Wie bleiben Mitarbeiter motiviert? Arne Völkel beschreibt anhand der Motivationstheorie, wie Menschen durch passende Rahmenbedingungen bei der Stange bleiben. Dabei räumt er mit einigen Mythen auf.

Von Arne Völkel

Der verstorbene Udo Jürgens verlieh mit seinen Liedern der Sehnsucht vieler Zeitgenossen Ausdruck. So auch in dem Lied „Ich war noch niemals in New York“. Darin die Zeile: „Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen.“ Haben Sie sich das auch schon einmal gewünscht? Alle Lebenslast von sich werfen! Motivation ist Emotion, die in Bewegung setzt. Gefühle und Empfindungen stellen uns dafür die Kraft zur Verfügung. Das Gegenteil der Motivation, also dessen, was uns in Bewegung bringt, ist Stillstand. Verdeutlichen wir uns die Tragweite dieser Feststellung am Begriff „Glaube“.
„Ich glaube, dass es morgen schneien wird.“ „Ich glaube dir, dass du mich liebst.“ Beides ist unverfügbar, aber nur das Zweite motiviert emotional. Das erste Beispiel schließt jede Mitwirkung aus. Auf das Wetter hat kein Mensch direkten Einfluss. Diese Erfahrung lässt den Umweltschutz nur schleppend vorankommen. Etwas anders ist es schon, wenn, wie im letzten Sommer, Gartenbesitzern die Pflanzen vertrocknen oder kalifornische Villen in Flammen aufgehen. Aber das ist bald wieder vergessen und wir ändern unser Verhalten in Sachen Klimaschutz nicht.

„Motivation ist Emotion, die in Bewegung setzt.“

Im zweiten Beispiel spielt die persönliche emotionale Beteiligung eine wesentliche Rolle. Geliebt zu werden motiviert, die erfahrene Liebe zu erwidern. Bei verliebten Paaren kann man das ganz besonders gut beobachten. Was die alles anstellen, um beim anderen zu sein oder ihn bzw. sie zu erfreuen! In langjährigen Ehen, vor allem dann, wenn sie durch unglückliche Umstände stark belastet sind, zeigt sich oft das Gegenteil. „Wir haben uns auseinandergelebt“, heißt es dann. Was nichts anderes bedeutet, als dass die Motivation nachließ, Zeit, Verständnis, Vergebungsbereitschaft, Emotionalität und Erotik in die Partnerschaft zu investieren.

Bedürfnisse im Hintergrund erkennen

Und wie steht es mit dem Glauben an Jesus? Kaum ein anderer Satz wird in Gemeinden und Predigten so oft ausgesprochen wie dieser: „Gott liebt dich!“ Wie kommt es dann aber, dass dieser Satz Christen im Umgang mit Mitchristen – und mehr noch mit Nichtchristen – verhältnismäßig wenig in Bewegung bringt?

„Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen.“

Ganz ähnlich wie in dem Lied von Udo Jürgens. Der Protagonist steigt da nicht spontan in einen Flieger, um New York zu erobern, sondern kehrt nach dem Zigarettenziehen in sein langweiliges Heim zurück. Fehlendes Geld könnte dafür die Ursache sein, sein Mangel an Mut, geringe Risikobereitschaft oder auch das Verantwortungsgefühl für die Familie.
Aber was kann, wie man früher sagte, die Ursache für ermüdete „Retterliebe“ sein? Einen theologischen oder biblischen Standpunkt zu haben, wie den der Liebe Gottes zu allen Menschen, motiviert längst noch nicht zum Handeln! Alle Motivation eröffnet einen Handlungsspielraum. Ich kann mich nach getaner Berufsarbeit mit aller Kraft auf mein Hobby stürzen oder in ein Gemeindeprojekt investieren oder sogar eine ungeliebte Aufgabe erledigen. Motivation für jede beliebige Sache bringt einen Konflikt mit sich. Sie eröffnet nämlich nicht nur Handlungsspielräume, sie schränkt Handlungsalternativen auch ein. Denn wenn wir das eine tun, müssen wir anderes dafür lassen. Deshalb haben wir manchmal Stress, ohne dass überhaupt etwas angefangen wird. Der innere Konflikt führt zur Blockade. Das geschieht immer dann, wenn wir uns nicht der mit unseren Gefühlen verbundenen Bedürfnisse bewusst sind.

