Das „Limelight Collective“ – oder: Wie der Tänzer Shaw Coleman ein gealtertes Heilsarmeekorps in Berlin umkrempelt

Von Anna Koppri

Berlins Kastanienallee ist eine der beliebtesten alternativen Shoppingmeilen. Neben
besonderer Mode lassen sich hier lange gesuchte Schallplatten auffinden, in den Papeterien oder bei „Kauf dich Glücklich“ verkaufen sie allerlei ausgefallene Kleinigkeiten. Für den kleinen Hunger gibt es die Bio-Burger- Schmiede oder den Humus-Laden. Es gibt eine Sprachschule für Deutsch, daneben ist die Ballettschule und ein paar Häuser weiter die Gemeinde der Heilsarmee. Hier treffe ich Shaw Coleman, der perfekt in das vielseitige, multikulturelle Ambiente passt. Shaw ist professioneller Balletttänzer und Heilsarmeesoldat, was nicht zwingend ein Widerspruch ist, aber in dieser Kombination doch besonders. Seit wenigen Wochen ist er auch noch frisch gebackener Gemeindegründer und man darf davon ausgehen, dass da eine Geschichte hintersteckt, die es wert ist, erzählt zu werden.

Ein Sonderling in der Tanzwelt

Shaw wächst als jüngster Drilling im australischen Perth auf. Als Kinder erfinden die drei Theaterstücke oder wirken bei Musicals im Kinderchor mit, manchmal sind auch ihre zwei älteren Brüder dabei. Ihre Eltern sind Offiziere der Heilsarmee und arbeiten als Gemeindeleiter und mit Suchtkranken. Für die Drillinge ist es nicht immer einfach, als Individuen wahrgenommen zu werden, weshalb Shaw froh ist, als sie im Jugendalter verschiedene Interessen entwickeln. Für ihn ist das die Tanzwelt, die er bereits als Grundschüler kennenlernt und die bald mehr Raum in seinem Leben einnehmen soll als ein gewöhnliches Hobby. Nachdem er mit 16 seine allgemeine Schulpflicht beendet hat, geht er für drei Jahre an eine Ballettschule. Mit dieser Vorausbildung wird er schließlich am National Theater angenommen und erhält eine staatlich anerkannte Ballettausbildung. Natürlich ist die Tanzwelt ein ganz anderes Pflaster als die Gemeinschaft der Heilsarmeeleute, in der er groß geworden ist. Am National Theater geht es um Leistung, Konkurrenz und Disziplin. Mit seinem christlichen Glauben können die wenigsten etwas anfangen und halten ihn für ein wenig sonderbar – doch wer ist das nicht in der Künstler-Szene?

Glaube, der Halt gibt

Schon zu Beginn der Ausbildung sieht Shaw die Gefahr, dass Tanzen für ihn eine neue Religion werden könnte und bittet Gott deshalb: „Ich liebe das Tanzen so sehr und habe Angst, dass es in meinem Herzen mehr Platz einnehmen könnte als du. Lass das nicht zu. Ich glaube, dass du mich dafür gemacht hast. Falls du mich irgendwann davon wegrufst, gib mir bitte die Stärke, dir zu folgen.“ Zum Ende der Ausbildung folgt die erste große Kollision des Berufes mit seinen Werten als Heilssoldat. Heute sagt er, er wisse nicht, ob er den Mumm gehabt hätte, das Gelübde der Heilsarmee abzulegen, wenn er mit 17 wirklich überblickt hätte, was das für sein Leben bedeute. „Du versprichst, anderen so viel zu dienen wie du kannst, so viel von deinem Einkommen zu spenden wie möglich und sensibel für das Wirken des Heiligen Geistes in deinem Leben zu sein. Außerdem enthältst du dich von Alkohol, Drogen, Rauchen, Glücksspielen, Pornografie und allem anderen, das süchtig machen könnte.“ Er sei dennoch froh über sein Versprechen. In der Tanzszene, in der alles offen und verhandelbar sei, gebe ihm diese solide Vereinbarung mit Gott Halt. Noch nie habe er wissentlich Alkohol getrunken oder geraucht. Die eine Schnapspraline, die ihm ein Kollege unterjubeln wollte, habe er sofort wieder ausgespuckt, erzählt er lachend. Für eine erste Rolle im Musical „Billy Elliot“ sollte er auf der Bühne rauchen und fluchen, weshalb er das Bewerbungsverfahren schließlich schweren Herzens abbrach.

