Leidenschaft, Begeisterung und der Heilige Geist sind wichtige Komponenten, um sprachfähig über Jesus zu werden. Was hilft noch?

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Reden allein genügt allerdings nicht. Erst wenn man Zuhörer findet, wird die Rede bedeutsam. Aber Zuhörer findet man nur da, wo Menschen Erwartungen an den Redenden binden. Ich erlebte es neulich in einer deutschen Fußgängerzone. Gut platziert stand da ein älterer Mann mit der Bibel in der Hand und sprach darüber, dass Jesus die einzige Antwort auf alle Themen des Lebens sei. Ein paar Zuhörer saßen um ihn herum. Es war nicht schwer zu erraten – sie alle gehörten zu seinem Team. Außenstehende machten einen weiten Bogen um den Redner. Mir tat der Evangelist letztlich leid.

Nur ein paar Hundert Meter weiter tanzten Hare-Krishna Anhänger. Viele, vor allem junge Leute, blieben stehen, sahen ihnen zu und applaudierten. Die Szene stand im krassen Unterschied zu dem, was ich am Stand des christlichen Evangelisten erlebte. Was aber muss passieren, dass die Menschen uns Christen zuhören wollen, wenn wir über Jesus reden?

Authentisch leben

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Heute zeigen Menschen kein Interesse mehr an den großen Erzählungen, die ewige Wahrheiten zum Besten geben. Zu tief gehen die Enttäuschungen, die durch Religion und Ideologie in den letzten Jahrzehnten verursacht wurden. Nicht was wahr zu sein verspricht, sondern was Leben bringt, ist von Interesse. Übrigens, genau damit ist Jesus aufgetreten. „In ihm war das Leben der Menschen“, heißt es in Johannes 1,1. Und er ist gekommen, um Leben zu bringen, und Leben in Fülle (Johannes 10,10). Menschen, die zu ihm kamen, haben in jeder Hinsicht ein besseres Leben gefunden: Kranke wurden gesund und dämonisch versklavte Menschen erhielten Freiheit. Hier war einer, der nicht den Schriftgelehrten und Pharisäern glich und über den rechten Glauben debattierte, sondern Worte des Lebens sprach (Matthäus 7,29).

Menschen werden etwas über Jesus hören wollen, sobald sie in uns Leben sehen, das offensichtlich nicht selbst gebastelt wird, sondern von Gott kommt. Menschen suchen heute weit mehr als plausible, vernünftige Erklärungen. Mystisches, Unerklärbares zieht sie magnetisch an. Wir sind längst an die Grenzen der reinen Vernunft gekommen. Eine Religion, die sich als plausible Abfolge von Ereignissen gibt, ist nicht interessant.

Jesus hat uns nicht eine Religion der bloßen Vernunft gebracht. Er predigte Gottes Reich, Gottes Kraft, die immer und überall die rein menschlichen Möglichkeiten übersteigt. Wie er, so auch wir Christen: Ausgerüstet mit den Gaben des Geistes kennen wir das Mysterium Gottes, das Geheimnis seiner Kraft. Und wenn die Menschen an uns Christen diese Kraft erleben, werden sie unsere Gemeinschaft suchen und uns gerne zuhören.

Die Menschen heute hören gerne jemandem zu, den sie für authentisch halten. Wenn wir als authentisch erkannt werden wollen, dann müssen wir mit unserem Leben unter unseren Mitmenschen sichtbar werden. Von Jesus heißt es: „Er lebte unter uns und dann sahen wir seine Herrlichkeit“ (Johannes 1,14). Wer als authentisch erkannt werden will, muss sich unter die Menschen mischen, ein Nächster werden, der nichts in seinem Leben vor dem anderen versteckt. Wer über Jesus losgelöst von seinem übrigen Leben reden will, steht in der Gefahr, letztlich nur noch leere Worte zu produzieren.

Gospeln statt labern

In der englischen Sprache wird das Evangelium mit dem Wort „Gospel“ bezeichnet, das dem altgermanischen „god spell“ entspringt und so viel heißt wie „die Geschichte Gottes zu buchstabieren.“ Genau das ist Evangelisierung – wir sollen mit unserem Leben, mit Taten und Worten das Leben und Werk von Jesus widerspiegeln.

In Deutschland versteht man vielerorts unter Evangelisation „Menschen mit Worten von der Wahrheit des Anspruchs Jesu zu überzeugen“. Evangelisation wird eher als Rede, als Verkündigung durch Worte verstanden. Ein solches Verständnis folgt der humanistischen Idee, dass alle Überzeugung letztlich eine Sache der intellektuellen Auseinandersetzung ist. Aber Wahrheit im Sinne Jesu ist nicht ein Dogma, sondern eine Person: Jesus (Johannes 14,6). Wahrheit als Person wird in der Beziehung und nicht in bloßer Diskussion verstanden. Evangelisieren heißt somit, Menschen in die Beziehung zu Jesus zu bringen. Nichts ist wichtiger als das!

