Bibel lesen eröffnet viele Fragen
Warum nur ist die Bibel oft so schwer zu verstehen? (Bild: Madeleine Ragsdale / Unsplash.com)

Wer in der Bibel liest, findet Ermutigung, Ansporn und Trost. Aber es bleiben auch unbeantwortete Fragen zurück. Jugendpastor Samuel Schulze erklärt, wie er damit umgeht.

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In den letzten drei Jahren habe ich mich aufgrund meines Theologiestudiums besonders intensiv mit der Bibel beschäftigt. Ich hatte dabei viele Aha-Erlebnisse und wunderschöne Begegnungen mit Gott. Allerdings hat sich auch durch das Studium etwas nicht verändert: Ich finde die Bibel manchmal echt kompliziert! Manche Texte sind wirklich schwer zu durchschauen und es kommt nicht selten vor, dass ich völlig den Überblick verliere. Deshalb stellt sich mir gelegentlich die Frage, warum die Bibel nicht leichter zu verstehen ist. Wenn Gott doch zu uns Menschen reden möchte, weshalb spricht er dann nicht einfacher, klarer und kürzer? Weshalb braucht es über 2.000 bilderlose Seiten, wenn heutzutage doch ein Wahlplakat oder ein Instagram-Post ausreichen, um Aufmerksamkeit zu erregen?

Große Fragen

Die Bibel ist nicht so kurz wie ein Asterix-Comic und so simpel wie ein Tweet, weil sie schwierige Fragen aufgreift und beantwortet. Im Buch Prediger geht es beispielsweise um die Frage nach dem Sinn des Lebens. Die Erzählung von Hiob dreht sich um die Frage, warum Gott Leid auf dieser Welt zulässt. Und in den Gleichnissen spricht Jesus über das Leben nach dem Tod. Alles schwierige Themen und Fragestellungen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Gerade deshalb ist es doch schön, dass Gott uns nicht mit Halbwahrheiten abfertigt. Stell dir vor, du berichtest einem Freund von einer großen Herausforderung in deinem Leben und er antwortet dir nur in einer einzeiligen WhatsApp-Nachricht. Würdest du dich ernstgenommen fühlen? Gott nimmt uns und unsere Fragen ernst. Deswegen gibt er uns in der Bibel keine „einfachen“ Antworten auf schwierige Fragen.

Ganz schön eigenartig

Es gibt noch einen Grund, warum das Wort Gottes manchmal kompliziert ist: Weil wir Menschen es auch sind. Oft gibt es in der Bibel schwer verständliche Geschichten, weil die Menschen, die darin handeln, eher „ungewöhnlich“ ticken. Hier findest du einige Beispiele: Juda (1. Mose 38), Jeftah (Richter 11) oder Elisa und Gehasi (2. Könige 5).

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Der Beziehungsstatus „Es ist kompliziert“ trifft in gewisser Weise auf jedes menschliche Wesen zu. Nun ist die Bibel ja die Geschichte Gottes mit den Menschen. Da wir aber manchmal merkwürdig handeln, ist es nur logisch, dass die Geschichten, die daraus entstehen, auch kompliziert sind. Deshalb liebe ich es, dass uns die Bibel einen authentischen, ungefilterten Einblick in diese Menschen gibt. Das zeigt, dass Gott sich auch auf die problematischen Seiten der Menschen einlässt. Er beschäftigt sich nicht nur mit Heiligen, sondern eben auch mit den schwierigsten und herausforderndsten Menschen.

Aus gutem Grund

Deshalb ist es doch eigentlich genial, dass die Bibel kompliziert ist. Das zeigt einerseits, dass wir es mit einem großen und unbegreiflichen Gott zu tun haben. Anderseits gibt es die Gewissheit, dass dieser Gott sich ernsthaft mit uns – so wie wir eben sind – auseinandersetzt. Deshalb möchte ich jeden ermutigen, sich auch auf die schwierigen Fragen der Bibel einzulassen.


Jugendpastor Samuel Schulze schrieb diesen Artikel zuerst für das Jugendmagazin Teensmag (Ausgabe 05/2020). Teensmag erscheint sechsmal im Jahr im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört. 

