Am 9. April jährt sich zum 75. Mal der Todestag des evangelischen Theologen und Nazi-Gegners Dietrich Bonhoeffer (1906-1945). Weil er sich gegen die Nazi-Diktatur auflehnte, wurde er hingerichtet – vier Wochen vor Kriegsende. Kaum ein anderer evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts hat ähnlich tiefe Spuren hinterlassen.
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Von Michael Grau (epd)

Am frühen Morgen des 9. April 1945 ist der Gefängnishof des Konzentrationslagers Flossenbürg bei Regensburg durch Scheinwerfer schon hell erleuchtet. Aufseher führen sieben Nazi-Gegner aus ihren Zellen. Unter ihnen ist auch ein Pastor: Dietrich Bonhoeffer (1906-1945). Die Gefangenen hören, was ein NS-Standgericht in der Nacht beschlossen hat: Tod durch den Strang wegen Hochverrats. Adolf Hitler selbst hatte die Hinrichtung angeordnet. Bonhoeffer kann noch kurz beten. Dann muss er seine Kleider ablegen und die Richtstätte besteigen. „Ich sterbe als stummer Zeuge Christi unter seinen Brüdern“, lautet sein letzter geschriebener Satz.

Bonhoeffer wurde nur 39 Jahre alt. Und doch hat kaum ein evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts so tief in Kirche und Gesellschaft hineingewirkt wie er. Straßen und Plätze, Schulen und Kirchen tragen heute seinen Namen, ein Kino-Film mit Ulrich Tukur erzählt seine Geschichte. Bonhoeffers leidenschaftlicher Protest gegen die Nationalsozialisten, seine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler, seine Bücher und sein Märtyrertod vor 75 Jahren finden weit über die deutschen Grenzen hinaus Beachtung.

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„Er ist bekannt als einer, der zur Zivilcourage ermutigt und befähigt“, sagt der Theologieprofessor Wolfgang Huber, einer der führenden Bonhoeffer-Experten in Deutschland. „Das hat dazu geführt, dass viele Menschen auch in schwieriger Situation sich an ihn gehalten haben und auch heute an ihm orientieren.“ Bei Bonhoeffer seien Glaube und Leben, Biografie und Theologie in ungewöhnlicher Weise zu einer Einheit verschmolzen, betont der frühere Berliner Bischof und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Nationalismus ist ihm zuwider

Dietrich Bonhoeffer wird 1906 als Sohn eines Psychiatrie-Professors in Breslau (heute: Wroclaw) geboren und wächst mit sieben Geschwistern im Berliner Villen-Stadtteil Grunewald auf. Ungewöhnlich schnell kommt er an der Universität voran: Mit 21 Jahren ist er promoviert, mit 24 habilitiert, mit 25 Privatdozent. Zeitgenossen beschreiben ihn als intellektuellen Charakter, der sich klar und präzise ausdrückt.

Während eines Studienjahres in New York 1930/31 erlebt er hautnah die Rassentrennung, als ein schwarzer Freund und er in getrennten Straßenbahnwagen fahren müssen. In der US-Metropole macht er sich pazifistische Ideen zu eigen, vertieft sich in die Bibel und vor allem in die Bergpredigt. International vernetzt wie er ist, sind ihm alle Formen des Nationalismus zuwider.

„Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“

Schon früh warnt er vor den Gefahren des Nazi-Regimes. In einer Berliner Rundfunk-Rede spricht er nur zwei Tage nach der Machtübergabe an Hitler 1933 davon, dass der „Führer“ zum „Verführer“ werden könne. Drei Monate später erwägt er unter dem Eindruck der beginnenden Judenverfolgung die Möglichkeit, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“. Doch nur wenige Kirchenleute folgen dem jungen Pastor in dieser Einschätzung. Später sagt Bonhoeffer gegenüber einem Freund den vielzitierten Satz: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“

1935 tritt Bonhoeffer in den Dienst der „Bekennenden Kirche“, die sich als Opposition gegen das Vordringen der Nazis in der Kirche gebildet hat. Er wird Leiter eines Predigerseminars in Pommern. Auch hier formuliert er radikal: „Wer sich wissentlich von der Bekennenden Kirche in Deutschland trennt, trennt sich vom Heil.“ Durch solche Äußerungen gerät er unter den Druck des Regimes: 1936 wird ihm die Lehrerlaubnis an der Uni entzogen, später folgen ein deutschlandweites Redeverbot und ein Veröffentlichungsverbot.