Wie lädt man aber die Menschen ein, eine Beziehung mit Jesus einzugehen? Wir müssen „Gospeln“ lernen. „Gospeln ist Storytelling. Wer gospelt, erzählt eine Geschichte, deren Zentrum Jesus ist.“

Diese Geschichte ist zunächst und vor allem unsere eigene Alltagsgeschichte, dann die Geschichte unserer Freunde, und wenn sie Interesse geweckt haben, kommt die Geschichte aus dem Neuen Testament dazu. Ich bin, weil Jesus da ist. Gospeln heißt, Jesus in der eigenen Biografie zu spiegeln. Apostel Paulus kann sogar von sich selbst behaupten: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2,20). Mit anderen Worten, was immer dieser Mann war, tat oder sagte, man konnte dahinter Jesus Christus erkennen. Seine persönliche Geschichte wurde in die Gospel-Geschichte Jesu eingebettet.
Wie mein Freund Oskar: Er machte kaum seinen Mund auf, ohne nicht zugleich zu sagen, wie dankbar er sei, dass Jesus in sein Leben gekommen ist. Oskar, Universitätsprofessor und bekannter Gelehrter in seinem Land, begann jede seine Vorlesung mit Jesus. Das eine Mal war es seine Vergesslichkeit, die ihn fast vergessen ließ, dass er den Vortrag zu halten habe, aber Jesus habe ihn dann doch noch rechtzeitig daran erinnert. Das andere Mal ein Unfall auf der Autobahn und wie durch ein Wunder sei er am Leben geblieben. Nein, es waren nicht lange Reden, aber deutliche Marker, die jedem klar machten, wem dieser bekannte Gelehrte sein Leben und sein Wissen verdankte. Nicht von ungefähr sprach man bald an der Uni von ihm als dem „Jesus-Mann“. Und wenn es am Anfang eher spöttisch klang, so änderte sich der Ton bald. Oskars Leben nötigte jedem ganz natürlich tiefen Respekt ab.

Gemeinsam erzählen

Gospeln heißt, Menschen in meine Geschichte mit Jesus einzuladen. Diese Geschichte ist alles andere als eine einsame Geschichte. Sobald Jesus in unser Leben kommt, ordnet er uns einem Kollektiv zu, wir werden Teil seiner besonderen Gemeinde. In ihr finden sich Menschen aus den unterschiedlichsten Lebenslagen zusammen: Männer und Frauen, Reiche und Arme, Gesunde und Kranke, Weiße und Schwarze, usw. Wenn wir sie als offene Gemeinschaft leben, dann entdecken Außenstehende bald den ganzen Reichtum seiner Gnade und Kraft.

Gospel heißt daher, auch die Geschichte meiner Glaubensgeschwister den Außenstehenden zu erzählen, und nach Wegen zu suchen, sie miteinander bekannt zu machen. Und das kann ganz ungezwungen bei einem gemeinsamen Grillen, einem Familienfest oder einfach so bei einer Tasse Kaffee oder einem Drink geschehen. Menschen, die an unseren Erfahrungen Interesse finden, werden bald wissen wollen, woher wir das alles denn haben. Und so kommen wir zum Evangelium, dem biblischen Bericht über das Leben und Wirken Jesu. Und ist ihr Interesse einmal geweckt, dann werden sie in der Regel auch nicht davon lassen, bis sie persönlich erfahren, was Jesus in ihrem Leben tun kann. Gospeln heißt, den Menschen den Zugang zum Evangelium zu ermöglichen.

Ich persönlich erlebe es oft so, dass Interessierte zwar mit der Zeit mir und meinen Geschichten glauben, aber es sich gar nicht vorstellen können, all das in der Bibel wieder finden zu können. Umso mehr staunen sie darüber, wie reich die Heilige Schrift ist. Und wie real und zugänglich Jesus im Neuen Testament ist.
Von Jesus begeistert zu reden bedeutet also, die Voraussetzungen dafür zu kennen, Menschen auf unsere Erzählung hin vorzubereiten und dann ganz natürlich zu gospeln. Schwer ist das nicht. Jeder ist dazu imstande und dazu berufen. Man sollte sich nur auf das gospeln einlassen. Und dann staunen, wie das eigene Leben zu Plattform wird, auf der man effektiv und fröhlich Jesus groß machen kann.


Dies ist der zweite Teil eines gekürzten Vortrags in der Zeitschrift Christsein Heute (Ausgabe 02/2021). Christsein Heute ist ein Produkt des SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört. Den ersten Teil finden Sie hier

Dr. Johannes Reimer hat über das Thema ein Buch geschrieben: „Gospeling. Lernen von Jesus zu reden“ ist bereits 2018 im francke Verlag erschienen.  Der Vortrag von Dr. Reimer ist zu finden unter: link.feg.de/jreimersprachfaehig 

 

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Über Jesus reden, aber wie ?