Als junger Tänzer nach Europa

Bild: Visions and pictures

Als ausgebildeter Profitänzer macht Shaw sich mit 20 auf eine abenteuerliche Reise nach Europa. „Hier hat sich die ganze Geschichte abgespielt, weshalb kulturell einfach viel mehr los ist und man als Tänzer eher einen Job findet“, erklärt der sympathische Rotschopf. Shaw fährt von Vortanztermin zu Vortanztermin und sieht von den meisten Städten nur den Bahnhof, die Jugendherberge und das Opernhaus. Am Ende der Reise verschlägt es ihn für einen ersten Job nach Irland und danach ans Landestheater Detmold, mit dem er auf Tournee geht. Anschließend bekommt er ein festes Engagement in Hagen. An einem Sonntag bricht er von Hagen zu seiner Heilsarmeegemeinde nach Dortmund auf. Da sein Zug ausfällt, schlendert er durch den Volkspark und hört Lobpreisklänge. Gerade heute veranstaltet die Baptistengemeinde ihren alljährlichen Open-Air Gottesdienst. Da er noch auf der Suche nach christlicher Gemeinschaft in der Nähe ist, geht er schließlich mit der Adresse eines Junge-Erwachsenen-Hauskreises nach Hause. Ein paar Tage später findet er sich abends in einem eher unschönen Viertel der Stadt wieder und stellt fest, dass die besagte Klingel nicht funktioniert. Da das Guthaben seines Handys leer ist, kann er von Glück sprechen, dass in diesem Moment eine junge Frau ankommt, die sich per Anruf die Tür öffnen lässt. Shaw wittert seine Chance und schlüpft mit ihr durch den Eingang. Später erfährt er, dass der jungen Dame schon etwas mulmig zumute war, von einem Kerl mit weißen und schwarzen Strähnen im Haar verfolgt zu werden. Als er sie schließlich in gebrochenem Deutsch fragt, ob sie auch zu dem Hauskreis will, ist sie erleichtert. Es stellt sich heraus, dass Katharina super Englisch spricht, weshalb Shaw sich in den kommenden Wochen immer neben sie setzt. Die beiden werden Freunde, verlieben sich und heiraten.

Ein Anruf aus Berlin

Einige Jahre später: Als Shaw durch eine Knieverletzung einige Monate lang nicht tanzen kann, hat er Zeit, über seine tänzerische Sterblichkeit nachzudenken, und darüber, was er noch mit seinem Leben anfangen könnte. Und Gott nimmt die Bitte ernst, die der junge Tanzschüler an ihn gestellt hat, und öffnet ihm eine ganz neue Tür. Im Gebet zeigt Gott ihm im Sommer 2015, dass er künstlerisch mit jungen Leuten arbeiten und etwas ganz Neues aufbauen darf: „Er hat auch gesagt, dass ich groß träumen soll, weil er mehr tun kann, als wir bitten oder uns vorstellen können.“ Shaw nimmt die Herausforderung an und arbeitet verschiedene Konzepte aus. Ein paar Monate später kommt tatsächlich ein Anruf aus Berlin: Eine Heilsarmee-Gemeinde in Berlin-Mitte, die vor 20 Jahren auf den Kiez ausgerichtet worden und nun völlig überholt sei, müsse unbedingt einer neuen Idee weichen. Shaw ist genau der Richtige für diese Aufgabe. Auch das Timing ist perfekt: Seine Frau ist hochschwanger und geht in Elternzeit, weshalb einem Umzug nach Berlin nichts im Wege steht. Der mittlerweile 30-jährige Profitänzer und stolze Vater eines kleinen Sohnes hat zwar noch das ein oder andere Tanz-Engagement, doch konzentriert er sich jetzt hauptsächlich auf die Gründung seiner Künstler-Gemeinde: „Früher als junger Mann habe ich geglaubt, wenn jeder Ballett machen würde, dann wäre die Welt viel besser. Irgendwann habe ich geschnallt: Nee, wenn jeder Ballett machen würde, hätte ich keinen Job. “ Eine Gemeinde aufbauen zu dürfen, empfindet Shaw als großes Vorrecht und Kompliment Gottes. Die Gemeinde von der Shaw träumt, ist eine, in der sich Leute zurechtfinden, die sich mit Theaterkultur besser auskennen als mit der Kirchenkultur. Leute, die im Theater zu Hause sind, nicht nur als Darsteller, sondern auch als Zuschauer. Shaw möchte ihnen den Glauben in ihrer Sprache und ihrem kulturellen Rahmen nahebringen. „Künstler sind genauso gebrochene Menschen wie alle anderen. Die haben genauso viel Unsicherheit, Angst, Wut oder Verwirrung. Auch für sie ist Jesus gestorben.“

