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Müssen Pastoren „Allrounder“ sein? Sind unsere Anforderungen an sie zu hoch? Lydia Rieß ist der Meinung, dass Pastoren noch lange nicht alles machen sollten, was sie selbst oder ihre Schäfchen von ihnen erwarten.

Als in meiner Heimatgemeinde ein neuer Pastor berufen wurde, bekam jedes Mitglied einen Zettel, auf dem es die Punkte ankreuzen konnte, die der neue Pastor auf jeden Fall mitbringen sollte –, Dinge wie „Schwerpunkt Seelsorge“, „ausgeprägte Lehr- und Leitungsgabe“, „begeistert und begabt für Kindergottesdienst“ und vieles mehr. Zusätzlich durfte man selbst noch Punkte anfügen, die noch nicht auf dem Zettel standen.

Das Ergebnis der kleinen Umfrage: ziemlich volle Zettel. Der neue Pastor (damals stellte sich die Frage nach einer Pastorin noch nicht) sollte eine Menge Berufserfahrung mitbringen, möglichst für alles begeistert sein, möglichst alles können und vor möglichst keiner Herausforderung zurückscheuen. Sollte doch nicht zu schwer sein für jemanden, der mindestens fünf Jahre studiert hat und sich für berufen hält.

Ganz ehrlich? Auch ich wäre begeistert gewesen, wenn wir jemanden bekommen hätten, der all das mitbringt. Am Ende war ich eher froh, dass sich auf diese Liste, die mit Forderungen aus allen Nähten platzte, überhaupt jemand gemeldet hat.

Sind diese Forderungen zu hoch gegriffen – oder Ausdruck eines gesunden Qualitätsanspruchs? Sollten Gemeinden nicht nach den besten, klügsten und mit am meisten geistlichen Gaben ausgestatteten Kandidaten suchen, die sie kriegen können? Schließlich hängt doch von dieser Leitungsposition ab, wie sich die Gemeinde weiterentwickelt, ob der Glaube dort gedeiht und ob weitere Menschen zum Glauben kommen. Oder?

Reflektieren, delegieren, kommunizieren

In manchen Kirchen und Gemeinden sind Sätze wie „das müssen wir erst mal mit dem Pastor absprechen“ oder „dafür ist die Pastorin verantwortlich“ ganz selbstverständlich. In manchen Fällen sind es die Pastorinnen und Pastoren selbst, die diese Praxis ins Leben gerufen haben. Sie sind die erste und letzte Instanz und das Gesicht der Gemeinde. Nur, weil es selbstverständlich ist, ist es noch lange nicht richtig.

Wenn man sich die Urgemeinde anschaut, bekommt man ein ganz anderes Leitbild als das gängige Pastoren-Jobprofil „moderner“ Gemeinden. Klar, sind es da gerade am Anfang die Apostel, die viel zu sagen haben und Leitungsfunktionen übernehmen. Aber die Gemeinden, die sie aufbauen, sollen sich nach und nach selbst verwalten und nicht mehr auf sie angewiesen sein.

In 1. Korinther 14,26 schreibt Paulus:

„Was folgt daraus für euch, Brüder und Schwestern? Wenn ihr zum Gottesdienst zusammenkommt, kann jeder und jede etwas dazu beitragen: ein Lied vorsingen oder eine Lehre vortragen oder eine Offenbarung weitergeben oder in unbekannten Sprachen reden oder die Deutung dazu geben. Aber alles muss dem Aufbau der Gemeinde dienen.“

Wohlgemerkt, dieser Brief ging an die gesamte Gemeinde und nicht ans Topmanagement. Was in diesem Vers für den Gottesdienst angestrebt wird, gilt als Prinzip auch für das ganze Gemeindeleben: Jeder bringt sich mit seinen Gaben und Ideen ein. Der Gottesdienst ist keine Veranstaltung, die von einer Handvoll Professioneller zusammengestellt und durchgeführt wird. Er ist eine Gemeinschaftsaktion von allen, die da sind.

In jeder Gemeinde gibt es Leute, die in verschiedenen Bereichen begabt sind. Die Gemeinschaft lebt ja gerade davon, dass man sich gegenseitig mit den Dingen dient, die der andere nicht kann oder hat. Es wäre unsinnig, diese Gaben nicht zu nutzen und stattdessen die Last einer ganzen Gruppe auf die Schultern weniger zu verteilen – oder sogar nur einer einzigen Person. Ebenso wäre es unsinnig, wenn eine Person allein sich herausnehmen würde, für alle zu entscheiden und stets das letzte Wort zu haben, selbst in Angelegenheiten, in denen sie wenig bis keine Ahnung hat.

„Pastorinnen und Pastoren sind Angestellte ihrer Gemeinde, nicht umgekehrt“

Zu den wichtigsten Fähigkeiten, die Pastorinnen und Pastoren besitzen müssen, gehört deshalb: delegieren können. Zum einen die Bereitschaft, Aufgaben abzugeben und nicht die Kontrolle über alles zu horten. Und zum anderen, die eigenen Grenzen zu kennen und nicht in allen Dingen die Verantwortung zu tragen, nur weil man eben „der Pastor“ oder „die Pastorin“ ist.

Das erfordert eine angemessene Selbstreflektion und Charakter, um mit der verliehenen Autorität und Machtfülle auf gesunde Weise umzugehen. Es gilt gleichermaßen für die Bühne, die kein Ort für Selbstinszenierung oder öffentliche Gemeindezucht ist, wie für das Gemeindeleben im Hintergrund. „Machtfragen“ in der Gemeinde haben mindestens so viel mit dem Selbstverständnis des Pastors wie mit dem Anspruch der Gemeinde zu tun. Und da kann sich niemand hinter der Forderung seiner Gemeindeleitung verstecken, die Gemeinde mit autoritativem Führungsstil zu leiten.