1939 wollen ihm Freunde eine Lehrtätigkeit in den USA vermitteln, damit er dem drohenden Krieg entgehen kann. Wieder fährt er nach New York. Doch schon nach fünf Wochen bricht Bonhoeffer das Vorhaben ab. Er will seine Familie und seine Seminaristen nicht alleinlassen: „Ich muss diese schwierige Periode unserer Geschichte mit den Christen in Deutschland durchleben.“

Widerstand gegen Hitler

Inspiriert durch seinen Schwager Hans von Dohnanyi schließt sich Bonhoeffer 1940 einer verdeckten Widerstandsgruppe gegen Hitler an. Der Theologe führt nun ein riskantes Doppelleben: Offiziell ist er Reiseagent des deutschen militärischen Geheimdienstes. Tatsächlich aber weiht er im Ausland kirchliche Mittelsmänner in Putschpläne gegen den Diktator ein. In immer neuen Anläufen skizziert er zugleich theologisch-ethische Antworten auf die drängenden Fragen seiner Zeit.

Mitten in den Kriegswirren verlobt sich Bonhoeffer 1943 mit Maria von Wedemeyer. Doch schon drei Monate später wird er verhaftet. In seiner Zelle in Berlin erfährt er vom misslungenen Staatsstreich am 20. Juli 1944. Hier schreibt er jene Briefe, die später unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ weltberühmt werden. Im Gefängnis entsteht auch sein bekanntes Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“.

Heute ist Bonhoeffer für viele Kirchen und soziale Bewegungen eine Integrationsfigur. In jüngster Zeit machen sich auch neue Rechte – ausgehend von konservativ-evangelikalen Kreisen in den USA – Bonhoeffers Leben und Werk zu eigen. Sie nehmen ihn ausgerechnet für ihren Kampf gegen einen liberalen Zeitgeist in Anspruch. Wolfgang Huber warnt davor, Bonhoeffers Autorität für derartige Zwecke einzuspannen. Bonhoeffer lehrt laut Huber vor allem eins: „Nimm selber deine Verantwortung aus Glauben wahr.“

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Dietrich Bonhoeffer als nicht leichtfüßiger Jesusnachfolger

    Bonhoeffer sollte niemand für den angeblich wichtigen Kampf gegen den liberalen Zeitgeist für sich in Anspruch nehmen. Dies würde ihm nicht gerecht, vorallem wenn man auf die unheilige Allianz mancher Evangelikaler mit populistischer Politik in den USA blickt. Bonhoeffer hat vorallem versucht, sich auch an der Bergpredigt zu orientieren und dazu noch an den Leitsatz, daß man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen. Sein Opfer im Widerstand gegen den Antichristen Adolf Hitler lässt uns nicht vorbeischauen an der schwierigen Frage des Tyrannenmordes. Immerhin gibt es auch den heiligen Zorn Jesu gegen die Händler im Tempel, was ja nur oberflächlich damit zu tun hatte, daß da ein Geschäft gemacht wurde, eher ein Geschäft mit und durch den Glauben. Jesu heiliger Zorn war sicherlich nicht von Sanftmut getragen. Martin-Luther-Kings initiierter Aufstand gegen eingefleischten Rassismus, auch sehr frommer Leute ohne schlechtes Gewissen, war auch jenem Geist geschuldet, der Gott mehr gehorchen will als den Menschen. Die ganze Bergpredigt ist politisch – selbstver-ständlich nicht in einem parteipolitischen Sinne – aber in jenem Sinne, daß der eigentliche Gottesdienst von uns Christinnen und Christen im Alltag stattfindet, wenn Menschen für Menschen Licht der Welt und Salz der Erde werden. Die Corona-katastrophe dieser Tage lässt deutlich werden, daß wir nicht nur den Geist des Kain oder des Judas in uns tragen, sondern in jedem Menschen Gott wohnen möchte: Keiner, der anderen Menschen mit Gott Angst macht, sondern der eine andere Haltung lebt. Bonhoeffer zu gedenken kann man eigentlich nur, wenn man auch – durchaus konfliktträchtig – die Geister sich zu scheiden getraut. Vielleicht jene, die Wölfe im Schafsplelz sind oder auch diejenigen, die wieder völkisch denken und rasstisch handeln. Man kann nicht zwei Herren dienen, also weder damals einem Adolf Hitler und der Kirche oder heute einer bestimmten Partei und dem Heiligen Geist. Die derzeitige weitverbreitete Hilfsbereitschaft und Solidarität unter den Menschen lässt hoffen, daß dieser Geist sich nach dem Ende der Katastrophe nicht verflüchtigt.

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