Jesus schenkte den Menschen in seinem Umfeld viel Zeit und Aufmerksamkeit. Er aß, wanderte und ruhte mit ihnen. Für Pastor John Ortberg ist all das ein Ausdruck der Sehnsucht Gottes nach Nähe zu uns. Er erklärt, warum gemeinsam verbrachte Zeit der Schlüssel für eine enge Gottesbeziehung ist – und auch für die Beziehung zu anderen Menschen.

Das Markusevangelium macht klar, welche Absicht Jesus verfolgte, als er seine Jünger berief: „Dann wählte er zwölf von ihnen aus, die er Apostel nannte. Sie sollten ständig bei ihm bleiben und von ihm lernen.“ (Mk 3,14) Ein simpler Plan: „Sie sollten ständig bei ihm bleiben.“

Wann? Wie lange? Ständig – wenn er lehrte, wenn er unterwegs war, wenn er arbeitete, wenn er aß, wenn er schlief, wenn die Menge an ihm hing und wenn die Menge ihn verließ. Er zog sich oft von seinen Jüngern zurück, um zu beten und aufzutanken, aber er verbrachte einen großen Teil seiner Zeit mit ihnen. Er war nicht immer glücklich mit ihnen. Sie erschwerten ihm oft die Arbeit. Und er versuchte auch nicht, sie immer glücklich zu machen. Aber in keinem Evangelium hört man je einen der Jünger zu Jesus sagen: „Hey, Jesus, warum hast du eigentlich keine Zeit mehr für uns? Jetzt, wo du berühmt bist und große Menschenmengen anziehst, alle dich Messias nennen, man dich als Redner und Wunderheiler einlädt, kriegen wir dich gar nicht mehr zu sehen.“ Seine Freunde wussten immer: Jesus hat Zeit für uns.

Drei Jahre lang lud Jesus sie ein, Erfahrungen mit ihm zu sammeln. Vor Kurzem sah ich mir einmal genauer an, was er mit ihnen zusammen machte. Ich war erstaunt, wie viel da zusammenkam:

Sie waren miteinander unterwegs

Spazierengehen war das allererste gemeinsame Erlebnis. „Als Jesus am See Genezareth entlangging, sah er dort Simon und dessen Bruder Andreas. Da forderte Jesus sie auf: ‚Kommt, folgt mir nach!‘“ (Mk 1,16-17) „Folgt mir nach.“ Das war vielleicht die großartigste und lebensveränderndste Aufforderung zu einer vertrauten Beziehung, die je ausgesprochen wurde. Jesus sagte nicht: „Gehorcht mir“, obwohl Gehorsam natürlich dazugehört, wenn wir ihm nachfolgen wollen. Er sagte nicht: „Glaubt die richtigen Dinge über mich“, obwohl ihr Glaube natürlich wuchs, als die Beziehung inniger wurde. Er sagte auch nicht: „Dient mir“, obwohl das natürlich ihr oberstes Ziel wurde. Er lud sie nur ein, mit ihm umherzuwandern. Und es zeigte sich, dass dieser Spaziergang drei Jahre dauern sollte.

Mit einem gemeinsamen Spaziergang fing alles an, und selbst nach seiner Auferstehung unternahm Jesus mit zweien seiner Jünger einen zehn Kilometer langen Spaziergang nach Emmaus. Spazieren zu gehen ist einfach. Es erfordert nicht viel.

Man muss nichts können. Aber dadurch werden Beziehungen aufgebaut. Jesus war so oft mit Menschen unterwegs, dass „unterwegs mit Jesus“ für viele zum gängigen Begriff für Jüngerschaft wurde. Jesus zu lieben bedeutete, mit ihm unterwegs zu sein. Und so ist es heute noch.

Foto: 3 Männer in Gemeinschaft
Foto: Toa Heftiba, Unsplash

Sie aßen miteinander

Wieder etwas ganz Einfaches. Jeder Mensch muss essen. Man muss nichts Besonderes können. Und es kann billig sein.

Wenn Jesus nicht mit Menschen unterwegs war, dann saß er am Tisch und aß mit ihnen. „Später war Jesus mit seinen Jüngern bei Matthäus zu Gast. Matthäus hatte auch viele Zolleinnehmer und andere Leute mit schlechtem Ruf zum Essen eingeladen.“ (Mt 9,10) Die berühmteste Mahlzeit überhaupt – das Abendmahl – wurde von ihm eingeführt. In der Bibel heißt es, dass Jesus sich „danach gesehnt“ hatte, dieses Mahl mit seinen Jüngern zu feiern, obwohl er wusste, dass er bald sterben würde. (Lk 22,15) Wenn das mal keine intime Erfahrung war!

