Stefanie Linner (35) hat als Koordinatorin von Micha Deutschland tagtäglich mit den Themen soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz zu tun. Ziel der Initiative ist es, diese Themen Christen nahe zu bringen. Keine leichte Aufgabe: Beim Nachdenken über weltweite Verantwortung stößt sie gerade bei Gläubigen auf die unterschiedlichsten Ansichten. Ein Interview.

Jesus.de: Kirchengemeinden haben gerade das Thema „Soziale Verantwortung“ für sich entdeckt. Warum sollten sie sich jetzt auch noch für den Umweltschutz engagieren?

Stefanie Linner: Ökologische und soziale Gerechtigkeit sind eng verwoben. Das Wort „Klimagerechtigkeit“ drückt das ganz gut aus. Die Schöpfungsbewahrung an sich ist ein hoher Wert. Es ist der erste Auftrag an die Menschen. Dazu kommt die menschliche Komponente: Wenn der Mensch die Schöpfung ausbeutet, beutet er den Planeten aus, auf dem er lebt. Der Erdball kann sehr gut ohne den Menschen, aber wir nicht ohne diese Bedingungen, die auf dem Planeten Erde in einzigartiger Form gegeben sind und menschliches Leben ermöglichen.

Wie bringt ihr als Micha-Initiative das Thema ganz praktisch auf den Tisch?

Wir vernetzen und befähigen. Zum Beispiel veranstalten wir jedes Jahr Vernetzungstreffen an wechselnden Orten. Wir bringen Menschen aus dem Netzwerk, der Politik und Wirtschaft zusammen und arbeiten gemeinsam an Lösungen. Wir entwerfen konkrete Projekte, die dann in den Lokalgruppen umgesetzt werden können. Gewissermaßen funktionieren wir als Plattform: Wir bringen Material heraus, organisieren Veranstaltungen, etc. Auch im Bereich Kunst und Kultur sind wir engagiert.

Stefanie Linner. Foto: Privat

In einem früheren Gespräch sagtest du, du stößt mit deinen Themen bei Christen oft auf taube Ohren.

Zumindest kommt das bei mir oft so an. Ich merke, dass manche Menschen nicht wirklich eine Liebe für die Schöpfung haben. Da stelle ich mir die Frage: Ist es so, dass die Leute glauben, dass die Welt später in den Abfalleimer geworfen wird? Dass sie nur eine unwichtige Durchgangsstation ist? Das ist zumindest das, was in den Argumentationen mitschwingt: Es ist nicht wirklich wichtig, weil Gott die Seelen sowieso holt und woanders hinbringt.

Das heißt, du triffst auch auf offene Ablehnung?

Ja, manche Christen können gar nicht verstehen, was wir machen. Sie lehnen unser Engagement in der Politik ab und sagen, das, was wir machen, könnte auch Greenpeace machen. Außerdem gibt es in bestimmten Ecken auch Leugner, die ablehnen, dass der Mensch einen Anteil am Zustand der Schöpfung hat.

„Nur drei Prozent der Weltbevölkerung ist im letzten Jahr geflogen.“

Woher kommt diese Einstellung deiner Meinung nach?

Es kommt ganz darauf an, welches Bibelverständnis man hat. Auf dem afrikanischen oder amerikanischen Kontinent haben die Menschen die gleiche Bibel, aber oft eine ganz andere Sicht auf das Thema Nachhaltigkeit. Bei uns existiert ein sehr dualistisches Weltbild: Es gibt die materielle Welt, die sündhaft ist, und dann gibt es die hochvergeistigte Welt. Da ist Gott irgendwo in fernen Himmeln. Wir haben unser westliches Leben einfach akzeptiert. Aber es ist nicht der weltweite Standard. Das zeigt sich konkret beim Thema Flugreisen: Nur drei Prozent der Weltbevölkerung ist im letzten Jahr geflogen. Und ungefähr 18 Prozent saßen in ihrem Leben überhaupt schon mal in einem Flugzeug.

Und wie ist deine Sicht auf die Dinge?

In der Bibel steht, dass Jesus zurückkommt, um eine neue Welt zu schaffen. Der Kern ist die Erneuerung, das ist derselbe Prozess wie bei uns Menschen. Wir müssen uns überlegen: Ist Gottes Welt ein Abfallprodukt oder ist sie genauso wie wir auch in den Heilungs- und Erneuerungsprozess im Reich Gottes eingebunden? Ich glaube, dass die neue Welt auf die alte kommt. Die neue Welt fließt in die alte ein. Nicht wir werden hinweggerückt. Er kommt zu uns. Und selbst wenn Gott am Ende etwas zerstören würde, was ich nicht glaube, wäre der Bewahrungsauftrag nicht aufgehoben.

„Nachhaltigkeit hat nichts mit Gesetzlichkeit zu tun. Es geht darum, uns bewusst zu werden, was für Gestaltungs-möglichkeiten wir haben.“

Ich kann mir vorstellen, dass das Thema Gerechtigkeit für viele erschlagend wirkt. Es wirkt, als müssten wir auf alles verzichten.

