Was die anderen tun müssten, damit sich die Welt zum Positiven verändert, wissen wir meist schnell. Doch der Theologe Thorsten Dietz (Hochschule Tabor) stellt sich der Frage: Was muss ich in meinem Leben verändern, wenn ich schützen will, was ich liebe?

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Die Welt ist aus den Fugen. Alle sehen, dass etwas schiefläuft. Jeder sieht die Probleme an anderer Stelle. Besonders deutlich bei „den anderen“. Wir haben so häufig gehört, wer alles Schuld ist: am Klimawandel, am Populismus, an Ungerechtigkeit, an diesem, an jenem, an allem. Und ja, es braucht Kritik, auch Streit und Protest. Aber wenn wir Glück haben, spüren wir: Das ist nicht genug. Es reicht nicht zu fragen, was uns krank macht. Was macht uns gesund? Wenn sich vieles ändern muss, dann auch ich. Aber wo anfangen?

So finden wir das rechte Maß

Wir haben heute ein Problem: Wir finden kein Maß. Wir konsumieren zu viel und genießen zu wenig. Wir hören zu wenig zu und reden zu viel. Wir sind zu viel unterwegs und kommen zu wenig an. Wir bewegen uns zu wenig und finden keine Ruhe. Wir finden kein Maß. So viele Lebensbereiche sind durch Maßlosigkeit gezeichnet. Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt. Über die Verhältnisse unseres Planeten, seiner Wasservorräte, seiner Böden und Rohstoffe.

Wenn Maßlosigkeit unser Problem ist, brauchen wir eine Wiederentdeckung des Maßes. Wir müssen neu lernen, maßzuhalten. Wir müssen maßvoller werden in unserem Handeln, Denken und Urteilen.

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Die Ahnung, dass uns das Maß verloren gegangen ist, drängt sich auf, weil wir die Erfahrung des Maßes kennen. Wir leben in einer maßvollen Welt. Die Natur lebt von Konstanten. Gravitation, Lichtgeschwindigkeit und andere physikalische Gesetze kennen kein Schwanken. Die Drehung der Erde um sich selbst und ihre Umkreisung der Sonne geben unserem Leben das Maß der Tage, Wochen und Jahre. Wir sind Kinder einer zyklischen Welt voller Maße, die wir weder hervorgebracht haben noch aus dem Takt bringen können.

Wie finden wir ein maßvolles Leben? Wir müssen immer wieder neu ausmessen, was trägt und was zerstörerisch ist. Wir laufen in verschiedenen Schuhen. Kein Maß passt für alle. Was du in jungen Jahren alles schaffst, wird irgendwann Gegenstand wehmütiger Erinnerung. Das Maß zu finden, ist eine Lebensaufgabe. Maßvoll leben – das ist eine Sache der Weisheit, des Mutes und der Frömmigkeit.

Maßhalten erfordert Mut

Maßhalten können ist eine Fähigkeit der Weisheit. Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Und ja, Weisheit liebt Wissen. Aber Weisheit besteht nicht aus Wissen allein. Denn Weisheit weiß um die Grenzen des Wissens. Die Naturwissenschaften haben uns in den letzten Jahrhunderten unfassbar viel Wissen über unsere Welt eröffnet. Sie sind Grundlage für unser Handeln. All das Wissen macht uns ehrfürchtig und demütig. Aber wir müssen auch lernen, mit der Fülle der Informationen umzugehen. Wer Wissen verachtet, wird auf Dauer scheitern. Denn er wird der Wirklichkeit nicht gerecht werden. Aber wer erst etwas tun möchte, wenn er ein vollständiges Bild von dem Weg hat, den er gehen will, wird nicht weit kommen. Wer nur im Schutz absoluten Wissens handeln will, wird nicht in die Gänge kommen. Weisheit ist maßvoller Umgang mit dem eigenen Wissen und Nichtwissen. Wir begreifen nur nach dem Maß menschlicher Einsicht.

Mut ist die Fähigkeit,
inmitten von Angst
gerne zu leben.

