Wenn wir anders leben wollen, müssen wir neu denken lernen, ist der Theologe Heinrich-Christian Rust überzeugt: „Es braucht Menschen, die sich vor Gott und dieser Erde verantworten.“

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Enkelbesuch war angesagt. In einem Telefongespräch überlegten wir mit ihnen, was wir in den gemeinsamen Tagen alles tun könnten: „Im Garten bei uns sind auch viele Bienen und Hummeln“, erklärte meine Frau Christiane den Kindern und hakte nach: „Ihr wisst doch, was eine Hummel ist, oder?“ Spontan rief der vierjährige Henri: „O ja, ich weiß das. Vor kurzem hat mich eine dicke Hummel lange beobachtet!“ Was für eine ungewöhnliche Aussage, dachte ich bei mir. Ich selbst hätte in Henris Situation wohl gesagt: „Vor kurzem habe ich eine dicke Hummel beobachtet.“ Unwissentlich hatte er damit eine Art Paradigmenwechsel beschrieben, um den ich mich seit einiger Zeit intensiv bemühe. Es geht um grundlegende Denk-und Verstehensmuster, wie ich als Christ in dieser Welt lebe.

Neue Menschen

Wir brauchen in dieser Zeit, in der sich eine Fridays-for-Future-Bewegung auf wissenschaftliche Fakten berufen kann, ein radikales Umdenken. Es braucht neue Menschen: Menschen, die in sich demütig und bescheiden sind; Menschen, die sich vor Gott und dieser Erde verantworten. Es braucht Menschen, die der globalisierten Gesellschaft Freundschaft vorleben, in der einer den anderen höher als sich selbst achtet. Es braucht Menschen der Hingabe, die loslassen können und Verzicht nicht als Verlust verstehen. Das ist die Zukunftsmusik, die ich höre, wenn wir Christen bekennen, dass wir den Geist Christi empfangen haben.
Wenn ich diese Sätze schreibe, so frage ich mich, ob das nicht zu vollmundig ist. Doch nicht nur die Menschheit in einer Corona-Pandemie, sondern auch dieser schreiende und sterbende wunderschöne Planet Erde kann sich nicht mit „angegrünten“ ethischen Floskeln und Dokumenten zufriedengeben.

Es geht nicht um eine Theologie für die Umwelt und die Ökologie, sondern um eine radikale Einbeziehung der Gottesfrage in die Ökologie.

Wenn es Gott gibt, und davon gehen wir Christen doch aus, so ist diese Welt und alles, was darin atmet, auf ihn bezogen. Wenn Jesus nicht nur der Messias der Juden, der Christen, sondern der ganzen Menschheit, ja, dieser Erde ist, dann können eine Erlösungslehre und auch die Mission niemals nur auf Menschen konzentriert bleiben. Jesus, das „Lamm Gottes trägt die Sünden der ganzen Welt“.

Neue Schöpfung

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Das Studium der biblischen Schriften hat mir hier eine neue Sicht vermittelt, die ich zuvor nicht hatte. Ja, ich bin zu einer umfassenderen Weltanschauung gelangt, weil ich Jesus immer mehr anschaue. Das fängt schon damit an, dass ich ihn als den Ursprung allen Lebens betrachte, denn „alles ist durch ihn geschaffen“. Ich lese die ersten Schöpfungsberichte in der Bibel neu und entdecke, dass die Erde lange vor uns schon „sehr gut“ geschaffen war. Sie wurde nicht erst am sechsten Schöpfungstag durch den Menschen gut. Ich entdecke, dass die Erde wie eine gottgewollte Matrix des Lebens ist. Aus ihr soll Leben hervorgehen. Zwar teile ich nicht jene Gaia-Theorie, nach der die Erde als ein selbstorganisiertes dynamisches System gilt, das quasi neben Gott als autonomes Lebewesen verehrt wird. Die Erde ist ein Geschöpf Gottes und sollte nicht die Stellung Gottes erhalten. Gleichwohl ist sie wie eine Mutter, sie trägt uns. Nicht wir Menschen tragen diese Erde. Das ist ein Umdenken. Ich weiß sehr wohl von dem staunenden Gebetsbekenntnis des David in Psalm 8, in dem er die Schönheit dieser Erdenwelt und den Menschen mit Ehre und Herrlichkeit „gekrönt“ beschreibt. Sicher hat der Mensch eine herausragende Verantwortung in dieser Schöpfungsgemeinschaft. Er ist aber an keiner Stelle berechtigt, diese Erde auszubeuten und zu unterdrücken. Seine Verantwortung ist eine Autorität zum Bewahren und Pflegen dieser Erde. Der Höhepunkt der Schöpfung, wie sie uns im ersten Buch der Bibel beschrieben wird, war am siebten Tag, als Gott den Sabbat, die Ruhe, schuf. Dieser Sabbat legt einen Glanz auf alles Vorläufige und weist auf eine Vollendung der Schöpfung hin, auf den neuen Himmel und die neue Erde (Offenbarung 21).