    Über Jesus reden, aber wie ? Es ist in der Tat so, dass der Evangelist oft mit Missachtung bestraft wird. Es scheint fast so, als ob einige Leute um ihn herum fast zum Muster gehören, welches immer gleich bleibt, stumme Statisten. Traktate zu verteilen halte ich nicht für besonders erfolgversprechend. Vermutlich landen sie direkt im Hausmüll. Das wäre zu schade.
    Offensichtlich ist aber die Art und Weise zu kommunizieren, von keinem oder nur geringem Erfolg gekrönt. Fast noch weniger Erfolg haben die Menschen mit dem Wachturm, die immer an der gleichen Ecke stehen und denen so gut wie nie gelingt, auch nur ein Exemplar weiter zu geben. So haben weder Jesus selbst noch Petrus oder Paulus gehandelt, sonst wäre die Urgemeinde nicht so angewachsen. Damals haben sie, gleichsam immer ein neues Lebensmodell verkörpern, auch mit ihrer Predigt Erfolg gehabt. Sie waren Licht der Welt und Salz der Erde. Wir Christen sollten einen gewissen Charme benutzen, eine ehrliche Freundlichkeit und etwas von unserer Botschaft nicht nur durch Worte signalisieren, sondern wie wir auftreten.

    Die Frage wäre ja ganz grundsätzlich: Wie kommen wir Christinnen und Christen mit Menschen ins Gespräch, vor allem auf Augenhöhe, nicht in einer Kunstsprache oder (christlichen) Worthülsen ? Sicher am ehesten, wenn jede/r sich so gibt wie er auch im normalen Alltag spricht, dem Angesprochenen zuhört und keine Einwegkommunikation besteht. Wenn der Apostel Paulus auf Missionsreise war, hat er sicherlich gepredigt. Aber er hat in der Sprache der Leute geredet, er hatte Kontakt und Begegnung und er war authentisch. Man hat ihm abgenommen, was er glaubte, weil er es lebte und den Menschen immer liebenswürdig und mit Empathie begegnete.

    Natürlich kann man es machen, wie es der noch den Senioren bekannte Pater Leppich auf den Marktplätzen anging, mit einem Kleinbus, Lautsprecheranlage, einer packende Ansprache oft gewürzt mit Gesellschaftspolitik, sowie inhaltlich mit Fragen und Problemen die bekannt und aktuell sind. Ich würde mir daher wünschen, dass wir für die Sache Jesu an die Hecken und Zäune dieser Welt gehen, in einer Geh-hin-Struktur, dass wir kleine Sitzgelegenheiten hinstellen, vielleicht ein Zelt wie bei Wahlkämpfen, die Menschen zu einem Kaffee einladen, für die Kinder ein Luftballon und locker vom Hocker miteinander sprechen. Da darf jede und jeder auch mutig seinen Glauben bekennen, über Glaubenserfahrungen berichten und nicht den Eindruck vermitteln, wir seien die Superchristen: Über alle Zweifel erhaben und besser als die Menschen, die zu uns kommen.

    Meines Erachtens brauchen wir eine moderne, offenere und auf Augenhöhe stattfindende Gesprächskultur. Es geht also dann nicht mehr (nur) um den einzelnen Redner in der Einkaufsstraße, sondern in vielen Orten um eine konzertierte Aktion von Jesusanhänge/innen, und am besten in guter ökumenischer Gemeinschaft – ökumenisch auch innerevangelisch.

    Am meisten beeindruckt haben mich die katholischen Ordensschwestern, die mitten in der Frankfurter Innenstadt einen Buchladen betreiben und ständig jeden Tag nicht nur christliche Literatur verkaufen, sondern einen festen Ort inmitten der Stadt haben. Manchmal kann man bereits einfach durch sein Vorhandensein schon für die Sache Gottes stehen, mitten im Leben.

    Wenn Leute eine eher fernöstliche Religion zelebrieren, in weißen Gewändern und singend, dann hat dies einen gewissen Unterhaltungswert. Ich meine daher, es ist überhaupt nicht verwerflich, sich bestimmter Methoden zu bedienen, die Passanten einlädt sich einbeziehen zu lassen. Etwa mit einem offenen kurzen Mitwirk-Theaterstück, Einigen die schöne Musik machen oder die von Jesus damit erzählen, in dem sie zur Fußwaschung einladen. Es gab auch schon Gottesdienste mit der Einübung eines religiösen Tanzes um oder am Altar in der Kirche. Warum nicht in der Einkaufspassage. Dies alles müsste man gut vorbereiten, damit es kein Ulk wird, sondern eine echte Aktion unter Beteiligung der Menschen, die man einlädt. Eine solche Mitmachansprache, oder eine Mitmachaktion, macht es leichter, dass sich andere auch etwas damit identifizieren. Ich bin kein Theologe: Aber warum nicht ein gutgemachtes Bibliodrama aufführen ?

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