Die ökumenische Bibelwoche im Januar ermöglicht Begegnungen mit Christen anderer Prägung. Dies kann ein ganz neuer Augenöffner für das Wort Gottes sein.

Von Kerstin Offermann

Die Bibel – ein Buch, das immer wieder für Überraschungen gut ist. Selbst versierte Bibelleser sind davor nicht sicher. Glücksmomente sind es, wenn man etwas Neues entdeckt oder ein Wort, einen Satz findet, der das eigene Leben plötzlich in ein neues Licht stellt. Die Bibel ist allerdings auch ein Buch, das müde machen kann. Lange Textpassagen. Die Gegebenheiten einer fremden, alten Kultur, die man erst einmal verstehen muss. Und wenn man der Bibel in der Kirche oder einem Hauskreis begegnet: immer die gleichen Texte, immer dieselben Methoden, und man weiß doch irgendwie schon vorher, was dabei herauskommen wird.

Wie wäre es, wenn es ein Gegenmittel für solche Ermüdungserscheinungen gäbe? Wenn man auf Menschen stoßen würde, die einem den Blick ganz neu öffnen können? Die das Bibellesen kreativ begleiten können? Die auch „alten Häsinnen und Hasen“ helfen, sich mit Passagen zu beschäftigen, die man sonst lieber überblättert?

Genau dies ist der Ansatz der ökumenischen Bibelwoche. Sie ist ein Angebot, dem es gelungen ist, im Laufe seiner über 80-jährigen Geschichte immer neue, zeitgemäße Zugänge zur Bibel zu schaffen. Der Grundgedanke dabei:

„Bibellesen wird dann belebend, wenn man über den eigenen Horizont hinausblickt und den Blickwinkeln und Erfahrungen von Christen anderer Prägung begegnet.“

Andere sehen, was man selbst bisher immer überlas; andere stellen Fragen dort, wo einem selbst etwas allzu selbstverständlich war. Die ökumenische Bibelwoche bringt daher einmal im Jahr Christen zusammen und über die Bibel ins Gespräch.

Wie alles begann

Die ökumenische Bibelwoche blickt auf eine lange Tradition zurück. Es gibt sie seit den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie ist im sogenannten Kirchenkampf entstanden, also im Widerstand gegen die Vereinnahmung der Kirchen durch das Naziregime. Nach dem Ende des Krieges in der Zeit der Trennung in zwei deutsche Staaten (und nach 1969 evangelischerseits auch in zwei Kirchen) war die ökumenische Bibelwoche eines der verbindenden Elemente. Sie wurde immer grenzüberschreitend vorbereitet und durchgeführt. Diese grenzüberschreitende Kraft wohnt der ökumenischen Bibelwoche auch jetzt noch inne. Bis heute sind an der Vorbereitung des Materials auch immer Christinnen und Christen aus anderen Staaten Ost- und Mitteleuropas beteiligt. Federführend wird die Woche von der AMD (Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste, Berlin), vom katholischen Bibelwerk und von der Deutschen Bibelgesellschaft verantwortet.

Die Idee: Sieben mal drei Schritte

Die Idee einer Bibelwoche ist die, in sieben Abschnitten den Überblick über ein ganzes biblisches Buch zu gewinnen und in seine Tiefe einzusteigen. Methodisch wird dabei ein Dreischritt angeboten: auf den Text zugehen, ihm genau zuhören und mit ihm weitergehen.
Begleitet werden diese Schritte von einer Fülle an hilfreichem Material: Es gibt Kunstwerke zu betrachten oder auch Cartoons, über die man erst schmunzelt, aber dann auch nachdenkt. Literarische Texte, die in ein Gespräch mit dem Bibeltext treten. Intelligente Auslegungen, brennende Fragen, inspirierende Quergedanken, alte und neue Methoden, Lieder und Psalmen, die das eigene Beten inspirieren.

„Bibelgespräch heißt also nicht nur, Worte zu machen oder Texte zu lesen. Ein Vielklang an Zugangswegen ist möglich.“

Verpackt ist dieses Material in verschiedene Vorbereitungs- und Teilnehmerhefte. Traditionell wird die Bibelwoche immer im Januar durchgeführt.

Wie nutze ich die Bibelwoche?

Um von der ökumenischen Bibelwoche zu profitieren, gibt es vier Möglichkeiten. Die erste und einfachste ist, an den Veranstaltungen vor Ort teilzunehmen, wenn die Kirchengemeinde am eigenen Wohnort die Bibelwoche anbieten. Ob das der Fall ist, erfährt man am besten über die lokalen kirchlichen Nachrichtenblätter oder die Webseiten der Kirchengemeinden. Das Bibelwochenmaterial steht den Teilnehmenden und den Leitenden dieses Abenteuers hilfreich zur Seite. Zu jedem Text gibt es eine ausführliche Auslegung und aktuelle Anknüpfungspunkte. Eine fertige Bibelarbeit kann einfach so umgesetzt werden, angereichert mit vielen Materialien, Ideen und Anregungen.

Muss man zur Vorbereitung das ganze Material gelesen haben? Aber nein! Es ist von vornherein so gedacht, dass man sich aus dem Material das raussucht, was einen interessiert.

Gibt es am Ort keine ökumenische Bibelwoche, dann wäre es vielleicht eine Idee, selbst eine Projektgruppe ins Leben zu rufen. Auf der Bibelwochen-Homepage gibt es dazu hilfreiche Unterstützung.

