Mut, Innovation und Kreativität scheinen Start-ups vorbehalten und nicht das Kennzeichen von Kirchen zu sein. Wie und was Gemeinden von hippen Start-up-Unternehmen lernen können, weiß der Theologe und Innovationstrainer Dr. Florian Sobetzko.

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Dr. Sobetzko, Sie sind Mitherausgeber des „Gründerhandbuch für pastorale Start-ups und Innovationsprojekte“. Was ist der Kern des Buches?

Sobetzko: Das Knowhow, das wir derzeit dringend benötigen, ist schon in der Welt. Die Menschen, die für den Aufbau des anbrechenden Reiches Gottes gebraucht werden, sind schon geboren, sie laufen schon durch unsere Nachbarschaften. Das Gründerhandbuch lenkt den Blick auf dieses externe Lösungswissen, auf die menschliche Lösungskreativität jenseits unserer klassisch-gemeindlichen Bezüge. Da draußen sind unzählige talentierte Menschen, die nicht nur dazu geboren wurden, um uns zuzuhören oder unsere Ideen umzusetzen.

Start-ups und Innovation: Das klingt alles sehr modern und an wirtschaftlichen Prozessen orientiert. Was hat das alles mit Theologie, Bibel und Kirche zu tun?

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Soweit ich es überblicke, ist die Heilige Schrift kein Plädoyer für Stillstand und Sesshaftigkeit, sondern es geht ununterbrochen um Aufbruch und Neubeginn. Die junge Kirche versteht sich als Gemeinschaft von Anhängern eines neuen Weges. Mir erscheint also eher das Gegenteil begründungspflichtig: Was gäbe uns das Recht, nicht aufzubrechen und neu zu hoffen? Und was gäbe uns das Recht, diesen Aufbruch immer nur zu spiritualisieren und es beim allgemeinen Gebet um Aufbruch zu belassen?

Dr. Florian Sobetzko ist Seelsorger im Bistum Aachen, externer Forschungsmitarbeiter am Zentrum für angewandte Pastoralforschung Bochum und freiberuflicher Innovationstrainer.

 

Was kann Kirche von Start-ups und Innovationsprojekten lernen? Welches sind die grundlegenden Innovations-Kompetenzen, die Gemeinden erwerben müssen?

Bei Kirche ist man es – wie übrigens in den meisten Institutionen und auch in großen Unternehmen – gewohnt, in langen Zyklen sorgfältig erarbeitete Pläne abzuarbeiten. Von guten Start-ups lernen wir, dass zu Beginn kein Plan den ersten Kontakt mit der Realität überlebt und dass deshalb in ganz kleinen Zyklen von manchmal nur wenigen Tagen gearbeitet werden muss. Auf die Gemeinden hin gewendet heißt das, dass quasi Beete eingezäunt werden müssen, in denen Neues wachsen kann. Das bedeutet nicht, dass alles, was dort neu wächst, auch überleben wird und soll. Aber wenn ich keine Schutzzonen für Neues schaffe, bleibt es bei der Reproduktion des Gewohnten.

Kirche setzt nicht auf moderne Werkzeuge, sondern lebt unter anderem von ihren Traditionen. Ein Wechsel zu neuen Ideen kann schmerzhaft sein. Wie kann dieser gelingen, ohne dass viel zu Bruch geht?

Ich kann nicht gleichzeitig in Ägypten bleiben und ins gelobte Land aufbrechen. Zur Innovation gehört immer auch die Exnovation, denn das Alte kannibalisiert in der Regel das Neue. Zugleich ist meine Erfahrung: Das Neue kann auch das Alte vitalisieren, wenn es denn erst mal entstehen darf. Das Entstehen neuer Gemeinden ist eine enorme Ermutigung im eigenen Glauben, der ja mit dem Verdunsten christlicher Kultur eine schwere Verunsicherung erlebt.

Jesus war als Zimmermann den Umgang mit Technik gewohnt. Was würde er zu Ihrem „Start-up-Werkzeug“ sagen? Welches davon würde Jesus benutzen?

Was er mir in ekklesiologischen Belangen zu sagen haben wird, wenn ich eines Tages auf der anderen Seeseite ankomme, darauf bin ich auch sehr gespannt. Bis dahin vertraue ich darauf, dass er als Zimmermannssohn Akkuschrauber echt prima fände.

Vielen Dank für das Gespräch!


Das Gespräch führte Ulrich Mang für das Magazin 3E (Ausgabe 03/2020). Das Ideenmagazin der evangelischen Kirche erscheint regelmäßig im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört.

 

 

 

 

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