Nun lerne ich, auf meine alten Tage, eine radikale Bekehrung im Denken und Bewusstsein vorzunehmen. Das hat für meine Spiritualität eine vielfältige Bedeutung, ja, für mein gesamtes Leben. Einige Erfahrungen werde ich hoffentlich noch mit meinen Enkelkindern teilen können. Ich möchte nicht, dass sie nur wütend auf die Straßen gehen und nach neuen Programmen suchen. Ich möchte, dass sie die neue Schöpfung kennenlernen.

Dabei geht es zunächst darum, auch von der Schöpfung selbst zu lernen, sie zu ehren und als Lebensraum zu würdigen.

Drei Akzente will ich hier aufzeigen, wenngleich ein solcher Lebensstil in der Schöpfungsgemeinschaft noch viele weitere Entdeckungen zulässt.

Die Schöpfung betet

Ich lerne, dass die Schöpfung auf Gott bezogen ist und ihn lobt und verherrlicht. So bekennt der Psalmist: „Die Himmel erzählen von der Ehre Gottes“ (Psalm 19) und er fordert die Bäume auf zum Lob Gottes (Psalm 96). Es geht um eine Kommunikation mit der Schöpfung in der Gegenwart Gottes. Da ist nicht nur das Staunen über die Artenvielfalt, da ist nicht nur der Glanz des Kosmos und die Schönheit der Welt. Die Schöpfung verkündigt zugleich. Sie will uns etwas mitteilen von Gottes Macht und Schönheit. Wenn wir Christen in unserem Lob verstummen, so loben ihn die Steine, Berge, Bäume, die Pflanzen und Tiere, ja, die gesamte Schöpfung. Das ist ihre Berufung. Sie ist nicht nur dafür geschaffen, den Menschen zu erfreuen und zu ernähren. Sie lobt Gott und erzählt von seiner Größe. Deshalb werde ich mit dem kleinen Henri auch auf die Vogelstimmen hören. Es mag eigentümlich klingen, aber diese gemeinsame Anbetung wird uns allen helfen, dass wir eine neue Weitsicht bekommen für die Zukunft dieser Erde.

Die Schöpfung seufzt

Aber die Erde erzählt nicht nur von Gottes Weisheit, Macht und Schönheit, sie stöhnt auch, sie seufzt unter allem Leiden. Auch in ihr gibt es die Kräfte der Bosheit, des Todes, der Vergänglichkeit. Sie seufzt unter dem unverantwortbaren Zugriff einer gierigen Menschheit, sie seufzt unter der Gottesferne. Sie seufzt (Römer 8,22)! Mir hilft diese Wahrnehmung dabei, genauer hinzuschauen. Als ich kürzlich durch die Wälder des Ostharzes fuhr, kamen mir die Tränen: Ganze Hügelketten erschienen wie verbrannte apokalyptische Schreckgestalten. Wo einst das satte Grün der Tannen leuchtete, gab es nur noch diesen Schrei. Nun kann man sagen: Es war die Dürre, es waren die Borkenkäfer. Ja, sie haben dazu beigetragen, dass das Seufzen der Schöpfung an diesem Ort lauter und lauter wurde. Nicht nur eine Fridaysfor-Future-Bewegung schreit: „Wie könnt ihr es wagen, so weiterzuleben?!“ Täglich höre ich diese Schreie der Schöpfung. Das Seufzen der in Massenhaltung gezüchteten Tiere, der männlichen Küken, die gleich nach dem Schlüpfen in einen Schredder gesogen werden. Ich höre die Schreie der weinenden Gletscher. Sie mahnen mich und erinnern mich an die Schöpfungsgemeinschaft. Für manche ist der Schrei der Tiere so laut, dass sie gänzlich darauf verzichten, Fleisch zu essen. Sie setzen damit für sich und andere ein Zeichen. So diskutieren wir in unserer Familie, wie wir den Fleischkonsum radikal einschränken können, um den Wahnsinn der Massentierhaltung einzuschränken. Es ist ein „Mitseufzen“.

