In der evangelikalen Bewegung gärt es. Seit der Vorsitzende der Evangelischen Allianz, Michael Diener, in einem Zeitungsinterview zu mehr Offenheit gegenüber Andersdenkenden mahnte, fordern konservative Evangelikale die Rückkehr zu klaren und verbindlichen theologischen Positionen. Im Mittelpunkt des Streits steht die Frage, wie man die Bibel im Bezug auf Homosexualität versteht – und ob man zusammen bleiben kann, wenn Meinungen auseinander gehen. Wir baten Ulrich Eggers, Leiter der evangelikalen Verlagsgruppe SCM, um seine Sicht.
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Ulrich Eggers, viele evangelikale Christen haben Angst, dass sich die Bewegung spaltet. Ist die Sorge gerechtfertigt?

Die Sorge ist nachvollziehbar – wobei der gegenwärtige Konflikt ja vor allem ein Symptom für etwas ist, was auch schon vorher lange da war: Ein langsames Auswandern von Überzeugungen in unserer Bewegung. Wir haben das unterschätzt und zu spät offen angesprochen. Jetzt haben wir Nachholbedarf und müssen das mit großer Ernsthaftigkeit angehen. In Wirklichkeit zerren all diese komplexen Fragestellungen unserer Zeit ja nicht nur an unserer Bewegung, sondern an jeder einzelnen Gemeinde, an jedem einzelnen Menschen. Und da braucht es gute, nachvollziehbare Argumente, sonst rutschen uns unsere Antworten innerhalb der nächsten Generation einfach weg.

Was also tun?

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Hier sind die Leitungen der Kirchen und Gemeinden gefragt. Und übergeordnet: Wie man mit unterschiedlichen Sichten dennoch Einheit lebt, das ist die Frage für ein Netzwerk wie die Deutsche Evangelische Allianz – sie ist ja nicht Kirche, sondern Einheitsbewegung. Und da kommt jetzt die Nagelprobe: Wenn wir es dort nicht schaffen, miteinander auf einen Weg zu gehen und Einheit zu halten, wo und wie soll das sonst gelingen? Von daher erwarte und fordere ich, dass die Spitze der Allianz jetzt ein klares und eindeutiges Zeichen setzt, beieinander bleibt und sich selbst in einen konkreten Prozess begibt, um in strittigen Fragen gangbare Wege zu finden. Ich bin ja selbst Mitglied des Hauptvorstands und will dazu gerne beitragen.

Warum entzündet sich der Streit am Thema Homosexualität, wenn wir uns bei zentralen theologischen Fragen gelassene Unterschiedlichkeit erlauben, zum Beispiel bei der Taufe oder beim Abendmahlsverständnis? 

Wenn man fair urteilen will, darf man nicht vergessen, dass wir auch für andere große Streitfragen wie Taufe oder Abendmahl Jahre und Jahrzehnte gearbeitet haben, um einander zu verstehen und trotz großer Unterschiede Nähe und Einheit zu halten. Unsere Vorväter haben sich daran noch getrennt und bekämpft! Die Bewertung von Homosexualität stellt zentral die Frage nach unserer Hermeneutik und damit nach der Identität unserer Bewegung: Wie legen wir die Bibel für uns aus, was gilt? Zugleich ist unser gesamtes Menschenbild betroffen: Wie hat Gott seine Schöpfung gemeint – wie sollen wir miteinander leben? Welches Leitbild gilt? Das sind existentielle Lebensfragen.

Was ist aus Ihrer Sicht der eigentliche Kern des Streits?