Gemeinde ohne Pastor?

Wenn man liest, was die Bibel über das Thema Gemeinde zu sagen hat, kann man sich glatt fragen, wozu man denn überhaupt so jemanden braucht. Meine jetzige Heimatgemeinde kam einige Jahre ganz ohne Hauptamtler aus – und es lief. Warum dann also doch wieder auf dieses Modell umsteigen? Die Begründung war, dass mit Pastor einfach mehr möglich ist, mehr Projekte, mehr theologische Tiefe. Ebenso mehr Freiheit für diejenigen, die zuvor Leitungsaufgaben übernommen hatten und womöglich noch an ganz anderen Stellen begabt waren, für die dann keine Zeit mehr war. Außerdem sei es gut, jemanden an Bord zu haben, der sich vollzeitlich für die Gemeinde einsetzt und in theologischen und praktischen Fragen zum Gemeindealltag Orientierung bietet. Pastorinnen und Pastoren haben also durchaus ihre Berechtigung.

Lebendige Kirchengemeinde (Bild: shutterstock / Arthimedes)

Es bleibt die Gefahr, die Verantwortung stets an diese Leitung abzudrücken. Man will ja nichts falsch machen, der Pastor weiß es doch sowieso am besten, der hat schließlich studiert. Dabei dürfen sich beide Seiten gegenseitig daran erinnern: Pastorinnen und Pastoren sind Angestellte ihrer Gemeinde, nicht umgekehrt. Sie sind de facto nicht der Chef, auch wenn sie oder ihre Gemeinden das anders sehen.

Deshalb ist Delegieren etwas, das Pastoren und Pastorinnen nicht nur beherrschen, sondern mit aller Macht tun müssen. Denn zum Leiten gehört das Anleiten. Als Leitungsperson ist es wichtig, die Gemeinde im Blick zu haben, das große Ganze zu sehen, Mitarbeiter zu finden und zu fördern und alle Bereiche zusammenzuführen. Ohne diesen Überblick kann es nicht funktionieren, und da ist es hilfreich, eine spezielle Ausbildung zu haben. Allein diese Aufgabe ist umfangreich genug, um eine 40-Stunden-Woche zu rechtfertigen und auszufüllen, erst recht, wenn dann noch eine Predigt dazukommt (die man eben nicht mal schnell am Samstagabend schreiben oder gar spontan halten kann). Diese Bereiche alle selbst auszufüllen, das ist zu viel für eine Person. Dass viele Pastorinnen und Pastoren das trotzdem versuchen, zeigt die hohe Burnout-Rate: Etwa jede/r Dritte war oder ist davon betroffen.

Vielfalt sichert das Überleben

Und selbst, wenn es möglich wäre: Wenn wirklich nur eine Person bestimmen, entscheiden, organisieren und lehren würde, hätten wir am Ende eine ziemlich einseitige Gemeinde. Und eine ganze Horde an Mitgliedern, die nicht mehr mitdenken, sondern zu allem nur noch „Ja“ und „Amen“ sagen, ohne selbst groß reflektieren zu müssen. Das gilt gerade für theologische und geistliche Aufgaben: Wenn immer nur der Pastor die Bibelstunde vorbereitet und die Pastorin von Hauskreis zu Hauskreis tingelt, damit da ja alles theologisch ganz korrekt zugeht, können am Ende alle die Meinung des Pastors bzw. der Pastorin wiedergeben. Aber können sie auch selbst über die Bibel und den Glauben nachdenken? Warum begeben sich so viele Gemeinden selbstgewählt in Abhängigkeit von einigen wenigen „Vortänzern“? Gemeinden sollten zusehen, dass sie lebensfähig bleiben, selbst wenn ihr Pastor plötzlich und unerwartet ausfällt. Die Begabung aller garantiert letztlich das Überleben der Gemeinde Christi.

Allein aus diesen Gründen hat eine Gemeinde normalerweise einen Leitungs- bzw. Ältestenkreis. Männer und Frauen, die mit Rat und Tat zur Seite stehen und die Verantwortung für bestimmte Gemeindebereiche übernehmen – und ein Veto einlegen, wenn ihre theologischen Vollzeitler über das Ziel hinausschießen. Wie schnell hat man sich in eine Idee verbissen, die zwar toll klingt, aber die Gemeinde überfordern würde. Die Beteiligung und Bemächtigung aller stellt sicher, dass in einer Gemeinde mündige Christinnen und Christen heranwachsen – und nicht bloß fromme Ja-Sager.

Und mal ganz ehrlich: Die meisten Pastorinnen und Pastoren arbeiten in Gemeinden, die sie vorher nicht kannten. Sie treffen dort auf Leute, die dort möglicherweise schon seit dreißig Jahren und mehr zu Hause sind. Wer weiß wohl besser, was die Gemeinde braucht und was in den letzten Jahren eher vernachlässigt wurde? Es wäre vermessen, diesen Erfahrungshorizont zu ignorieren und dabei auf die eigene Amtsautorität zu verweisen.

Also, wenn das nächste Mal deine Pastorin versucht, dir eine Aufgabe anzudrehen, schätze dich glücklich: Da nimmt jemand seinen Job wichtig. Da hat jemand verstanden, dass er nicht alles allein machen und entscheiden sollte. Am Ende hilft das deiner Gemeinde dabei, ein vielfältiger Ort zu bleiben, an dem alle aneinander wachsen können.

Von Lydia Rieß


Dieser Beitrag ist zuerst im Magazin DRAN NEXT erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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