Die Schöpfung wartet

Hier wird schon ein anderer Akzent deutlich, der aus dem Bewusstsein einer Schöpfungsgemeinschaft erwächst. Paulus formuliert: „Die ganze Schöpfung wartet auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes“ (Römer 8,19). Es ist diese oft schweigende Schöpfung, die etwas von der neuen Schöpfung ahnt. Wenn wir als Christen bezeugen, dass der Geist Gottes in uns wohnt und die neue Schöpfung in uns schon begonnen hat, dann dürfen wir diese wartende kosmische Schöpfung nicht aus dem Blick verlieren. Wir haben einen Hoffnungshorizont. Diese Welt hat eine Zukunft. Als Kinder Gottes bekennen wir, dass am Ende ein neuer Himmel und eine neue Erde stehen. Am Ende wird selbst der Tod tot sein, weil Christus das Leben ist. Gott wird alles in allem sein (1. Korinther 15,28). Was für eine Zukunftshoffnung, was für eine Erwartung!

Wenn mich nun eine Hummel anschaut, eine Blume vor meinen Augen wegknickt oder der ganze Kosmos wütet, dann nehme ich diese Schöpfungsgemeinschaft anders wahr. Ich will überzeugt alle Initiativen unterstützen, die diese Erde nicht nur als ihren Herrschaftsbereich sehen, sondern die für diese Erde Verantwortung übernehmen. Ich lerne Tag für Tag und Nacht für Nacht, mit dieser Schöpfung auf Gottes neue Ankunft zu warten.

Dr. Heinrich Christian Rust ist Theologe und Baptistenpastor im Ruhestand

Dieser Artikel ist Teil unserer Themenwoche „ANDERS LEBEN. Alle weiteren Artikel, Informationen & Literaturtipps zum Thema finden Sie >>> hier.

andersleben CoverDies ist die gekürzte Version des Artikels „Wenn die Hummeln uns beobachten“, den Heinrich Christian Rust für die Startausgabe des Magazins andersLEBEN geschrieben hat.

andersLEBEN erscheint im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört

 

 

 

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Die Gaia-Hypothese besagt lediglich, dass die Biosphäre der Erde sich wie ein „sentient being“ (Wesen mit Bewusstsein) verhält, nicht, dass ein solches Wesen existiert.
    Es lohnt sich, sich mit Permakultur zu befassen. Da sind viele dieser Gedanken schon enthalten.

    Und Masanobu Fukuoka, der erste, der Permkultur betrieb noch bevor es diesen Begriff gab, hat schon erkannt, dass Landwirtschaft nicht nur zur Produktion von Nahrungsmitteln, sondern auch der Vollendung des Menschen dient.

  2. Die Bergpredigt gilt auch in der Politik

    Der Theologe Rust spricht mir aus der Seele: Es ist alles von Gott geschaffen. Das unendliche Universum, in seiner Größe schier unvorstellbar und von seinem Uranfang von Raum und Zeit geht der Pfeil bis zu unserem kleinen Planeten einer Sonne, von denen es in unserer Galaxien etwa 200 bis 400 Milliarden gibt. Dazu wahrscheinlich 1 Billionen Spiralnebel bzw. Galaxien. Alles was existiert, die gesamte Wirklichkeit sind die Gedanken Gottes: „Und Gott sprach, es werde Licht“! Einer der neuesten Ideen der Kosmologen behauptet, im Innersten bestehe die Wirklichkeit aus Mathematik. In der Sprache von uns Christen: „Es besteht alles aus Gott“. Oder irdischer formuliert sind wir Geist aus Gottes Geist. Gott will in uns leben dürfen.

