Im Sharehaus "Refugio" leben 20 Deutsche und 20 Geflüchtete zusammen. Wie das mit der Gemeinschaft funktioniert und welche Rolle ihr christlicher Glaube dabei spielt, hat Anja Schäfer bei Sven Lager nachgefragt. Er hat das Projekt zusammen mit seiner Frau Elke Naters letztes Jahr gegründet.

Eine Wohnstraße in Berlin-Neukölln. Fünfstöckige Häuser. An einem das schlichte Leuchtschild: Refugio. Durch die Glastür betritt man einen großen, offenen Raum. Runde dunkelgraue Holztische stehen darin. Hinten auf dem langen Tresen eine imposante Kaffeemaschine. An den Wänden stilvoll dekorierte Regalleisten. Coffeeshop-Atmosphäre. Um den großen Tisch in der Ecke sitzt eine Gruppe junger Männer. Minderjährige Flüchtlinge, die sich hier treffen, um Deutsch zu lernen, erzählt Alessia, die sich für "Give something back to Berlin" engagiert, eine Organisation, die nicht-deutschstämmigen Berlinern eine Chance bietet, sozial aktiv zu sein. Sie ist eine der vielen Gruppen, die das Café in dem Gebäude nutzen, das bis vor kurzem noch ein Seniorenwohnheim war.

Seniorig ist hier heute aber höchstens noch das gemütliche Omasofa vor dem Tresen. Das Café gehört zum Sharehaus Refugio, einer fünfstöckigen Wohn- und Arbeitsgemeinschaft der Berliner Stadtmission, einer Brutstätte für kreatives, soziales Engagement – oder wie sie selbst sagen: einer "Werkstatt für himmlische Gesellschaft". Das Café wird von drei Mini-Jobbern und einem Hauptamtlichen betrieben, der Pfarrer und Barista ist. "Unser Pfarrista sozusagen", lacht Sven Lager.

Er und seine Frau Elke haben zehn Jahre als Schriftsteller in Südafrika gelebt, dort den christlichen Glauben für sich entdeckt und das erste Sharehaus gegründet. In anderer Form, aber der Gedanke des Teilens und der Gemeinschaft stand auch damals im Vordergrund. Seit Juli 2015 entwickeln sie das Sharehaus Refugio in Berlin, in dem zwanzig Einheimische und zwanzig Geflüchtete zusammenleben. Bewohnerinnen wie Malaka Jazmati, die in Syrien eine eigene Kochshow hatte. Jetzt macht sie sich hier, zusammen mit anderen, mit einem Cateringservice selbstständig.

Die Zeit im Sharehaus Refugio ist begrenzt. 18 Monate lang können die Bewohner hier leben, dann soll es für sie weitergehen. Die Einzelzimmer sind gerade für Paare und Familien ohnehin nicht für länger ausgelegt. Aber es soll auch die Herausforderung bestehen, in den anderthalb Jahren für sich eine Zukunft auf die Beine zu stellen.

Sven und ich setzen uns zum Interview an einen der Tische im Café.

Sven, was ist dir wichtig am Sharehaus?

Gemeinschaft. Am Ende geht es immer um Gemeinschaft. Wie arbeitet man zusammen? Wie lebt man zusammen? Das interessiert uns. Glaube ist immer etwas, das gelebt werden muss. In diesem Haus leben wir zusammen mit Muslimen, Atheisten und Skeptikern und die Frage ist: Wie können wir trotzdem ein Haus der Einheit sein? Uns fasziniert, dass wir von Gott zu Menschen gemacht sind, die schön sind und die Begabungen haben. Wie können wir dieser Körper sein, bei dem Jesus der Kopf ist? Das finde ich interessant. Wie können wir Gott in jedem Menschen entdecken? Daraus entspringt der ganze Sharehaus-Gedanke. Das hat mit Flüchtlingen noch gar nichts zu tun. Das hat mit Menschen zu tun.

Warum ist euch Gemeinschaft so wichtig?

