Slava Bowman, unsplash.com

In der globalisierten Welt setzen alle auf Wachstum. Mehr ist immer gut. Kennzahlen machen Erfolg äußerlich messbar. Auch Gemeinden machen da mit, kritisiert Stefanie Linner von Micha Deutschland und fragt: Wie steht es um unsere Nächstenliebe? An welchem Horizont wollen wir sie messen?

Alles muss wachsen. Und das möglichst immer schneller. Unser Besitz, unsere Wohnflächen, unser Ansehen, die Wirtschaft. Ansonsten droht der Untergang – das vermitteln viele laute Stimmen. Es gibt keinen Alternativplan. Wenn die Zahlen nicht stimmen, geht es nur bergab mit dem Wohlstand und unser gutes Leben geht den Bach runter.

Diese Denkweise ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist im Laufe der Geschichte entstanden. Heute ist sie uns aber so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir sie oft einfach so hinnehmen und uns ihrem Credo des „Höher, schneller, weiter“ oft unhinterfragt unterwerfen. Auch in vielen Gemeinden wabert dieser „Excel-Geist“. Sag mir wie viele Schäfchen du versammelst, und ich sage dir, ob du eine gute Gemeinde bist. Zeige mir, um wie viele Schäfchen und Seelen sie sich jährlich vermehrt und ich sage dir, ob du eine erfolgreiche Gemeinde bist. Die Gleichung scheint einfach: Erfolg = zahlenmäßiges Wachstum.

Welches Jesus-Modell spiegeln die Gemeindekulturen in Deutschland? Welche Art von Wachstum wird gefördert, was gilt als Erfolg?

In Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung ist es ja auch so einfach geworden, unsere körperliche Reichweite zu vergrößern: Unsere Finger tippen sich in die ganze Welt, unsere Körper reisen so weit uns Billigflieger oder Last Minute-Angebote bringen. Unser Aktionsradius hat sich ständig erweitert. Doch gilt das im gleichen Maß für unser Innenleben? Was ist mit unseren Gefühlen, unserem Seelenleben oder gar unserem Glauben? Ist unser Verständnis von Nachfolge und Nächstenliebe ebenso in die Welt hinaus gewachsen? Hält unser Innen mit dem Außen Schritt?

Unser Inneres „geht“ anders. Inneres Wachstum ist kein Selbstläufer. Und es lässt sich schon gar nicht erkaufen, beschleunigen oder durch Zahlen messen. Charakter entsteht in „Echtzeit“, mit echten Menschen und tiefen Erfahrungen. Nur weil ich 35 Länder bereist habe, bin ich noch lange kein „Mann von Welt“ oder eine Frau mit Weltblick. Unser Selbstbild, unser Weltbild und auch unser Gottesbild werden entscheidend durch Begegnungen und Vorbilder geprägt.

So ist auch Nachfolge kein Automatismus. Sie ist kein Effekt aus effektvollen Gottesdiensten oder langen Mitgliederlisten. Wie wir unseren Weg mit Jesus verstehen und angehen, hängt direkt damit zusammen, wie wir ihn gelehrt und vorgelebt bekommen: Welches Jesus-Modell spiegeln die Gemeindekulturen in Deutschland? Welche Art von Wachstum wird gefördert, was gilt als Erfolg? Welches Weltbild entsteht durch die Art und Weise unserer Lehre?

„Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (Joh 3,16)

Jesus hat Welthorizont. Selbst wenn Jesus körperlich kein Jetset-Leben führte, war er durch und durch Kosmopolit. Jesus war und ist Weltenbummler und Erdenbürger. Als Sohn Gottes kam er in diese Welt, um ganz in ihr zu sein, in ihr zu wohnen, um mit uns zu sein, mit seiner Schöpfung. Er ist ein Versöhner aller Völker, ein Kenner aller Kulturen, ein Verbinder aller Verletzungen – egal wo sie auf seinem Planeten passieren. Gott gibt’s nur global. Ihm zu glauben und seinem Sohn nachzufolgen, meint immer auch ein Leben mit Welthorizont zu führen. Nachfolge geht über den Tellerrand. Wachstum mit Jesus zeigt sich an der Weite des Horizonts und der Weichheit des Herzens.

Fragen: Was bedeutet Nachfolge heute? Welches Verständnis von Nächstenliebe wird in unseren Gemeinden vorgelebt? Bin ich offen dafür, meine Ideen von Nächstenliebe und Mitgefühl verändern zu lassen?

Beten: Gott, ich bitte Dich, zeige mir deinen Blick auf die Welt. Hilf mir, deinen Pulsschlag für deine Schöpfung zu fühlen. Zeige mir, wie ich mit dir hinsehen kann, was in deiner Welt passiert. Weise du mir einen Weg, der deinem Willen für die Welt nachgeht.

Handeln: Blickwechsel: Suche dir in diesem Monat eine Person, die aus einem anderen kulturellen Hintergrund kommt oder einen anderen Glauben hat als du. Frage die Person mit offenem Blick und Herzen danach, was für ihn oder sie das Wertvollste der eigenen Kultur oder des Glaubens ist.

Einfach leben Micha