Nightfever in der Heilig-Geist-Kirche, Fulda (Johannes Müller_wikimedia_CC BY-SA 3.0).
Seit dem Weltjugendtag 2005 in Köln erlebt die katholische Kirche in Deutschland eine kleine Lobpreisbewegung. Wir haben uns in die Kirchenbank gesetzt und zugehört.

Von Laura Schönwies

Der Griff zum grauen Gesangbuch geht heute in die Leere. „Großer Gott wir loben dich“ bleibt im Regal. Die Devise lautet Albert Frey statt Choräle. Es ist Nightfever. Die kleinen Kerzen überall in der Kirche, die Tücher und die Band verraten es. Normalerweise steht auch keine Gebetsbox vor dem Altar. Die Kirche ist brechend voll. Und das an einem Samstagabend. Omi, Enkel und Daddy sind gekommen, um diesen besonderen Gottesdienst mit – zuerleben. Wie macht Nightfever das?

Nightfever ist ein Phänomen. Seit dem Weltjugendtag 2005 hat sich die Veranstaltungsreihe zu einer globalen Bewegung gemausert. Heute wird sie in über 200 Städten weltweit gefeiert, darunter über 70 in Deutschland. 26 Länder haben sich vom „Nightfever“ anstecken lassen. In bester katholischer Tradition verbreitet sich das Veranstaltungskonzept im Franchise-Prinzip: Der Formenkanon von Nightfever ist vorgegeben, aber innerhalb der Formen ist bemerkenswert viel Raum für Teilhabe, eine eigene Sprache und selbst erleben. Junge katholische Christen erleben ihre Kirche als Ort des spontanen Glaubens, den sie mitgestalten können. Dabei entdecken sie katholische Traditionen, die sie nur vom Hörensagen kennen: die eucharistische Anbetung zum Beispiel oder den eucharistischen Segen. Wer jetzt denkt „Whaaaaat?“ – einfach weiterlesen.

Während die katholische Messe durch ihre Liturgie streng getaktet ist, kann man bei Nightfever nicht viel falsch machen. Die Messe alleine würde aber noch kein Nightfever ausmachen. Es schließt sich übergangslos eine Phase des Lobpreises und des freien Gebets an. Besucher können währenddessen aus einer Box Bibelverse ziehen, um sich von Gottes Wort neu inspirieren zu lassen. In eine andere Box werfen sie Gebetszettel mit Anliegen und Sorgen hinein. Priester stehen bereit, um im Sakrament der Versöhnung den Menschen die Beichte zu spenden. Und das alles in einer Form, in der ich nicht zwingend die katholische Messe verstanden haben muss. Ähnlich einem Gebetsgarten sind der Kirchenraum und die Begegnungsangebote jedem zugänglich: Jeder kann den ganzen Abend, manchmal bis in die Nacht hinein, kommen und gehen wann er will. Mitglieder des Teams laden Passanten in den Fußgängerzonen spontan ein, in die Kirche zu kommen und eine Kerze anzuzünden. Einfach nur so, ohne Verpflichtung. Manche gehen sofort wieder, andere bleiben. Freiwilligkeit als Erfolgsrezept.

Wer hat’s erfunden?

Für die Katholische Kirche, in der die Messfeier einer strengen Liturgie folgt, sind das bemerkens- werte Freiräume zur persönlichen Entfaltung. Im Nachgang des Zweiten Vatikanischen Konzils waren es kleinere, charismatische Bewegungen innerhalb der Kirche, die das Aufbruchssignal aufnahmen und mit Formen experimentierten, die einen o enen Raum des Empfangs und der Begegnung mit Gott, Glaube und Kirche zu schaf- fen versuchten. Zu ihnen gehört die Gemeinschaft Emmanuel, die ihre Wurzeln in Frankreich hat. In den 90er Jahren entwickelte die Gemeinschaft ein o enes Gebetsangebot, das die Grundlage für die heutigen Nightfever-Abende bildet. Darin nden sich ganz organisch die drei Schwerpunkte wieder, die das Leben der Gemeinschaft bestimmen:

1. die „Anbetung“ – der stetige Kontakt mit Gott, um eine lebendige Beziehung mit ihm zu leben.

2. das „Mitleiden“ – die Fragen: Wie kann ich durch mein Gebet andere Menschen zu Gott bringen? Wie kann ich mich durch das, was ich mit Gott erlebe, anderen Menschen weitergeben?

3. die „Evangelisierung“: Wie kann ich andere (gerade auch glaubens-/kirchenferne) Menschen dabei unterstützen, eine Erfahrung mit Gott zu machen, um ihm zu begegnen?

