Lukas Ullrich und Till Florian Beyerbach von „Eure Formation“ widmen Dietrich Bonhoeffer auf dem Kirchentag ein ganzes Theaterstück: „Bonhoeffer. Der mit dem Lied“. Ihre Inszenierung zieht das Publikum mit – und dürfte noch ein wenig mehr Theater sein.

Von Nathanael Ullmann

Dietrich Bonhoeffer, der christliche Widerstandskämpfer der NS-Zeit, hat bei vielen Gläubigen heute beinahe den Status einer evangelischen Legende. Dementsprechend lang ist die Schlange schon eine Stunde vor der Aufführung im Theater Dortmund. Bis auf den Gehweg reicht sie Für die Wartenden sollte sich das Ausharren lohnen.

Lukas Ullrich und Till Florian Beyerbach können als Mini-Kollektiv nicht allzu tief in die Trickkiste des Theaters greifen, um ihre Geschichte zu erzählen. Ein paar LED-Scheinwerfer, Keyboards, ein Schlagzeug und ein minimalistisches Bühnenbild müssen genügen. Darüber hinaus gibt es nur sie selbst, die durch die Geschichte Bonhoeffers tragen.

Dessen Leben beleuchten sie in etwas mehr als einer Stunde dann auch möglichst umfassend. Von der Geburt bis zum Tod des Ausnahmedenkers spannen sie ihr Stück. Sie erzählen, wie er schon früh entscheidet, Theologe zu werden. Sie berichten von seinem Weg zum Doktortitel, den er mit 24 Jahren verliehen bekommt. Sie thematisieren seinen entschiedenen Aufstand gegen den jungen Hitler und schließlich von seiner Hinrichtung im Konzentrationslager.

Viel Dialog, wenig Spiel

Die meisten Stationen Bonhoeffers beleuchten Ullrich und Beyerbach im dialogischen Spiel. Meist verkörpert einer der beiden Bonhoeffers selbst, wird also zum Ich-Erzähler. Der andere vervollkommt das sprachliche Wechselspiel in dritter Person. Dialogisch ist das, was die beiden in Dortmund abliefern, große Klasse. Dramaturg Uwe Hoppe hat hervorragende Arbeit geleistet. Die Gespräche wirken nie gekünstelt, haben Sprachwitz und trotzdem das nötige Gewicht.

Was bei alldem nur fehlt, ist das eigentliche Spiel. „Show, don’t tell“ (Spiele, erzähle nicht) ist eine alte Weisheit des Theaters. Diese ungeschriebene Regel übergeht das Duo geflissentlich. Gerade einmal eine richtige Spielszene haben sie eingebaut: Eberhard Bethge, der spätere Biograph Bonhoeffers, trifft ebenjenen beim Predigerseminar der Bekennenden Kirche. Er erkennt ihn jedoch nicht. Und so entspannt sich ein witziger Dialog über die Erwartungen Bethges an seinen Professor. Er beschreibt Bonhoeffer als strengen Lehrer, während dieser, weiter unerkannt, Jojo spielt. Hier zeigt das Kollektiv sich in Bestform: Es kann spielerische Szenen bauen. Mehr davon hätte das Stück abgerundet.

Ein paar Bretter als Bühne reichen

Eine wichtige inszenatorische Ergänzung zu den Dialogen stellt das Bühnenbild dar. Es besteht im Grunde aus einem Gerüst und mehreren Holzstangen. Die nehmen im Laufe des Stücks immer neue Formen an: Sie wandeln sich vom Eisernen Kreuz zu Engelsflügeln, werden dann zu einem Dreieck und schließlich zum Diamanten. Und spätestens, als ebenjener Juwel plötzlich mit dem Gerüst hochgezogen, erhängt wird, entfaltet das Bild seine volle symbolische Bedeutung. Mit dem Knattern der Hebel wird der Edelstein aus seiner Verankerung gezogen und hängt da – wehrlos. Die Brücke zu Bonhoeffer lässt sich leicht schlagen.

Das Licht, in den meisten Momenten eher zweckmäßig, schafft ebenfalls Glanzpunkte. Das Team arbeitet mit Lasern, die gegen Ende immer öfter ins Publikum strahlen. Mit ihren dreidimensionalen Formen erweitern sie den Bühnenraum bis in die Zuschauerränge. Gerade, wenn der Krieg zum Thema wird und die Laser plötzlich wirr durchs Theater flitzen, trägt das viel zur Atmosphäre bei.

Bonhoeffer bleibt dem Glauben treu

Streiten lässt sich über die Musik. Selbstverständlich darf in einem Stück über Dietrich Bonhoeffer „Von guten Mächten“ nicht fehlen – ihm verdankt das Stück schließlich seinen Untertitel. Die beiden Theatermacher haben Bonhoeffers größtes Werk neu vertont. Statt eines Chorals hat es nun mehr den Klang eines Popsongs. Allgemein streift die Musik zeitweise eher gen Volksmusik. Und spätestens, als das Tetris-Theme Korobeiniki auf Keyboard und Schlagzeug erklingt, ist die Atmosphäre des Stücks gebrochen. Das schafft zwar lockere Momente im grundsätzlich so ernsten Dialog, mag so recht aber nicht passen.

Was wir von Bonhoeffer gelernt haben, fragen die Schauspieler gegen Ende des Stücks. „Seinem Glauben treu zu bleiben“, ist ihre Antwort. Und: Ihrer Meinung nach benötigt es wieder Menschen, die aufstehen – für bedingungsloses Grundeinkommen, gegen Gewaltspiele, … Es genügt eben nicht, den Größen vergangener Jahrhunderte nachzuschauen – es braucht den Blick nach vorne. Am Ende wird das Duo mit langem Applaus geehrt. Ihnen ist es gelungen, eine spannende Kurzbiographie Bonhoeffers auf die Bühne zu bringen. Sie lassen die historische Person erneut lebendig werden und geben deren Leben mit ihrer Bühne eine künstlerische Übersetzung, die sich zu sehen lohnt.

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