Das ist natürlich, wir sind immer noch ganz normale Menschen. Wichtig ist ein ehrlicher Umgang damit. Von der Ohnmacht sollte man sich losmachen, sie ist kein guter Ratgeber.
Allgemein hat Nachhaltigkeit aber nichts mit Gesetzlichkeit zu tun. Es geht darum, uns bewusst zu werden, was für Gestaltungsmöglichkeiten wir haben. Wir sind Ebenbilder Gottes. Wir sollten mit allem, was wir tun, Gott spiegeln. Ich sehe das in anderen Bereichen auch so. Da stellt sich die Frage, wie ich Gott ehre.
Wenn man anfängt, sich mit dem Thema soziale Gerechtigkeit zu beschäftigen, gibt es viele Hilfestellungen. Bei mir haben die Klamotten den Anfang gemacht: Ich will nur noch Kleidung einkaufen, von der ich weiß, wie sie hergestellt wird.

Was können Christen noch tun?

Hier entscheiden wir zwischen dem ökologischen Fußabdruck und dem Handabdruck.

Kommen wir erst einmal zum ökologischen Fußabdruck.

Beim ökologischen Fußabdruck geht es darum, die Spuren, die ich im Außen hinterlasse, zu reduzieren. Ich sollte mir die Frage stellen: Was will ich haben, um gut zu leben? Und dabei Maß halten. Wie viel brauche ich wirklich? Man kann sich beispielsweise fair hergestellte Elektrogeräte oder gebrauchte Geräte kaufen, oder alte Geräte in Reparatur geben. Ich kann mir die Frage stellen, ob ich alleine eine Waschmaschine brauche oder mit mehreren Leuten eine teilen kann. Ich kann mich bei Essen, Getränken und Kleidung fragen, wo es Labels gibt, die das nachhaltig herstellen. Ich kann Lebensmittel regional und saisonal einkaufen. Dann gibt es halt für ein paar Monate keine Erdbeeren, dafür schmecken sie danach umso besser. Ich kann Second-Hand Sachen einkaufen oder Kleiderkreisel veranstalten. Ich persönlich versuche, nicht mehr zu fliegen, wenn es nicht sein muss.

„Wir haben jetzt schon genug Ressourcen, um zwölf Milliarden Menschen zu ernähren.“

Und der ökologische Handabdruck?

Da geht es darum, positive Spuren zu hinterlassen. Wo kann ich mich proaktiv für eine gerechtere Gesellschaft und bewahrte Schöpfung einsetzen? Es geht darum, mit Menschen offen umzugehen, zu teilen. Wir können der Natur wieder mehr Raum geben, beispielsweise durch Urban Gardening [Anm. d. Red.: Gärtnern in Städten]. Ich kann mich fragen, in welche Initiativen ich mich einbringen kann. Oder ich kann ein Repair Café [Anm. d. Red.: ein Ort, an dem kaputte Geräte repariert werden] veranstalten. Indem man solche Orte stiftet, entstehen Synergien. Und natürlich kann man sich politisch einbringen, egal ob im Stadtrat, Landrat oder Bundestag.

Seit 2015 gibt es ein Update der Milleniums-Entwicklungsziele, die Nachhaltigkeitsziele. Bis 2030 soll die Armut überwunden sein. Hältst du das für realistisch?

Es ist immer so realistisch, soweit die Visionen der Menschen reichen. Wir haben jetzt schon genug Ressourcen, um zwölf Milliarden Menschen zu ernähren. Es ist nur eine Frage des Umgangs. 40 bis 60 Prozent der Lebensmittel werden in Deutschland weggeworfen. Auf jeden Fall finde ich es unglaublich, dass sich im Jahr 2015 193 Staaten dazu bekannt haben, bis 2030 die Armut in der Welt zu überwinden. Alle haben unterzeichnet, das gab es noch nie.

Möglich ist es also. Aber hältst du persönlich es für realistisch?

Ich bin von meinem Glauben an Gott her dazu verpflichtet. Aber ich habe auch eine menschliche Seite, die sehr ratlos ist, wenn ich mir die Welt anschaue. Ich bemühe mich, dem Herzschlag Gottes zu folgen. Ich finde lieber immer wieder neue Wege der Hoffnung, als in der Ohnmacht zu erstarren. Mein Götze ist nicht Pessimismus, sondern ich bete lieber Gott an, der einen Plan hat von Schönheit.

Die Fragen stellte Nathanael Ullmann.

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Offenbarung 11,18: Und die Völker sind zornig geworden; und es ist gekommen dein Zorn und die Zeit, die Toten zu richten und den Lohn zu geben deinen Knechten, den Propheten und den Heiligen und denen, die deinen Namen fürchten – die Kleinen und die Großen –, und zu vernichten, die die Erde vernichten.

    • Offenbarung 21,1
      “Danach sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen; auch das Meer gab es nicht mehr.“

      In der Offenbarung sehen wir, dass die jetzige Erde aufhören wird zu existieren und “auch das Meer gab es nicht mehr“. Der von Wolfgang zitierte Vers zeigt auch, dass wor trotzdem sorgsam und respektvoll mit der Schöpfung umgehen sollen, denn die Rücksichtslosen werden gerichtet und ebenso “verdorben“ bzw. vernichtet. Je nach Übersetzung steht an dieser Stelle zwar ein unterschiedliches Verb, welches aber immer im Sinn von zerstören genutzt wird.

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