Vorurteile gegenüber Juden nehmen in Deutschland wieder zu – das hat auch Rebecca Seidler aus Hannover erfahren. Doch die promovierte Sozialpädagogin lässt sich nicht entmutigen, sondern kämpft gegen Klischees und Ressentiments.
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Von Michael Grau

Ihre Fassungslosigkeit ist Rebecca Seidler noch immer anzumerken. Bei Verhandlungen über das Honorar für einen Lehrauftrag an einer Universität bekam sie tatsächlich zu hören: „Sie können doch froh sein, dass Sie als Juden überhaupt wieder in Deutschland reden dürfen.“Die 36-Jährige holt tief Luft: „Den Job habe ich natürlich nicht angenommen.“ Seidler, lange mittelblonde Haare, um den Hals eine Kette mit dem Davidsstern, ist in Hannover geboren und aufgewachsen. „Ich liebe diese Stadt“, sagt die Mutter zweier Kinder. Doch weil sie Jüdin ist, muss sie sich auch mehr als 70 Jahre nach dem Holocaust mit antisemitischen Klischees und Vorurteilen herumschlagen.

Menschenfeindlichkeit wohnt nebenan

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Da war etwa jener Nachbar, der beim gemeinsamen Grillen für sich feststellte, Juden seien keine Deutschen und hätten daher auch in Deutschland kein Recht auf Meinungsäußerung. Und da sind die Hassmails an ihre Gemeinde in Hannover und auch an sie persönlich, in denen Juden als „zionistisches Dreckspack“ beschimpft und pauschal für alle Taten des Staates Israel verantwortlich gemacht werden.

Was der unabhängige Expertenkreis Antisemitismus im Bundestag kürzlich in einem Bericht beschrieb, kann Seidler nur bestätigen: Antisemitische Pöbelei und Hetze im Alltag nehmen in Zeiten eines wachsenden Rechtspopulismus und Islamismus immer mehr zu, ohne dass sich eine Statistik darüber führen ließe.

Schon oft hat Seidler erfahren, dass junge Juden an der Schule beleidigt, gemobbt oder sogar körperlich attackiert werden wie zuletzt vor ein paar Wochen in Berlin-Friedenau. „Die Lehrerausbildung muss sich viel intensiver mit Phänomenen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit wie Rassismus, Sexismus und Antisemitismus auseinandersetzen“, fordert die promovierte Sozialpädagogin, die in Hannover eine Praxis für psychosoziale Beratung leitet. Viele Lehrer reagierten hilflos, wenn diese Ausgrenzungsphänomene im Alltag auftauchten. „Das ist ein großes Manko. Die Lehrkräfte benötigen ein Wissen über praktische Methoden im Umgang damit.“

„Vertraue nicht in die Gesellschaft!“

Die Erinnerung an antisemitische Gewalt hat sich in Seidlers Familie tief eingegraben. Ihre Großmutter verlor während des Holocausts Geschwister und Verwandte. Zu Hause wurde später nicht viel darüber gesprochen. Zu tief saß das Trauma. „Meine Oma hat den Holocaust überlebt, aber emotional hat sie ihn nicht überlebt.“ Immer wieder sagte die Großmutter Sätze wie „Vertraue nicht in die Gesellschaft!“ Seidler stockt, wenn sie davon erzählt.

Der Kampf gegen den Antisemitismus sei eigentlich eine Aufgabe für die Mehrheitsgesellschaft, findet sie. „Wir Juden sind dafür zu wenige.“ Doch einmal hat sie selbst protestiert. Eine Hochschule in Hildesheim bot ihr vor zwei Jahren einen Lehrauftrag als Ko-Referentin für ein Seminar über Jugendliche in Israel und Palästina an. Seidler rieb sich die Augen, als sie in den Seminartexten unverhohlen judenfeindliche Inhalte entdeckte – unter anderem wurde Israel Völkermord und Organhandel unterstellt. Das Seminar wurde schließlich als Folge ihres Einspruchs abgesetzt, sogar die Präsidentin der Hochschule musste gehen – der Eklat sorgte international für Schlagzeilen.

