Viele Menschen kennen das Bild von Gott als dem guten Hirten. Aber Gott als Gastgeber? Der wohl bekannteste biblische Psalm vereint beide Motive.

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Von Hella Thorn

150 Lieder und Gebete sind in den Psalmen in der Bibel zusammengetragen worden. Es gibt Dankgebete, Fürbitten, Klagelieder und Lobpreisungen. Die ganze Bandbreite der menschlichen Emotionen in Gegenwart des dreieinigen Gottes werden schonungslos offengelegt. Es wird geklagt, gefürchtet und gelitten, gefreut, geliebt und gedankt.

Der wohl bekannteste Psalm ist der Psalm 23, der auch „Hirtenpsalm“ oder „Psalm vom guten Hirten“ genannt wird. Viele Kinder lernen ihn im Kindergottesdienst, Konfirmationsunterricht, Kommunions- und Firmunterricht, in der Sonntagsschule, im Biblischen bzw. Kirchlichen Unterricht oder Religionsunterricht auswendig: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“

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Und schon immer haben die Menschen mit diesem Psalm gerungen, gute und schlechte Erinnerungen verbunden, sich mithilfe der Worte Davids an Gott, seine Zusagen geklammert, Trost in den Versen gesucht und gefunden. Kein anderer Psalm bewegt und berührt die Menschen so sehr wie dieser Psalm 23.

Zwei Motive treten in dem Psalm besonders hervor. Einmal das Bild von Gott als Hirten eines Schafes oder einer Schafherde und das Bild von Gott als Gastgeber. Beiden Motiven inhärent ist die Vorstellung von einem behütenden, umsorgenden, den Menschen und Lebewesen zugewandten Gott.

1 Ein Psalm Davids. Der Herr ist mein Hirte, ich habe alles, was ich brauche.

Hier wird deutlich, auch wenn ein Hirte immer für eine ganze Schafherde zuständig ist: Gott hat jedes seiner Schafe im Blick. Egal, ob schwarz, oder weiß oder braun. Er kümmert sich um jedes einzelne. Der Hirte versorgt zuverlässig seine Schafe mit allem, was sie brauchen – nicht mit allem, was sie vielleicht unbedingt wollen, aber mit dem, was sie zum Leben und Gedeihen benötigen.

2 Er lässt mich in grünen Tälern ausruhen, er führt mich zum frischen Wasser. 3 Er gibt mir Kraft. Er zeigt mir den richtigen Weg um seines Namens willen.

In Vers 2 wird spezifiziert, womit der Hirte seine Schafe versorgt. Mit grünem, saftigem Gras und mit erfrischendem, klarem Wasser. Es geht hier aber auch um Ruhe und um Aufbruch. Beides muss im Einklang stehen, damit es den Schafen gutgeht. Was brauchen wir Menschen, um wachsen und gedeihen zu können? Nehmen wir uns die Zeit und den Raum, um zur Ruhe zu kommen und Kraft zu tanken? Wagen wir allein den Aufbruch, oder gehen wir mit unserem Hirten, mit Gott zusammen, dahin, wo er uns hinführt? Nehmen wir wahr, dass Gott uns immer wieder Kraft schenkt, um weiterzulaufen? Der Hinweis in Vers 3, „um seines Namens willen“, hat hierbei zweierlei Bedeutungen: Zum einen zeigt er die Allmacht Gottes, die durch den Weg verherrlicht werden soll. Zum anderen heißt der „richtige Weg“ wörtlich „Straße der Gerechtigkeit“, also der Weg, der zu einem guten, heilsamen Ziel führt, auf dem Gott (um seines Namens willen) immer dabei ist. Er steht zu seinem Wort, zu seinem Versprechen, „Ich bin, der ich bin“ (2. Mose 3,14), „Ich bin bei dir, wohin du auch gehst.“ (Josua 1,9)

4 Auch wenn ich durch das dunkle Tal des Todes gehe, fürchte ich mich nicht, denn du bist an meiner Seite. Dein Stecken und Stab schützen und trösten mich.

Genau wie ein Hirte nicht verhindern kann, dass es widrige Umstände (Witterungsverhältnisse, Bodenbeschaffenheiten, etc.) geben kann, verhindert Gott auch nicht, dass wir Menschen mit Leid, Schmerz und Traurigkeit, mit der Vergänglichkeit des Lebens konfrontiert werden. In all dem Dunklen, das dem Leben innewohnt, weicht Gott jedoch nicht von unserer Seite – ja er selbst kennt die Furcht, den Schmerz, den Todeskampf.