Eine dritte Möglichkeit ist es, sich mit einem bestehenden Hauskreis der Bibelwoche anzuschließen. Entweder man nutzt für sich einfach das vorhandene Material (das für sieben Treffen reicht) – oder der Hauskreis öffnet sich ökumenisch und lädt für dieses Projekt weitere Christen ein.

Ein vierter Weg ist für Menschen gedacht, die lieber alleine Bibel lesen möchten. Diese finden in „Meine Woche mit der Bibel“ einen Kerngedanken zu jedem Bibeltext auch für die ganz persönliche Begegnung. Wer kreativ mit dem Bibeltext umgehen mag, lädt sich das praise&pray-Heft herunter und malt, schreibt und gestaltet einfach drauf los! Beide Hefte sind Bestandteil des Arbeitsbuches.

„Gemeinsam freuen sich die Feiernden an der Bibel, nehmen sie nicht für selbstverständlich, sondern erleben neu, welcher Schatz in der Bibel verborgen liegt.“

Extra für Jugendliche gibt es übrigens eine Jugendbibelwoche – seit diesem Jahr sogar mit einer begleitenden Messenger-Gruppe. Und in der Tat, die Jugendlichen posten auch unter der Woche ihre Fundstücke, wo sich Bibeltext und Leben treffen oder überschneiden. Die Leitenden des Testlaufs der Jugendbibelwoche erzählten mit leuchtenden Augen von dem Engagement der Kids bei und eben auch zwischen den Treffen.

Auf der Zielgeraden: Der Bibelsonntag

Wird die Bibelwoche, der Tradition entsprechend, im Januar durchgeführt, dann kann der ökumenische Bibelsonntag alle Begegnungen mit den Texten bündeln. Er ist auf den letzten Sonntag im Januar festgelegt und wird an diesem Datum zum Beispiel auch im Losungsbuch der Herrnhuter Brüdergemeine vermerkt. In der Schweiz steht dieser Sonntag seit 2011 zwar nicht mehr in ökumenischer Trägerschaft, wird aber von der Schweizerischen Bibelgesellschaft weitergeführt.

Natürlich kommt die Bibel an jedem Sonntag im Gottesdienst vor, aber an diesem besonderen ökumenischen Bibelsonntag soll sie bewusst im Mittelpunkt stehen. Die Gemeinde setzt sich an diesem Sonntag aus Christinnen und Christen unterschiedlicher Konfessionen und Glaubenstraditionen zusammen. Gemeinsam freuen sich die Feiernden an der Bibel, nehmen sie nicht für selbstverständlich, sondern erleben neu, welcher Schatz in der Bibel verborgen liegt. Sie erzählen sich gegenseitig davon, warum die Bibel für sie wichtig ist und wie sie mit ihr leben.

In vielen Gemeinden wird dieser ökumenische Bibelsonntag in Zusammenhang mit der ökumenischen Bibelwoche gefeiert. Darum liegt dem Vorbereitungsmaterial auch immer ein Text der Bibelwoche zugrunde.

Wer steckt dahinter?

Die „Macherinnen und Macher“ der Bibelwoche sind ein ökumenisches Team von passionierten Bibellesern aus verschiedenen Gemeinden Deutschlands und darüber hinaus aus Europa. Die Teilnehmer werden entsandt von der AMD, vom Katholischen Bibelwerk sowie von der Deutschen Bibelgesellschaft.

„Natürlich kommt die Bibel an jedem Sonntag im Gottesdienst vor, aber an diesem besonderen ökumenischen Bibelsonntag soll sie bewusst im Mittelpunkt stehen.“

Eine verbindende Eigenschaft aller im Team ist die Neugier: Man nimmt sich im Vorfeld gerne auch mal die unbekannten und missverständlichen Stellen vor. Doch auch an sehr vertrauten und scheinbar klaren Bibelabschnitten lässt sich Neues entdecken. Aus dieser Grundhaltung heraus beschäftigt sich das Team einmal im Jahr mit einem biblischen Buch, um dann aus den eigenen Überlegungen und Entdeckungen ein reiches und anwenderfreundliches Bibelarbeitsmaterial zu kreieren. In den letzten Jahren ging es beispielsweise um den Propheten Sacharja, um das Hohelied der Liebe, um den Galaterbrief und um das Matthäusevangelium. Wirklich lebensrelevante Entdeckungen kamen dabei ans Tageslicht. Die kommende Bibelwoche beschäftigt sich mit den sehr emotionalen Texten des Philipperbriefs. In Planung sind Bibelwochen zum 5. Buch Mose (2019/20) und zum Lukasevangelium (2020/21).

Im jährlichen Wechsel wird jeweils ein Buch des Alten Testaments und ein Buch des Neuen Testaments betrachtet. Bei der Entscheidung, welchem Buch das Team sich als nächstes zuwendet, leiten Fragen wie: Welches Buch war schon länger nicht mehr dran? Welches erscheint gerade besonders zeitgemäß? Welches verlockt durch seine Fremdheit?
Bei der Bibelwoche zum Hohelied der Liebe waren viel Teilnehmende zuerst skeptisch: „Was soll denn da für uns drinstecken?“ Am Ende der Bibelwoche hatten wir dann ganz intensiv über uns geredet, über die Mühe und den Charme unserer alltäglichen Beziehungen zu Gott und zu den Menschen, mit denen wir das Leben teilen. Doch, es steckte überraschend viel für uns drin!

Materialien und Informationen zur Bibelwoche gibt es auf der Webseite der AMD


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Faszination Bibel erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.