Vorurteile überwinden

Halt und Unterstützung findet Seidler in der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, die von ihrer Mutter mitbegründet wurde und zu der zahlreiche Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion gehören. Hier ist sie stellvertretende Vorsitzende und zuständig für die Kinder- und Jugendarbeit.

Schon vor Jahren hat sie den bundesweiten Verein „Jung und Jüdisch“ mitbegründet, der Freizeiten organisiert oder Gottesdienste gestaltet. Viele Jugendliche und junge Erwachsene gäben sich im Alltag nicht als Juden zu erkennen, erzählt sie. „Wenn sie bei uns in der Gemeinde sind, haben sie ein emotionales Zuhause, wo sie sich nicht rechtfertigen müssen. Das ist ein ganz großer Schatz.“ Oft führt Rebecca Seidler auch Schulklassen durch die Synagoge, und manche Besucher sagen dann Sätze wie „Ach, so normal sind Juden?“ Der persönliche Kontakt sei der beste Weg, um Vorurteile zu überwinden, weiß sie. „Wir sind ein offenes Haus.“

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Ich frage mich, weshalb Juden wieder abgelehnt werden. Das Judentum ist doch die Grundlage für unseren christlichen Glauben! Als sich neulich mit einer älteren Dame im Restaurant ein Gespräch ergab über christlichen Glauben, sagte sie mir nach meinem Hinweis auf die Wichtigkeit des Herrn Jesus: „Der ist doch Jude!“ Das tut sooo weh! Aber Jesus wurde auch abgelehnt, als er mit seinen Jüngern durchs Land zog.

  2. Ich sehe das, was vor über 70 Jahren in unserem Land als schreckliches Verbrechen begannen worden ist als eindeutige Verpflichtung, den Überlebenden, ihren Verwandten und Nachkommen eindeutig beizustehen, bei uns und in ihrem Land Israel. Mir ist von guten persönlichen Erzählungen von Holocaustüberlebenden oder von vor den Nazis in das Land Israel geflüchteten Menschen bekannt, dass heute immer noch viele unter dem Trauma leiden wegen dem, was Ihnen und Ihren Angehörigen angetan wurde

    Zum Ausdruck der Verbundenheit haben ich meine Sicht als bekennender Christ dargestellt. Nicht als es ein irgendwie gearteter „Missionsversuch“, sondern zur Erklärung unserer Verbundenheit. Ich akzeptiere hier klar auch andere Sichten.

    Das was den Juden in unserem Land vor über 70 Jahren angetan wurde, das wurde unserem liebevollen Gott selber angetan. Er war dort selbst im größten Leid gegenwärtig. Für uns ist das, was in unserem Land geschah klarer Antrieb den Überlebenden und deren Verwandten und Nachkommen eindeutig beizustehen, auch gerade in ihrem Land

    Unser Gott hat uns Menschen diese Erde anvertraut hat und wir dafür verantwortlich sind, was hier geschieht. Eines Tages fordert er dazu Rechenschaft Angesicht zu Angesicht von jedem und bietet uns jetzt die Wiederversöhnung an. Das Böser kam daher in diese Welt, da sich die Menschen von ihm im Mißtrauen von ihm abwandten und sich stattdessen dem Bösen zuwandten. Zur gewährten Freiheit gehören auch die Folgen der Freiheit.

    Wir aber haben die Gewissheit, dass unser gemeinsamer Gott sich denen zeigt, die sich ehrlich suchend an ihn wenden. Und wir warten gemeinsam darauf, dass er eine neue Welt ohne Leid schaffen wird.

    Der Sinn unserer Existenz als Menschen ist ein erlöstes, wiederversöhntes (siehe Lukasevangelium 15) und liebevolles Gegenüber unseres Gottes zu sein und neu gestaltet an ihm selber teilzuhaben. Und nicht durch menschengemachte Religion in die Irre leiten zu lassen. Nur so können wir diese Welt gut gestalten.