Stecken und Stab sind für einen Hirten wichtige Werkzeuge, um die Schafe vor angreifenden Tieren zu verteidigen. Und so wie ein Hirte für seine Schafe kämpft, kämpft Gott auch für uns.

Die Perspektive des Psalms ändert sich in diesem Vers von „er“ zu „du“: Gottes Trost erwächst aus der persönlichen Beziehung zu ihm. Gerade in den dunkelsten Phasen erleben Menschen Gott als ansprechbares Gegenüber, das ihnen zum Wegbegleiter wird und die Angst nimmt.

5 Du deckst mir einen Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du nimmst mich als Gast auf und salbst mein Haupt mit Öl. Du überschüttest mich mit Segen.

Hier beginnt nun das Motiv des gütigen Gastgebers, der dafür sorgt, dass es seinem Gast an nichts mangelt. Bei Gott findet der Bewirtete – obwohl die Feinde ihn umringen – Geborgenheit. Das Salben des Hauptes mit Öl galt als eine besondere Form der Zuwendung. Der letzte Satz „Du überschüttest mich mit Segen“ heißt in anderen Übersetzungen „füllst meinen Becher voll ein“ oder „Du schenkst mir voll ein“, was zeigt, dass der Gastgeber in diesem Bild nicht geizt, sondern mehr anbietet, als eigentlich nötig wäre.

6 Deine Güte und Gnade begleiten mich alle Tage meines Lebens, und ich werde für immer im Hause des Herrn wohnen.

Gott, der ein Gott der Güte und der Gnade ist, begleitet die Menschen, vom ersten bis zum letzten Tag ihres Lebens. Seine Güte und seine Gnade kennen kein Ende – „für immer“ dürfen wir uns bei Gott geborgen wissen.

Der Bibeltext stammt aus der Übersetzung „Neues Leben. Die Bibel“ / © der deutschen Ausgabe 2002 / 2006 / 2017 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH.


Hella Thorn ist Teil der Redaktion von Jesus.de.

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Ich muss gestehen, dass mich das Bild in Vers 5 irgendwie gestört hat, weil es mir wie eine Kriegsszene vorkam. Und dann habe ich versucht, mir das Ganze bildlich vorzustellen:
    Soldaten haben sich in einem Gelände-Hügel eingegraben und berei-ten sich auf die Schlacht vor. Am Horizont sehen sie schon die Staubwolken, die die herannahenden feindlichen Truppen aufwirbeln. Doch plötzlich werden die Soldaten abgelenkt: Vor ihnen wird ein Tisch aufgebaut: So richtig edel mit Tischdecke, gutem Geschirr und Besteck. Dazu kommt noch ein bequemer Stuhl. Und dann werden feinste Speisen aufgetragen.
    Jetzt erst kommt – einer ihrer Kameraden. Er setzt sich gemütlich hin. Doch statt mit dem Essen zu beginnen, wird ihm Öl auf den Kopf ge-träufelt, das offensichtlich kostbar ist, und ihm werden die Kopfhaut und der Nacken massiert. Erst danach wird ihm das Essen serviert, Wein eingegossen und er beginnt, in aller Gemütsruhe zu speisen. Die Soldaten in ihrer Deckung schauen auf die Staubwolke des Fein-des, schauen auf diese perfekte Speiseszene – und schütteln mit dem Kopf: Wie kann man sich in dieser Situation auf solch ein Festessen einlassen?!
    Eine absurde Szene: Sie strotzt offensichtlich vor Seelenruhe.
    Das hat mich nachdenklich gemacht. Und dann ist mir folgendes auf-gefallen: Nachdem die ersten vier Verse das Handeln Gottes mit dem Bild des schützenden Hirten beschreiben – wir erinnern uns – wird hier offensichtlich die Konsequenz daraus beschrieben: So kann ich als Mensch in schwierigen Situationen reagieren! Und zwar, weil ich mich in diesem Schutz des fürsorglichen Gottes geborgen weiß. Die Ruhe und Gelassenheit, mit der ich auf die Katastrophen des Alltags reagieren kann, sie mag für Außenstehende vielleicht sogar manch-mal absurd wirken.
    Natürlich bleiben mir die Erfahrungen von Angst und Unglück nicht erspart. Aber ich darf wissen: Sie können mich letztlich nicht beherr-schen!
    Psalm 23: Nicht nur eine idyllisch-naive Beschreibung Gottes, son-dern eine aus der eigenen Lebenserfahrung gewachsene Gewissheit: Mein Vertrauen auf Gott erspart mir zwar nicht Probleme und finstere Lebenserfahrungen, aber ich kann mich auf seine Hilfe und seine Für-sorge verlassen. Und dieses Vertrauen macht stark

