Tobias und Frauke Teichen haben zusammen das ICF München gegründet, sind seit zwanzig Jahren verheiratet und haben jetzt ein Buch über Paar-Konflikte geschrieben. In Teil 2 des Interviews sprechen sie darüber, inwieweit Corona Konflikte verschärft.

Werbung

Ein Interview von Debora Kuder

Im Buch geht es auch darum, Wahrheit in Liebe auszusprechen. Was tun, wenn das – zum Beispiel beim Ansprechen eines solchen Mangels – aber trotzdem schmerzt?
Tobias: Ich glaube ein Problem ist, dass man den Partner oft so behandelt, wie man niemand anderen behandeln würde. Bei Freunden würde man es hoffentlich nicht einfach so rausknallen, sondern erst mal beten, dass die Person vorbereitet ist und es in Liebe sagen. Habe ich die Haltung: „Du musst dich ändern!“ oder kann ich es als Chance nehmen, diesen Mangel in mir nicht nur von meinem Partner zu erwarten? Frust und der Umgang mit Frust sind Lebensthemen. Im Ehedreieck aus unserem Buch geht es um die Freiheit des anderen und die Chance, die Dinge auch mit Gott zu besprechen. Andererseits gibt es auch den Spruch: „Was Hänschen über Hans sagt, sagt mehr über Hänschen aus als über Hans.“ Wenn zum Beispiel der Mann zur Frau sagt, er findet ihre Hüfte zu breit, und das ist ihre Veranlagung und nichts, was man mit zwei Stunden Sport wegbekommen könnte, sagt das mehr über ihn aus als über sie. Wenn es um solche Äußerlichkeiten geht, sagt das eher aus, dass ich offenbar nicht liebesfähig bin dem anderen gegenüber.

Ihr habt es gerade angesprochen: In der Ehe oder der Beziehung zeigt man sich oft, wie man sich anderen gegenüber nie zeigen würde. Viele Paare, gerade mit kleinen Kindern oder jetzt mit Corona, sind aber ziemlich am Limit. Wie schafft man es dann, Konfliktthemen schön in Ich-Botschaften zu verpacken?
Tobias: Das schafft man nicht immer, im Gegenteil. Die Frage ist aber, ob wir uns als Paar die Zeit nehmen, um zu reflektieren und auszuwerten, was gut läuft und was geändert werden muss. Und ob wir dann kleine Schritte gehen. Je nachdem, in welcher Phase die Kinder sind, muss man auch sehr barmherzig mit sich und anderen sein. Die ersten drei Jahre sind einfach eine Extremsituation, da kommen zum Teil Dinge aus einem heraus, von denen man selbst schockiert ist. Ich finde es aber wichtig zu versuchen, sich dem zu stellen. Und durch Reflektion kreativ zu werden.
Frauke: Manchmal hören wir Kommentare wie: „Ihr habt es gut.“ Oder: „Eure Ehe hätten wir auch gern.“ Wir sind jetzt zwanzig Jahre verheiratet und haben einen langen Weg hinter uns, bei dem auch nicht alles toll war. Aber wir arbeiten immer daran und versuchen herauszufinden, wie unsere Beziehung noch besser werden kann. Unter Corona ist manches natürlich deutlich schwieriger. Trotzdem glaube ich, die Beziehung ist das Fundament einer Familie mit Kindern. Und dann sieht das Haus eben mal aus wie nach einer Bombe, aber wir können uns trotzdem auf die Couch setzen und zusammen einen Wein trinken. Für die Zeiten zu zweit muss man sich als Paar bewusst entscheiden, damit das Fundament hält.

„Mir hilft der Vergleich der Beziehung mit einem Lebenshaus, das man gemeinsam baut.“

Werbung

In Zeiten von Corona ist die Herausforderung ja auch, dass man nie allein ist und auch die Kinder immer um einen herum sind. Oft kann man den Konflikten auch nicht mehr so aus dem Weg gehen wie früher. Wie streitet man sich denn am besten mit Kindern vor Ort?
Tobias: Wir haben grundsätzlich die Philosophie, dass unser Sohn mitbekommen soll: Streiten ist nichts Schlimmes, es gehört dazu. Gleichzeitig soll er aber auch mitbekommen, wie man sich wieder versöhnt. Als er klein war, haben wir ausgemacht, dass der erste von uns, der merkt, dass er verunsichert ist, eine Pause macht und ihm erklärt: Mama und Papa streiten sich jetzt. Aber unter dem Strich lieben wir uns, du brauchst keine Angst zu haben. Und dann hat er auch mitbekommen, wie man sich am Ende versöhnt und miteinander betet. Frauke: Es gibt natürlich auch Konflikte, die man nicht vor dem Kind austragen sollte, das ist ja klar.
Tobias: Und natürlich ist Corona eine Ausnahmesituation und in Ausnahmesituationen kommen auch mehr Themen hoch als sonst. Das ist auch für uns anstrengender als sonst.

Was war denn der beste Tipp, den ihr selbst zum Thema Konflikte bekommen habt?
Frauke: Für mich war es zu wissen, dass manches von dem, was Tobi zu mir sagt, noch lange nicht so gemeint ist, wie ich es höre. Also der Unterschied zwischen Sender und Empfänger. Ich frage daher oft nach, ob ich ihn richtig verstanden habe und wiederhole mit meinen Worten. Dann hat er die Möglichkeit zu sagen: Nein, so habe ich das gar nicht gemeint. Oder: Ja, genau.
Tobias: Mir hilft der Vergleich der Beziehung mit einem Lebenshaus, das man gemeinsam baut. Darin kann man entweder nichts investieren, nur das Minimum oder richtig. Macht man nichts, verfällt es irgendwann. Investiert man ein Minimum, fühlt man sich gerade noch wohl, und richtig investieren heißt, es wird immer schöner. Bei Beziehungen machen wir oft das Gegenteil: Wir investieren in der Datingphase alles, dann machen wir nur noch das Minimum und irgendwann machen wir gar nichts mehr und wundern uns, dass es nicht aufblüht. Und es ist uns wichtig, authentische Freundschaften zu haben: Freunde, mit denen man sich ehrlich austauschen kann. Dann merkt man: Jeder hat Themen, Baustellen, Macken und Herausforderungen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Teil 1 des Interviews könnt ihr hier lesen —


Der Beitrag ist zuerst in der christlichen Frauenzeitschrift JOYCE erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

HINTERLASSE EINEN KOMMENTAR

Please enter your comment!
Bitte gib deinen Namen ein