In den Fokus solcher Gebetsabende setzte die Gemeinschaft die Anbetung der Eucharistie – „das konkrete Face-to-Face mit Jesus“, wie Thomas Lütkemeier von der Gemeinschaft Emmanuel es nennt. Dabei wird die gewandelte Hostie – der Leib Christi im Brot des Abendmahls – in einer Monstranz „ausgesetzt“, wie katholische Christen sagen. Die Monstranz ist ein „Zeigegerät“, das häufig an eine goldene Sonne mit Griff erinnert. In ihr Inneres kann der Priester die Hostie einsetzen und ausstellen. Hier ist Jesus nach katholischem Verständnis leibhaftig präsent und anwesend – nicht nur im symbolischen Sinne, nicht im Sinne einer Erinnerung an das Abendmahl, sondern real gegenwärtig. Für viele katholische Christen ein Moment der intensiven und direkten Begegnung mit Gott. Ganz persönlich. Bei Nightfever wird er zelebriert.

Raus aus der Kirche, rein ins Stadion

Auf dem Weltjugendtag 2005 in Köln im Rhein- Energie-Stadion wagte die Gemeinschaft Emmanuel das Experiment: Ein Gebetsabend im ganz großen Stil. Würde das funktionieren? Damit es für die jungen Pilger aus aller Welt ansprechender klingt, tauften sie die Veranstaltung auf den Namen „Nightfever“. Es funktionierte – und wie: Lebenszeugnisse, moderne geistliche Musik und lange Gebetszeiten berührten die Gäste genauso wie die Gemeinde zu Hause.

Andreas Süß – damals noch Theologiestudent – gestaltete im Chor die Nachtfeier (Vigil) vor der Messe auf dem Weltjugendtagsfeld mit 1 Mio Jugendlicher aus aller Welt mit Papst Benedikt mit und erlebte die Geistlichen Zentren in Bonn, Köln und Düsseldorf während des Weltjugendtage, die Tag und Nacht Weltjugendtagsgäste zum Gebet kommen konnten. Beeindruckt von der Kraft dieser Abende, angefixt von der Kombination aus Tradition und Moderne beschloss er, Nightfever auch in seiner Studentenstadt Bonn anzubieten – nicht als Abend in einem Stadion wie beim Weltjugendtag mit fetziger Musik, sondern als Anbetungsabend nach einer Messe mit ruhiger Anbetungsmusik. Glücklicherweise erhob die Gemeinschaft Emmanuel kein Copyright auf die Idee ihres Gebetsabends, sodass Nightfever weiterentwickelt und verbreitet werden konnte. Und so lebt die Bewegung bis heute von begeisterten jungen Menschen im Alter bis 35 Jahren, die ihre Kirchen für Passanten öffnen wollen, um sich von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes berühren zu lassen „Nightfever kann sich nur ausbreiten, wenn junge Leute dafür brennen und sich in den Diensten des Abends ausbilden lassen“, weiß der heutige Bensberger Pfarrer Süß. „Nightfever wird nicht von Pfarrgemeinderäten, Pfarrern oder Hauptamtlichen angeboten, sondern von jungen Erwachsenen, damit es eine Jugendinitiative bleibt und die Jugend eine Chance bekommt, aktiv in der Kirche mitzuwirken. Wer Nightfever beginnen möchte, melde sich bitte bei uns über die E-Mail-Adresse info@nightfever.org,“ so Pfarrer Süß, der als Leiter weiß, wie schwer es ist, die Nightfever-Bewegung weltweit in der Einheit und jugendlich zu halten.

Wie war’s?

Messe, Lobpreis, immer noch Lobpreis … Der offene Abend zieht sich bis Mitternacht. Ganz so lange wollte ich eigentlich nicht bleiben. Kann man einfach gehen? Ja, bei Nightfever laden Jugendliche Passanten mit einer Kerze ein. Jeder kann kommen und gehen, wann er möchte. Mancher für einige Minuten – andere bis Mitternacht, wenn der Abend mit dem Nachtgebet der Kirche und dem Segen endet.

Und dann einordnen, was ich gerade erlebt habe. Wirklich mitreißender Worship war das nicht. Nightfever ist nicht mit dem Freikirchen-Lobpreis zu vergleichen, ist eher Taizé-Abend als Holy Spirit Night. Was Nightfever authentisch macht – und das ist zugleich typisch postmodern –, ist das Wiederentdecken alter Traditionen in neuen Zusammenhängen. Diesem ganz eigenen Charme aus Messfeier und christuszentrierter Anbetung bis Mitternacht kann man durchaus erliegen. Die Katholische Kirche hat eine ganz eigene Form aufgespürt, sich treu zu bleiben und jungen Menschen gleichzeitig Raum für die persönliche Entfaltung zu geben. Experiment gelungen.

 

Internet: nightfever.org