    Aber dieser Schöpfer ist pure reine Liebe und Wahrheit. Er ist nicht fern, nicht jenseits von Raum und Zeit außerhalb des Alls.
    Nein, der himmlische Vater – der wie Vater und Mutter ist – und fürsorglich als eine himmlische Familie, ist wie der Schatten über unserer rechten Hand. In dem Menschen Jesus wird er uns zum Christus, zum Erlöser und zeigt uns wie Gott wirklich ist Und dieser Sohn Gottes ist gestorben und auferstanden als der Erstling einer neuen Schöpfung. Seine Erlösung ist die Erlösung jeder Kreatur im Universum, denn alles ist erschaffen für den Neuen Himmel und die Neue Erde. Dabei stellt Gott selbst – meiner Erachtens – unser menschliches Denken auf den Kopf: 1. Er straft nicht uns, sondern sich selbst als Jesus Christus am Kreuz 2. Gottes Gericht geschieht am Kreuz von Golgatha auch für jede Menschin und jeden Menschen auf Erden. 3. Wer einmal freigesprochen ist, kann nicht nochmals bestraft werden (nach irdischem Recht) 4. Gott wird abwischen alle Tränen von unseren Augen am Ende aller Zeiten, auch unserer Scham und Selbsterkenntnis 5. Gott kann nicht scheitern und versagen, auch nicht an uns, weil sich am Ende der alten Welt alle Menschen freiwillig mit Gott versöhnen. 6. Deshalb liebt Gott alle Menschen und Kreaturen und damit jeden Menschen, der je über diese Erde ging.

    Gott schickt keine Krankheiten, Kriege, Pandemien und Unglücksfälle. Er führt uns auch nicht in Versuchung. Denn in Jesus Christus sendet er uns sein Heil und auch unser Schöpfer wird uns nicht die Feuerwehr und den Arzt schicken und zugleich Feuer vom Himmel fallen lassen. Wenn uns jemand verführt, ist es unser eigener Wille, der Abgrund in uns (der Teufel) und dies wird der Himmel nicht verhindern, weil wir immer frei sind uns für oder gegen Gott zu entscheiden. Wir haben die Freiheit, den Heiligen Geist Raum in uns zu geben oder das Gegenteil. Dies ist unsere Würde, frei zu sein in Verantwortung.

    Mit dieser Grundlage gilt: In liebender Radikalität dürfen wir sein. Nicht intolerant, sondern liebend. Gottes gute Schöpfung zu bewahren ist unsere Aufgabe. Der Christenmensch ist ein freier Mensch, denn er muss im Konfliktfall Gott mehr gehorchen als menschlichen Regeln. In dem Bibeltext von 1 Korinther 13 sagt uns die Gotteserkenntnis der Urgemeinde: So sollen wir eigentlich sein – aber so ist Gott (auch zu uns). Christ*innen sind deshalb immer für die Bewahrung der Schöpfung zuständig, für das Mitwirken in Staat und Gesellschaft, in Gemeinschaft mit Menschen guten Willens. Der größte Irrtum ist, die Bergpredigt und das Liebesgebot Gottes gelte nicht in der Politik. Auch wenn diese Worte Jesu auf Erden wahrscheinlich nie perfekt verwirklicht werden können, so fängt doch auch hier eine weite Reise mit einem ersten Schritt an: Mit einer anständigen Sprache, mit friedlichem konstruktivem Streit und auch dem Vertrauen, Fehler und Fehleinschätzungen auch
    einzugestehen. Wir Christen werden glaubwürdiger, wenn die Gräben zwischen Konfessionen, Frömmigkeitsformen, Evangelikalen und liberalen Christen sich dadurch relativieren, dass sie miteinander beten, arbeiten und konstruktiv streiten.
    Und: Wenn wir aufhören zu glauben die Einzigen zu sein, die mit Gott die Ewigkeit verbringen dürfen. Die radikale Liebe zur Schöpfung braucht auch eine Reform der Landwirtschaft, mehr Kampf gegen die Klimaerwärmung und die Phantasie, dass jeder ertrinkende Flüchtling im Mittelmeer ist wie Jesus, den wir damit (gedanklich) erneut ans Kreuz schlagen. In unserer alten Welt verspeisen wir noch unsere Mitgeschöpfe, aber wir müssen nicht jede Hummel erschlagen und jeden Wurm zertreten. Die artgerechte Haltung von Tieren ist eine andere Form des Gotteslobes. Aber das wird meist verdrängt.

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