Auf kreative Weise mit Gott verbinden

Shaw hat bereits ein Team junger Künstler um sich versammelt, die gemeinsam Ideen spinnen. Sie wollen für die Nachbarschaft kreative Workshops auf Spendenbasis anbieten und auch ein wöchentliches Event ins Leben rufen. Das soll jedoch nicht in der klassischen Gottesdienstform mit Predigt und Lobpreis geschehen, sondern vor allem dazu dienen, Gemeinschaft herzustellen und auf kreative Weise mit Gott zu verbinden. Dazu wollen sie die Wege nutzen, die ihnen die Kunst bietet, auch wenn es bedeutet, Fragen offen zu lassen: „Das Coole an darstellender künstlerischer Arbeit ist, dass sie Zugang zu Gedanken und Herzenshaltungen schafft. Oft geht sie ganz tief ins Herz hinein. Wenn man schon da ist, kann man sich auch mit geistlichen Themen auseinandersetzen.“ Natürlich wollen Shaw und seine Mitstreiter nicht verheimlichen, dass es sich um ein christliches Projekt der Heilsarmee handelt. Ein erstes Event wurde bereits ins Leben gerufen, die regelmäßig stattfindende „Open Mic Night“. Diese wollen sie nutzen, um den Kiez kennenzulernen und Künstler mit Kunstinteressierten zusammenzubringen: „Laut meiner Erfahrung schweißt es zusammen, Kunst oder Theater zusammen zu machen. Ich hoffe, dass daraus eine Gemeinschaft entsteht, die zusammen Kunst schafft.“ Einen Projektnamen haben sie auch schon: „Lime-light Collective“. Der Name geht auf eine Beleuchungstechnik aus dem 19. Jahrhundert zurück. „Damals haben sie eine Gasflamme auf ein Stück Kalkstein geworfen, was dann weiß geglüht hat. Das haben sie benutzt, um die Stars hervorzuheben. Das Projekt soll Künstlern dabei helfen, in ihrer weltlichen Umgebung hell zu leuchten.“

Die erste „Open Mic Night“ war ein voller Erfolg. Eine bunte Truppe von zwei Duzend Künstlern und Interessierten fand sich in dem liebevoll dekorierten Ambiente ein. Es wurden Gedichte gelesen, Theater und musikalische Stücke dargeboten und zum Schluss dazu animiert, zusammen mit der Berliner Band „Ein toter Dichter“ „Berlin, ick liebe dir“ zu singen. Eine öffentliche Liebeserklärung – keine schlechte Idee für den Anfang.

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. da würd ich auch gern mitmachen… es ist toll, was für unterschiedliche Ideen es gibt… und der junge Mann hat sein Herz auf dem rechten Fleck! Ich glaube, das ist echt eine Bereicherung. 🙂 „freu“

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