Maßhalten erfordert Mut. Oft ist es die Angst, die Menschen maßlos macht. Die Angst, etwas zu verpassen. Die Angst, zu kurz zu kommen oder nicht zu genügen. Mut ist nicht das Gegenteil von Angst. Auch das Ideal des angstlosen Lebens ist eine Illusion der Maßlosigkeit. Nicht ohne Angst zu leben, ist ein sinnvolles Ziel, sondern mit ihr und trotz ihr zu leben. Mut ist die Fähigkeit, inmitten von Angst gerne zu leben. Die Angst nicht verleugnen – und sich nicht von ihr bestimmen zu lassen. Mut ist maßvoll. Das beginnt beim Essen und hört beim Einkaufen längst nicht auf. Veränderungen sind möglich. Mut ist angstbereite Fehlerfreundlichkeit. Denn die Vorstellung, dass derjenige, der nichts verändert, schon keinen Fehler machen wird – ist mehr als töricht.

Warum der Glaube dabei hilft

Zum maßvollen Leben verhilft zuletzt – Frömmigkeit. Manche zucken bei diesem Wort, aus Gründen. Denn bisweilen trifft man auf Frömmigkeit, die auf törichte Weise angstgetrieben und mutlos ist. Maßlose Frömmigkeit verschärft die Krisen unserer Zeit. Aber vielleicht gehört es zum heute nötigen Mut, auch die maßlose Angst vor der Religion abzuschütteln.

Worum geht es der Frömmigkeit? Um ein Leben aus tiefen Wurzeln. Wurzeln sind oft unsichtbar. Sie machen nichts her, sie stellen nichts dar. Wie tief und wie weit deine Wurzeln reichen, merkst du erst im Sturm und in der Dürre. Wir verstehen ganz gut, wie Wurzeln in der Natur einen Unterschied machen können. Aber was heißt das für uns? Wie gewinnen wir Wurzeln?

Viele Menschen entdecken heute die Weisheit der Natur. Sie entsagen der Angst, als Spinner oder Esoteriker verlacht zu werden, wenn sie von der Natur lernen wollen. Es gibt gute Trends und heilsame Strömungen der Zeit. Wer schützen will, was er liebt, wird die Liebe kultivieren zu dem, was schutzbedürftig ist.

Die Natur ist lehrreich: Die Herzwurzeln der Buche beispielsweise helfen ihr, sich gleichzeitig in die Tiefe und in die Weite auszustrecken. Die Buche verbindet sich nicht nur mit dem Erdreich, sondern mit vielen Mitbäumen. Sie wurzelt beziehungsreich in viele Richtungen. Wir brauchen solche Wurzeln. Die uns mit der Schöpfung verbinden, aber natürlich auch mit Menschen, die mit uns unterwegs sind, mit uns fragen, suchen, Freude und Schmerz teilen. Wir brauchen auch geschichtliche Wurzeln, die in die Tiefe reichen. Das Bewusstsein, in einer langen Kette zu stehen und nur deshalb zu leben, weil dieses Geheimnis des Lebens von Generation zu Generation weitergegeben und aufgezogen wurde. Dieses Bewusstsein kann schützen vor der Überschätzung der Gegenwart.

Es ist nicht zuletzt Frömmigkeit, die uns mit unseren Vorfahren verbindet – über viele Jahrhunderte. Frömmigkeit ist alt. Uralt. Sie ist ein Speicher voller Lerngeschichten. Unsere Vorfahren haben das Geheimnis der Taufe und die Gemeinschaft des Abendmahles gefeiert, bevor der Buchdruck erfunden war. Sie haben das Vaterunser gebetet, als es die deutsche Sprache noch gar nicht gab. Die Feste der Christenheit verbinden die Geschichte Gottes mit den Wendepunkten des Jahreskreises. Wir feiern das Licht der Weihnacht in den dunkelsten Tagen, sehen die Auferstehung gespiegelt im Frühlingserwachen neuen Lebens – um in herbstlicher Zeit zu lernen, dass Abschied, Trauer und Tod Teil dieses Lebens sind.

Wir brauchen Wurzeln. Denn wer sich getragen weiß, wird mutig genug für die Frage: Was muss ich in meinem Leben verändern, wenn ich schützen will, was ich liebe?

Thorsten Dietz ist Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule TABOR in Marburg. Als Direktor des Marburger Instituts für Religion und Psychotherapie beschäftigt er sich vor allem mit der Theologie und Praxis christlicher Spiritualität.


andersleben CoverDieser Artikel stammt aus der Startausgabe des Magazins andersLeben – Zukunft suchen • Wurzeln finden • Nachhaltig handeln. Es wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

 

 

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