In Südafrika zählte die Gemeinschaft mehr, aber das Individuum kann dabei untergehen. Bei uns hier zählt das Individuum mehr, aber die Gemeinschaft geht unter. Wir wollen beides zusammenbringen. Das hier ist auch ein Test, wir probieren was aus. Wir leben Gemeinschaft in einer Weise, die komplett das Gegenteil ist von dem, was wir Flüchtlingskrise nennen, und sagen: "Toll, dass ihr da seid. – Also, schade, dass ihr da seid, aber danke, dass ihr uns reich beschenkt." Wir müssen Menschen anders sehen. Das ist, glaube ich, Gottes Blick auf den Menschen.

Ich vermute, ihr habt beim Zusammenleben schon einiges gelernt?

Wir haben versucht, das Haus sehr demokratisch aufzustellen, aber das funktioniert erst mal nicht. Man muss die Vision sehr klar vorgeben und auch strukturieren, weil die meisten Menschen es nicht gewohnt sind, komplexe Strukturen demokratisch zu entscheiden. Wir sind ja Leute aus Syrien, Somalia, Palästina, Deutschland, Schweden, Nigeria – da muss man erstmal Gemeinschaft und Vertrauen schaffen. Wir müssen das Prinzip der Gleichheit immer wieder betonen und auch, dass man nie schlecht über andere Menschen im Haus spricht.

Die Bewohner leben jeweils anderthalb Jahre hier, danach ist die Zeit zu Ende. Wie habt ihr eure Bewohner ausgewählt?

Wir haben ein Bewerbungsschreiben gemacht und gefragt: Was plant ihr in den nächsten anderthalb Jahren, was wollt ihr? Das waren unsere beiden wichtigsten Fragen: Was könnt ihr geben, was braucht ihr? Da wir keine Betreuung haben, haben wir gesagt: Wir nehmen Leute, die fit genug sind, um irgendwas zu verändern. Das Tolle ist, dass die Bewohner schon ganz früh rausgegangen sind zum LaGeSo, sich um andere Geflüchtete gekümmert haben, durchaus Rollenvorbilder wurden für Leute, die noch keine Hoffnung haben in Deutschland, und die dadurch sehen: Wow, der kann das auch, der ist auch noch nicht lange hier, aber der macht hier auch was Sinnvolles. Wenn man die paar Leute findet, die gerne was verändern würden, steckt das an.

Warum nennt ihr euch "Werkstatt für himmlische Gesellschaft"?

In Deutschland ist Glauben privat, aber wir sagen: Glauben ist öffentlich, Glauben ist Gemeinschaft und Glauben ist politisch. Wir versuchen etwas zu leben, was die Gesellschaft verändert. Unser Land war zutiefst vom Glauben geprägt, und auch von dessen Moral und Ethik, und ich würde mir wünschen, dass wir es schaffen, das wieder aufleben zu lassen. Ich freu mich, wenn wir dahin kommen, dass man merkt, wow, hier wird etwas Geistliches gelebt, das ist toll. Und die Gelegenheit in Deutschland ist da. Große Krise des Glaubens, wie immer, schon lange. Und dann kommt Angela Merkel und sagt: ‚Was für ein Abendland verteidigen Sie denn eigentlich? Gehen Sie doch mal in die Kirche. Lesen Sie doch mal die Bibel. Warum ist der Islam so ein Problem für Sie?’ Das ist schön, dass wir uns ganz kritisch, ganz neu, ganz frisch mit dem Glauben auseinandersetzen können. Denn der ist jetzt gefragt.

Das Interview führte Anja Schäfer. Sie arbeitet als Lektorin, Übersetzerin und Autorin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Im Sommer 2015 haben Elke Naters und Sven Lager das Sharehaus Refugio der Berliner Stadtmission in Berlin-Neukölln eröffnet. Mit 40 Bewohnern, unter ihnen die Hälfte Flüchtlinge, leben sie in einem ehemaligen Seniorenwohnheim, probieren Gemeinschaft, initiieren Projekte und verstehen sich auch als Experimentierfeld für andere Projekte ähnlicher Art.
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Das komplette Interview mit Sven Lager könnt Ihr in Ausgabe 2/2016 der Frauenzeitschrift "Joyce" lesen. "Joyce" erscheint vier Mal pro Jahr im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört.

(Quelle: joyce)