Für Evangelikale ist es wesentlich, Gottes Wort gehorsam sein zu wollen. Zugleich streitet hier die Treue zu Gottes Wort mit der Liebe zu Menschen, die ja auch Gottes Auftrag ist. Es geht ja hier nicht um die Zerrbilder homosexueller Promiskuität oder politische Propaganda, sondern um eine seelsorglich verantwortliche Sicht für den einzelnen Menschen, der sich selbst in einer ausweglosen Notlage sieht – nicht anders leben zu können, an seiner Identität zu zerbrechen. Das lässt ja niemanden kalt und das zerreißt betroffene Familien und Freunde. Und da merken wir schon jetzt, dass es – etwa bei einigen großen Gemeinden im Bund Evangelisch Freikirchlicher Gemeinden  – dazu eine unterschiedliche Praxis und unterschiedliche Sichten gibt. Sprich: Die Unterschiedlichkeit ist längst da! Deswegen ist der Kern des Streits im Moment auch die Frage, wie wir mit dieser schlichten Tatsache jetzt eigentlich umgehen wollen. Was heißt es gerade jetzt, Einheit zu bewahren? Wenn wir uns speziell wegen dieser Frage trennen wollen, dann müssen wir sehr gut begründen können, warum gerade deswegen – und warum nicht schon vorher wegen Taufe, Abendmahl oder anderer Fragen. Warum halten wir hier Einheit – und da ist sie nicht möglich? Wir müssen da sehr gründlich miteinander denken, reden und beten.

Die Themen werden ja in der gesamten Szene diskutiert. Wie sollten sich Gemeinden im Moment verhalten?

Wir sollten uns vor allem viel Zeit lassen. Nicht Zeit, um einen vorhandenen Konflikt weiter zu verdrängen, sondern um in Ruhe und großer Sorgfalt nach-zu-denken. Und wo die Frage sich zur Zeit nicht stellt, da sollte man sie vielleicht erstmal auch ruhen lassen – Streit hält uns immer von unserem positiven Auftrag als Gemeinde ab. Hier ist gute Leitung gefragt – und sicher müssen da auch klare Signale von den Kirchen- und Verbandsleitungen kommen, dazu gibt es sie ja. Ich glaube, dass uns dieses Nachdenken eher Jahre als Monate kosten wird. Eine Abwehr offener Fragen ist da schnell organisiert – aber wenn wir nicht gute tragenden Antworten finden und Wege, respektvoll miteinander vor Gott umzugehen, dann werden die Konflikte nur weiter wuchern. Und wir müssen beide Fragestellungen angehen: Die biblische und seelsorglich-gemeindepraktische Bewertung von Homosexualität – und die Frage, wie wir miteinander umgehen, falls wir hier keinen Konsens finden.

Allgemeiner gefragt: Wie können wir generell damit umgehen, wenn Mitchristen in zentralen Fragen ein anderes Verständnis haben als wir?

Das ist ein großes Thema unserer Zeit. Ich bin bewusst nicht bei facebook engagiert, höre aber immer wieder, wie schnell dort beide Seiten eines Streits mit großer Arroganz oder Härte zuschlagen. Und egal, um was es gerade geht: Das scheint mir nie ein gutes Zeugnis für den Glauben zu sein – wir sollen an der Liebe zueinander erkannt werden. Wo soll sich denn Liebe bewähren, wenn nicht gerade in solchen Konflikten? Wo will ich denn Respekt zeigen und Demut vorleben – wenn nicht mitten in solchen Auseinandersetzungen?

Wie kann das in den Auseinandersetzungen denn konkret aussehen?

Hilfreich wird es nur dann, wenn wir einander ernst nehmen, die Argumente hören und einander ins Herz blicken lassen. Gerade jetzt brauchen wir hier Brückenbauer und Friedensstifter. Und zugleich gilt es anzuerkennen, dass im Bereich der Gemeinde und Kirche Hirten und Lehrer da sind, die bewusst die Aufgabe der Leitung in diesen Fragen übernommen haben. Das darf befragbar sein, aber das sollten wir auch ehren und wertschätzen – eine Gemeinde oder ein Werk hat das Recht und die Pflicht, ihren Kurs zu setzen.

Wir danken für das Gespräch.

Das Interview führten Rolf Krüger und Martin Gundlach.