    Wichtig bei der Überwindung dieser oft destruktiven Welt ist, dass die Entscheidung zur Zugehörigkeit zu unserem uns liebevoll zugewandten Gott, zur Nachfolge von Jesus (hebräisch Jeschua) und die Bereitschaft zur liebevollen Lebensgestaltung durch ihn aus dem eigenen Herzen kommt und nicht aus einer bestimmenden Kultur oder einem religiös motivierten, aber letztendlich doch weltlichen Herrschaftssystem.

    Unsere gemeinsame Basis ist die heilige Schrift, dem Wort und Liebesbrief unseres gemeinsamen Gottes an uns und unsere eindeutige Grundlage:

    https://www.facebook.com/pro.christliches.medienmagazin/photos/a.420771882504.188186.218739697504/10154554724767505/?type=3&theater

    Jesus (hebräisch im Original Jeschua oder Yeschua) ist ein Jude sowie auch Abraham, Isaak, Jakob, Moses und die biblischen Propheten waren, wie seine Jünger, Apostel und auch die erste Gemeinde. Die komplette Bibel wurde von Juden geschrieben (abgesehen vom Lukas). Jesus selbst ist in Person der in der Schrift vorhergesagte jüdische Messias aus dem Stamme Davids. Die biblischen Schriften weisen aufging hin inkl. seinem stellvertretendem Sühneopfer, durch welches wir vor unserem Gott von der Macht der Sünde erlöst sind. Wer dem von Herzen vertraut und zu ihm gehört, der ist vor unserem liebevollen Gott gerechtfertigt. Auch Jesus erstes Gebot ist, dass wir unseren gemeinsamen Gott von ganzen Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft lieben sollen. Und dann uns selber und unseren Nächsten.

    Die Juden sind das in alle Ewigkeit von unserem Gott erwählte Volk seines Eigentums, das Volk seines von ihm geschlossenen ewigen und ersten Bundes.
    Dazu Johannesevangelium 4:22: (hebräisch Jochanan):
    Jesus: Denn das Heil kommt von den Juden.“ Sehr zu lesen empfehle ich hierzu auch den Römerbrief Kapitel 9-11. Mit der persönlichen Annahme ihres Jesus (hebräisch „Jeschua“) kommt auch der Heilsplan unseres Gottes zum Abschluss (griechisch „Telos“).

    Jesus starb wegen der Schuld aller Menschen durch eine römische Hinrichtung. Ja, die bestimmende jüdische Führung wollte auch wie die anderen Nationen sein mit einem im weltlichen Sinn starken Herrscher. Aber diesen Weg hat die römisch geleitete christliche Kirche auch gewählt, als sie sich mit dem römischen Reich „vermählte“, für das in der Offenbarung des Johannes der Begriff „Babylon“ verwendet wird. Mit allen schrecklichen Konsequenzen.

    Es ist doch ehrlich gesagt eine Beleidigung für die Juden, wenn man angesichts dieser Geschichte versucht, sie irgendwie in diese Institution Kirche zu befördern. Man denke nur an den Zornesausbruch Martin Luthers angesichts der berechtigen Bedenken sich seiner Kirche anzuschließen. Diese Diffamierungen wurden auch noch im Dritten Reich zitiert.

    Statt „Mission“ ist hier besser eine klare Entschuldigung für das von den christlichen Kirchen begangene Unrecht angebracht. Gott hat durch sein Wort schon von Anfang immer zu ihnen geredet. Wenn sie diesem Wort Gottes vertrauen rechnet Gott Ihnen dieses Vertrauen in ihn selbst auch als Zugehörigkeit an und wir sind dadurch in einer Gemeinschaft mit Ihnen.

    Zu Jesus (hebräisch „Jeschua“) als Wort Gottes steht im Johannesevangelium 1:1 – 5 und 1:14 – 18:
    „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.“

    „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Johannes gibt Zeugnis von ihm und ruft:Dieser war es, von dem ich gesagt habe:Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich. Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus (hebräisch „Jeschua Hamaschiach“) geworden.“.

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