 

 

5 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Die Bibel scheint unsereiner heute vor allem deshalb kompliziert,

    a) weil sie nicht an Mitteleuropäer im 21 Jhdt. adressiert ist, sondern an spezifische Personen(gruppen) aus primär altorientalischen und antiken Völkern, welche mit der jüdisch-hebräischen Tradition, ihrer Kultur und deren Weltbild vertraut waren. Für die Adressaten waren die Texte absolut klar und einleuchtend. Sie verstanden die Texte ohne Weiteres.

    b) weil die biblischen Texte nicht in unserer heutigen Sprache und Zeit verfasst wurden, sondern in einem völlig anderen Denk- und Sprachkonstrukt, in sehr fernen Zeiten und an fremden Orten. Diese Schriften vom Hebräischen in das fundamental anders aufgebaute, hellenistisch geprägte Altgriechisch zu übersetzen war bereits eine Gratwanderung. Dann die Texte von der, ich sag mal hinkenden altgriechischen Übersetzung wiederum in moderne Sprachen und andersartige Kulturen zu transportieren, kann nur bedingt gelingen. Von der Weite der ursprünglichen Botschaft lässt sich manches nur schwer übertragen.
    Umso größer das Wunder, dass Gott es immer wieder schafft, trotzdem durch die Bibel mit uns Menschen zu kommunizieren und uns Einblick in sein Wesen und Denken schenkt.

  2. Mir fällt auf, dass die Bibel hauptsächlich von dominanten Männern geschrieben ist. Als feinfühlige Frau oftmals schwierig zu verstehen und umzusetzen.
    Alexandra

    • Ich empfehle, die das Lukas Evangelium zu lesen. Lukas hatte die Frauen besonders im Blick.
      Oder wenn du den Beginn des Johannes Evangeliums liest. Das ist poetisch und doch kraftvoll.
      Meine Lieblingsstelle ist, wie Johannes im 4. Kapitel beschreibt, wie Jesus der Frau am Brunnen begegnet. Er möchte der Frau den Weg zum ewigen Leben schenken. Aber erst lässt Er sich von der Frau frisches Wasser schenken, zeigt ihr damit, dass Er sich von Ihr helfen lässt. Dann die klare Ansage, dass sie im Moment keinen Mann hat. Aber nicht, um in der Wunde zu bohren und dreckische Wäsche zu waschen, sich lustig über sie zu machen, sondern um ihr zu helfen, dass sie an dem Punkt heilen kann. So einfühlsam.

  3. Ja, läuft bei Samuel Schulze.
    Er soll sich im Studium seinen Glauben bewahren. Das ist zuerst mein Wunsch und Gebet für ihn. Seine Gedanken sind gut. Warum ist die Bibel kompliziert? Vielleicht noch ein weiterer Gedanke dazu: Weil sie Milliarden Menschen unterschiedlichster Herkunft, Sprache, Zeit und Kultur dazu ermutigte, an Jesus zu glauben. Wer sind wir denn, das wir denken, alles verstehen zu können/zu müssen? Ich habe eine Bibel von 1691 im Schrank. Aus diesen Seiten schauen 329 Jahre Geschichte zu mir hinauf. Da bekommt man einen ganz kleinen Eindruck von Zeit und Ewigkeit. Wie wenig sind wir Menschen im Gegensatz zu diesem Buch und wie viel weniger noch im Gegensatz zum Schöpfer? Wer dieses Buch durchforscht, braucht mehr als ein Menschenleben und selbst dann hat er vieles nicht verstanden. Du wirst nie fertig mit lesen und wirst auch in hohem Alter noch Aha-Effekte haben. Nur eines sollte man nicht versuchen: Die Bibel in Gänze begreifen zu wollen. Das versuchen nämlich viele Studiengänge. Man versucht, die Bibel wissenschaftlich zu ergründen. Und das geht sehr weit. Gott lässt sich unglaublich tief in die karten schauen. Wehe aber, man kommt an den Punkt, wo man sagt: „das kann nicht wahr sein, das kann so nicht stimmen, ist unmöglich so passiert!“ Dann wird sie sich dem Verstand entziehen. Ich hab das durch. Ich hab das erlebt, den Psalm 23 zu lesen und keine Kraft mehr draus zu ziehen. Ich drohte am Staub der Jahrtausende zu ersticken. Erst als ich akzeptierte, dass dieses Buch höher ist als ich, als ich Unklarheiten stehen lassen konnte, wurde mir dieses Buch wieder das, was es mir immer war: Heilige Schrift.

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