Sie lernten zusammen

Jesus verbrachte viel Zeit damit, seine Jünger zu lehren. In der Bibel heißt es immer wieder: „… seine Jünger versammelten sich um ihn. Dann begann er, sie mit den folgenden Worten zu lehren …“ (Mt 5,1- 2) Es geschieht etwas mit einer Beziehung, wenn man gemeinsam lernt, herausgefordert wird und sich weiterentwickelt.

Überlegen Sie nur mal, um wie viel mehr Sie von einem Buch profitieren können, wenn Sie sich mit Freunden darüber austauschen.

Sie taten sich gegenseitig etwas Gutes

„Wenn schon ich, euer Lehrer und Herr, euch die Füße gewaschen habe, dann sollt auch ihr euch gegenseitig die Füße waschen.“ (Joh 13,14) Für andere etwas zu erledigen und ihnen einen Gefallen zu tun, hält uns nicht von der Arbeit für Gottes Reich ab, es ist die Arbeit in Gottes Reich, denn dabei geht es um Liebe. Wenn wir zu gehetzt sind, um anderen unsere Zuneigung zu zeigen, dann sollten wir unseren Umgang mit der Zeit überdenken. Punkt.

Sie ruhten zusammen aus

„‚Kommt mit‘, forderte Jesus sie auf, ‚wir gehen jetzt an einen einsamen Ort, wo wir für uns sind. Dort könnt ihr euch ein wenig ausruhen.‘ Es war nämlich ein ständiges Kommen und Gehen, sodass sie nicht einmal Zeit zum Essen fanden.“ (Mk 6,31) Sie unternahmen gemeinsame Bootsfahrten: „Deshalb fuhren sie mit dem Boot in eine entlegene Gegend, um allein zu sein.“ (Mk 6,32) Sie unternahmen Bergtouren: „Sechs Tage später nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes mit auf einen hohen Berg. Sie waren dort ganz allein.“ (Mk 9,2) Sie beteten: „Einmal hatte sich Jesus zurückgezogen, um zu beten. Danach sprach ihn einer seiner Jünger an: ‚Herr, sag uns doch, wie wir beten sollen.‘“ (Lk 11,1) Sie gingen auf Fischfang: „Anschließend sagte er zu Simon: ‚Fahrt jetzt weiter hinaus auf den See und werft eure Netze aus!‘“ (Lk 5,4) Am Beispiel von Jesus können wir sehen, dass er Effizienz nie über Intimität stellte. Er war bereit, seine Aufgaben langsamer zu erledigen, wenn er dafür intensiver Zeit mit seinen Freunden verbringen konnte.

Die 10.000-Stunden-Regel

Nach allem, was wir aus der Bibel wissen, waren die Jünger etwa drei Jahre mit Jesus zusammen. Nehmen wir einmal an, sie waren zehn Stunden am Tag mit ihm zusammen, und sagen wir einmal, sie hatten jeden Monat zwei Tage frei. Das wären dann 340 Jüngerschaftstage pro Jahr mit Jesus.

10 Std./Tag x 340 Tage/Jahr x 3 Jahre = 10.200 Stunden- Jüngerschaft mit Jesus

Der Journalist Malcolm Gladwell schreibt in seinem Buch „Überflieger“ über die sogenannte „10.000-Stunden-Regel“. Der grundlegende Gedenke dahinter lautet: man braucht Zeit, um eine anspruchsvolle Tätigkeit zu erlernen, und 10.000 Stunden scheinen die magische Grenze zu sein – ganz gleich, ob es ums Geigespielen, Programmieren, Operieren oder Baseballspielen geht. (Malcolm Gladwell: Überflieger, Kapitel 2) Wenn wir diese Regel einmal auf die Jünger anwenden – welche Fähigkeit haben sie wohl während der über 10.000 Stunden erlernt, die sie mit Jesus verbrachten? Gerade als sie an der 10.000-Stunden-Grenze angekommen waren, erklärte Jesus ihnen: „Ich gebe euch jetzt ein neues Gebot: Liebt einander! So wie ich euch geliebt habe, so sollt ihr euch auch untereinander lieben. An eurer Liebe zueinander wird jeder erkennen, dass ihr meine Jünger seid.“ (Joh 13,34-35) Man könnte also sagen, dass gemeinsam verbrachte Zeit – gemeinsame Erlebnisse – der Schlüssel ist, um in einer engen Beziehung mit Jesus und mit anderen zu leben. Das Ziel: lieben lernen.