  2. Der Herr ist mein Hirte

    „Der Herr ist mein Hirte – ist er mein Hirte“? Daneben könnte man kritisch fragen, ob das Bild vom Hirten in unserer Zeit noch richtig verstanden wird. Auf unsere katholischen Geschwister bezogen könnten diese fragen, ob Gemeindehirte und Schaf nicht ein Gefälle anzeigt und dass hier der Behütende über den Behütenden des irdischen Bodenpersonals steht. Daneben gibt es ja noch den Spruch vom dummen Schaf, womit damit (theoretisch) eine gewisse Unmündigkeit ausgedrückt würde..

    Ich denke, darum geht es Jesus nicht, der doch ein Friedefürst ist, der gekommen ist zu dienen und der sich daher nicht dienen lassen will. Er wäscht seinen Jüngern die Füße, zur damaligen Zeit ein Dienst der Sklaven an den Herren bzw. der Rangniederen an den Ranghöheren. Wenn Jesus sich hiermit mit seinen Jüngern gleichstellt, dann wurde dies wohl auch in der Urgemeinde noch grundsätzlicher verstanden, dass der Hirte sich für die Schafe aufopfert. Der gute Hirte opfert seinem Gott kein Schaf, sondern er ist selbst das freiwillige Opfer, weil er der Gewalt der Welt keine Gegengewalt entgegen stellt.

    Oder Jesus redet von dem Schaf, dass unter die Dornen gefallen ist – oder wie der Verlorene Sohn Gott als seinem Vater weggelaufen ist. Beim Verlorenen Sohn kann dieser immer wieder in seine himmlischen Heimat zurückkommen. Dass vermutlich beim Verlorenen Schaf der Kreatur Widerstand gegen seinen Schöpfer gemeint ist (beim antiken Menschen ist der Ungehorsam gegen den Herrscher ein todeswürdiges Verbrechen), scheint deutlich. Aber Jesus ist in seiner sehr guten Hirtenfunktion nicht derjenige der Menschen verdammt, weil sie keine Gottesbeziehungen haben möchten, oder nicht haben können. Im Gegenteil: Er macht sich auf, er verlässt die 99 Schafe, sucht das Verlorene, legt es auf seine Schultern und trägt es heim. Hier ist überhaupt nicht gemeint, dass wir uns selbst retten können, sondern Jesus Christus ist immer unterwegs im ganzen Universum und auch auf unseren kleinen Planeten, um unsere Seelen, uns selbst, zu retten. Viele verstehen „das Hinabgestiegen in das Reich des Todes“ im Apostolikum auch so, dass er dort jenen predigt, die dort eigentlich in der Hölle schmoren müssten. Aber ein Friedefürst, der wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt wird, der für alle Menschen – für die Bemühten, die Guten, die Christen, die Juden, die Bösen und für die ganze Welt stirbt: Er ist in einem himmlischen und auch zeitlosen Sinn der wirkliche Hirte.

    Unter diesem Vorverständnis begreife ich meinen Gott, der mir in dem guten Hirten an die Seite gestellt ist und mich über die schönen guten Tage und die düsteren Zeiten wie ein behütender Bergführer begleitet. Er tut es auch, wenn wir diesen überhaupt nicht wahrnehmen und er begleitet jeden Menschen, der von der Menschwerdung an bis an das Ziel der Menschheitsgeschichte auf dieser Erde und in seiner Schöpfung lebt. Da Jesus fordert, 77×7 zu vergeben, tut es Gott auch. Er bricht über niemanden endgültig den Stab und gibt jeder und jedem die Möglichkeit, vor der Neuschöpfung eines Neuen Himmels und einer Neuen Erde sich freiwillig mit Gott zu versöhnen. Es begleitet uns ein Friedefürst, hier geschildert im 23. Psalm, durch unser Leben. Einer – um im Bilde zu bleiben – die kranken (bösen) Schafe nicht schlachtet. Gott ist Liebe. Der angesprochene Psalm sagt ja auch, dass seine Güte und Gnade kein Ende hat. Sie wird nie ein Ende haben, weil die Liebe nicht sterben kann. Der gute Hirte hat auf Golgatha sein Leben für mich gegeben. Es ist ein unverdienter und unverdienbarer Freispruch erster Güte. Wer Jesus als den guten Hirten liebt, wird auch seine Gebote versuchen zu halten, aus dankbarer Liebe.

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