„Time“-Magazine: US-Megakirchen heben Rassentrennung auf

0
Foto: Thinkstock
Seit den Tagen von Martin Luther King wurde in den Vereinigten Staaten viel getan, um den Skandal der Rassentrennung aufzuheben: Schwarze und Weiße gehen gemeinsam in Supermärkte, nutzen Busse und Bahnen, sind vor dem Gesetz gleichberechtigt. Vor 50 Jahren war das nicht selbstverständlich. Doch wie sieht es in den Kirchen und Gottesdiensten des Landes aus?
Werbung

Das „Time“-Magazin widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe eben jener Frage – und hat für eine Reportage die Willow Creek Community Church in South Barrington bei Chicago besucht, eine der größten Kirchen des Landes. Deren Gründer und Pastor, Bill Hybels, habe vor etwa zehn Jahren erkannt, dass seine Gemeinde die Rassentrennung nicht einfach ignorieren könne, schreibt „Time“-Autor David van Biema. Immer wieder spreche Hybels in seinen Predigten in der 7.800 Plätze umfassenden Gemeinde über Integration und Minderheiten, die in seiner Gemeinde uneingeschränkt willkommen seien. Dieser Weg zahle sich aus: Mittlerweile seien 20 Prozent der mehr als 23.000 regelmäßigen Gottesdienstbesucher Angehörige von Minderheiten, also Schwarze oder Lateinamerikaner.

Dennoch, so konstatiert der „Time“-Autor: „Trotz der fortschreitenden Aufhebung der Rassentrennung in den meisten zentralen amerikanischen Institutionen sind Kirchen noch immer eine krasse Ausnahme. Erhebungen aus dem Jahr 2007 zeigen, dass weniger als 8 Prozent aller amerikanischen Kirchen eine bedeutende Mischung von verschiedenen Rassen aufweisen.“  

In einigen Kirchen jedoch verschwinde die Rassentrennung immer schneller – und besonders schnell in den evangelikalen Gemeinden, so der „Time“-Autor. Laut Michael Emerson von der Rice Universität in Houston im US-Bundesstaat Texas stagniere der Anteil der US-Kirchen, in denen etwa 20 Prozent der Besucher Ausländer seinen, seit neun Jahren bei rund 7,5 Prozent. Bei evangelikal geprägten Kirchen aber, die mehr als 1.000 Besucher haben, vervierfachte sich der Anteil von 6 Prozent Ausländern im Jahr 1998 auf 25 Prozent im Jahr 2007. Der Grund: Zahlreiche Pastoren haben den Blick ihrer Gemeindemitglieder auch auf Minderheiten gelenkt – die gezielt in die Gottesdienste eingeladen werden.

Werbung

Diese Entwicklung markiere einen Wendepunkt in der Glaubensgeschichte des Landes. Zwar besuchten lediglich sieben Prozent der Amerikaner große Gemeinden mit mehr als 1.000 Mitgliedern – „Megakirchen“ wie die Lakewood Community Church in Houston von US-Pastors Joel Osteen oder eben die Willow Creek Community Church von Bill Hybels hätten jedoch aufgrund ihrer zum Teil weltweiten Tätigkeit und Vernetzung mit weiteren Gemeinden einen enormen Einfluss.

Für die Zukunft hat sich die Willow Creek-Gemeinde das Ziel der US-Regierung zu Eigen gemacht, nach dem bis zum Jahr 2050 keine „Rassenmehrheiten“ mehr in den USA existieren sollen. „Jede Kirche muss sich damit befassen oder sie landet am Straßenrand“, ist Jim Mellado, Leiter der Willow Creek Association, überzeugt.

Und dann warf der „Time“-Autor auch noch einen Blick in die Räume von „Promiseland“, wie Willow Creek seine Sonntagsschule nennt, die parallel zu den Gottesdiensten stattfindet. „Hier lebt die Gemeinde schon das Jahr 2050“, schreibt der Autor. Denn etwa in der Gruppe der Zweijährigen seien Kinder aus asiatischen, lateinamerikanischen oder afrikanischen Familien zusammen – die von ihrer Sonntagsschul-Leiterin hören: „Jesus liebt jeden Menschen!“