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„Vorbeter der Nation“: Billy Graham wird 95

William Franklin Graham heißt er, als Billy Graham ist er bekannt. Am Donnerstag wiurde er 95 Jahre alt. Mit dem Vermächtnis des Baptistenpredigers mit der warmen kraftvollen Stimme befassen sich schon zu dessen Lebzeiten die Historiker.

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Jahrzehnte lang hat Graham auf weltweiten "Kreuzzügen" das Evangelium verkündet. Wie kaum ein anderer hat er in den USA die protestantische Christenheit geprägt. So früh wie Graham hat kein Prediger das Fernsehen genutzt. Doch die Gesellschaft hat sich eher weg entwickelt von Grahams Idealen.

 Der Bauernsohn Billy Graham wurde am 7. November 1918 geboren – in den letzten Tagen des ersten Weltkrieges. Die USA waren noch keine Supermacht und der Protestantismus galt als "Staatsreligion". Billy wuchs im konservativen Milieu des Südstaates North Carolina auf, bekehrte sich als Teenager, studierte Theologie und entdeckte gegen Ende der 1930er Jahre sein Talent zum Predigen. Die Welt sei voller Sünde, der Mensch fühle eine Leere, die nur Jesus Christus füllen könne. Grahams Evangelisationen endeten immer nach demselben Muster: "Kommt nach vorne", rief er, "und bekehrt euch." Und immer wieder kamen sie, in Football-Stadien, Kirchen oder vor dem Bildschirm im Wohnzimmer.

 Kritiker von Grahams "einfacher" Theologie kommen nicht vorbei an dem alten Mann mit dem schlohweißen Haar. Der Baptist kam an bei den Leuten. Finanz- und Sexaffären hat es bei ihm nie gegeben, obschon Graham sich offenbar gerne im Umkreis der Mächtigen aufhält. Die Präsidenten Jimmy Carter, George Bush und George W. Bush haben nach eigenen Angaben viel gelernt von dem Prediger. Graham habe ihn zum Glauben geführt, bekannte George W. Bush. Mit dem 1974 verstorbenen Richard Nixon soll Graham gut befreundet gewesen sein.

 Heute lebt Graham zurückgezogen in seinem Altersruhesitz in den Bergen von North Carolina. Er müsse rund um die Uhr versorgt werden, berichtete der Informationsdienst Religion News Service. Doch sein Verstand sei "kristallklar", betonte sein Sohn Franklin. Schon zu Grahams Lebzeiten befassen sich Historiker mit dem Prediger. Eine Konferenz am Wheaton College in Illinois ging kürzlich der Frage, wo denn Grahams Platz in der Geschichte sein werde. Grahams Einfluss gründe sich auf seine beharrliche Verkündigung, schrieb der lutherische Theologe Martin Marty. Zu ihr sei er trotz "vieler Schritte und Fehltritte" auf dem politischen Feld immer wieder zurück gekommen. Graham habe "die Menschen daran erinnert, dass sie sterben müssen". Und er habe Hoffnung angeboten.

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 Fehler hat Billy Graham selber offen eingeräumt. Ende der 70er Jahre bekannte er, "das Königreich Gottes mit der amerikanischen Lebensweise verwechselt" zu haben. Mehrmals hat er sich entschuldigt für antisemitische Kommentare im Gespräch mit Nixon, für den jüdische Medienvertreter in die Kategorie Feind gehörten. Trotz seiner viele Warnungen vor dem angeblichen Zerfall "traditioneller Werte" hat sich Graham nie von der konservativ-evangelikalen Politbewegung vereinnahmen lassen. Wenn er über Politik rede, führe dies zu Streit, sagte Graham einmal der "New York Times". Er wolle "vom Evangelium sprechen".

 Der von Graham gegründete Evangelisierungsverband und Franklin Graham wollen offenbar nicht loslassen vom Image des mächtigen Verkünders. Hunderte seien zu einer Geburtstagsparty eingeladen, darunter Ex-Präsident Bill Clinton, die Republikanerin Sarah Palin und der Immobilienmogul Donald Trump. Tausende Kirchen veranstalten Erweckungsabende mit Videos von Grahams Predigten. Ein Motiv ist offenbar die Sorge, dass die junge Generation keinen Zugang mehr zu dem Evangelisten finde. Bei der Konferenz in Wheaton warnte Grant Wacker, Professor für christliche Geschichte und Graham-Biograph, dass junge Leute nicht viel über Billy Graham wüssten. Sein Wirken verliere sich "im Nebel der Geschichte".

 Die Gesellschaft hat sich verändert. Protestanten stellen nur noch knapp 50 Prozent der Bevölkerung. Die am schnellsten wachsende "Glaubensgruppe" sind Menschen ohne Bindung zu einer Religionsgemeinschaft. In seinem neuen Buch "The Reason for My Hope: Valvation" (Der Grund für meine Hoffnung: Erlösung) klagt Graham, die Welt habe Gott "aus Bildung, Regierung, Ehen, Familie und sogar der Kirche verstoßen". Dass diese sündhafte Welt immer schlechter werde, predigt Billy Graham freilich schon seit Jahrzehnten. Umso mehr braucht man die Erlösung.

(Quelle: epd)

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