Das größte Geschenk

Für uns gelten die gleichen Prinzipien wie bei den Jüngern, ganz gleich, ob wir uns nach mehr Vertrautheit mit Gott oder miteinander sehnen: Bemühen Sie sich um gemeinsame Erlebnisse. Nehmen Sie sich Zeit für den anderen. Schenken Sie ihm Aufmerksamkeit.

Denn Gott ist immer aufmerksam. Es ist in jedem Augenblick möglich, Vertrautheit mit ihm zu erleben. Wir müssen nur bewusst in seine Gegenwart kommen und Zeit mit ihm verbringen.

Foto: Frau allein in der Natur
Foto: Chad Madden, Unsplash

Wenn Sie Hilfe brauchen, dann sagen Sie es ihm. Und dann passen Sie gut auf, und achten Sie darauf, wann er Ihnen die Kraft oder die Weisheit oder den richtigen Gedanken gibt, um einen Schritt weiterzukommen. Wenn Sie sich über etwas freuen, dann machen Sie sich doch einmal seine Güte bewusst, die der Grund für Ihre Freude ist, und nehmen Sie sich Zeit, ihn zu loben. Wenn Sie etwas Schönes sehen, machen Sie sich doch die Hand des Meisters darin bewusst, und danken Sie ihm. Und bitten Sie ihn, Ihnen die Augen noch mehr zu öffnen, damit Sie die Welt aus seiner Perspektive sehen können.

Menschen, die bewusst leben und mit Gott verbunden sind, entdecken ihn oft an den unwahrscheinlichsten Orten. Ignatius von Loyola sprach davon, Gott in allen Dingen zu suchen. Bruder Lorenz, ein Karmelitermönch, der im 17. Jahrhundert lebte, schilderte seinen Berufsalltag so: „Während der Arbeit habe ich unablässig mit dem Herrn gesprochen, als sei er bei mir. Ich bot ihm meinen Dienst an und dankte ihm für seine Unterstützung. Und wenn ich mit der Arbeit fertig war, betrachtete ich sie genau. Wenn etwas gut war, dankte ich Gott. Wenn ich Fehler gemacht hatte, bat ich ihn um Vergebung, ohne entmutigt zu sein. Und dann arbeitete ich weiter und blieb immer bei ihm.“ (Joseph de Beaufort: „The Life of Brother Lawrence“)

Versuchen Sie es doch einmal. Vielleicht entdecken Sie ja, dass ein ganz gewöhnlicher Tag – so wie der heutige – zu einem Tag wird, an dem Sie Gemeinschaft mit Gott haben wie noch nie zuvor.

Wenn Vertrautheit auf gemeinsamen Erfahrungen beruht, dann ist die Menschwerdung Gottes die vielleicht größte Einladung zu einer engen Beziehung überhaupt. Dieser mystische, wundervolle Augenblick, in dem Gott beschloss, uns ähnlicher zu werden – auf die Erde zu kommen, Mensch zu werden und all die Freuden, Sorgen, Versuchungen und Erfolge zu erleben, die auch wir erleben –, damit wir besser verstehen können, wie wir ihm ähnlicher werden können. Die Menschwerdung Christi zeigt uns, dass die Geschichte dieser Welt gleichzeitig die Geschichte von Gottes Sehnsucht nach Nähe zu uns ist, die Geschichte seines Schmerzes, als diese Vertrautheit beim Sündenfall verloren ging, seiner Entschlossenheit, sie zurückzugewinnen, und seiner übergroßen Freude, wenn sie wiederhergestellt ist.

Wenn das alles wahr ist, sind wir Gott vielleicht schon näher, als wir denken. Vielleicht ist die Nähe zu Gott nicht nur etwas, das wir anstreben können, sondern auch etwas, das wir empfangen können. Und vielleicht, ja, vielleicht können wir darin innerlich zur Ruhe kommen.


Der Text ist ein gekürzter und bearbeiteter Auszug aus John Ortbergs neuem Buch „Ich mag dich fast so, wie du bist“, das bei Gerth Medien erschienen ist. Gerth Medien gehört wie der SCM Bundes-Verlag zur Stiftung Christliche Medien.