Jahren verheiratet sind und meist nur aus der Theorie zu Singles sprechen können, brauchen wir Singles – oder mindestens Personen, die sehr lange Single waren –, die ihr Herz und ihren Erfahrungsschatz öffnen und andere ermutigen, sich auf den Weg zu ihrer Sexualität zu machen. Es gibt auch für Singles so viel zu entdecken! Und das wird unserer Lebendigkeit dienen.

Tina Tschage arbeitet als Coach, Rednerin und Autorin. Sie lebt als Single in einer christlichen Lebensgemeinschaft.


Aufatmen Cover 2_20Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe 2/20 der Zeitschrift AUFATMEN (2/20) erschienen.

 

 

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