Motivierende Rahmenbedingungen

Angenommen, die Abteilungsleiterin möchte mit einer feurigen Ansprache den Ehrgeiz eines bestimmten Mitarbeiters wecken. Ob sie ihr Ziel erreicht, wird davon abhängen, inwieweit sie nicht allein das Gefühl des Mitarbeiters anspricht, der sich eine neue, spannende Aufgabe wünscht. Ebenso wichtig ist es, ob sich der Mitarbeiter in einem guten Betriebsklima wiederfinden wird. Denn anders als die durch Emotionalität angefeuerte Motivation sind unsere Motive auf dauerhafte Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet. Verpflichtet im genannten Beispiel die spannende Aufgabe den Mitarbeiter, in einer Arbeitsgruppe von Leuten mitzuwirken, die sich distanziert verhält, wird seine Motivation nicht lange anhalten. Jedenfalls dann nicht, wenn dem neuen Mitarbeiter das bedürfnisleitende Motiv einer guten Gemeinschaft sehr wichtig ist. Das ist der Grund, weshalb Menschen sehr unterschiedlich auf die Motivationsansprache des Chefs zu Jahresbeginn ansprechen, auf den Missionsauftrag oder auch auf die Visionsprogrammatik einer Ortsgemeinde.
Halten wir fest: Ursächlich für jede Motivation und die daraus resultierende Handlungsweise sind damit verknüpfte Emotionen. Gefühle liefern den Brennstoff für Motivation. Deshalb entfachen auch in Gemeinden nur wenige Vorhaben ein Feuer und werden tatsächlich in die Tat umgesetzt. Das beruht auf einer natürlichen Komponente: Menschen folgen stärker ihren verhältnismäßig stabilen, auf Dauer angelegten und von Bedürfnissen abgeleiteten Motiven als kurzfristig aufgerufenen Motivationsimpulsen.

Bewegt von Gottes Liebe?!

Motivation bedeutet Triebkraft. Ihr entspringt das aktive Streben nach Zielen. Motivation ist ursächlich für Bewegung. In Matthäus 5,38-48 und 1. Korinther 3,1-4 haben wir zwei Motivationstexte vor uns. Der Abschnitt der Bergpredigt richtet sich an unser Verhalten gegenüber den Menschen außerhalb der Gemeinde. Der andere Abschnitt greift unser Verhalten innerhalb der Gemeinde auf.
Jesus beschreibt in dem Matthäustext zwei unterschiedliche Emotionen: den Beweggrund des Hasses und den der Liebe. Mit Blick auf jeden Mitmenschen motiviert Jesu Aufforderung: Liebe deinen Nächsten! Diese Liebe soll sich sogar auf die Feinde erstrecken. Der Beweggrund zur Nächsten- und sogar Feindesliebe erwächst aus der erfahrenen Liebe Gottes (V. 48). Wer sie verspürt, ist motiviert, jeden Nächsten zu lieben. Das ist das Neue, das Jesus mit sich bringt, weil er – anders noch als im Alten Testament – jeden Christen die Liebe Gottes durch seine Lebenshingabe erfahren lässt. Mit anderen Worten: Die Gemeinde Jesu soll keine geschlossene Gesellschaft sein! Das Ziel ist eine Durchlässigkeit für die noch Außenstehenden, die durch Liebe hinzugewonnen werden. Alles andere tun auch Menschen, die nichts von der Liebe Gottes wissen. Sie sind motiviert, vorwiegend ihresgleichen zu lieben. Ihr Motiv: Eine Hand wäscht die andere.

„Wer die Liebe Gottes zu sich selbst nicht verspürt, ist auch nicht motiviert, sie an andere weiterzugeben.“

Die Liebe soll sich aber auch innerhalb der Gemeinde auswirken. Davon spricht 1. Korinther 3,1-4. Auch hier geht es um die Motivation durch Gottes Liebe. „Schwarzbrot oder Milch“ sind die Gegensätze, mit denen in Gemeinden oftmals argumentiert wird, wenn es um die Verkündigung des Evangeliums geht. Doch Paulus macht deutlich: „Irdische Gesinnung“ drückt sich in Rivalitäten der Gemeindeglieder aus, in Emotionen wie Eifersucht und Streit. Schwarzbrot dagegen hilft nicht im Sinne von kerniger unverfälschter Botschaft und klarer Ansage. Wer das Schwarzbrot des Evangeliums kaut und wirklich verdaut und verinnerlicht hat, der zeigt das durch Liebe. Wer zankt und eifert, steht noch ganz am Anfang seines Evangeliumsverständnisses. Wer die Liebe Gottes zu sich selbst nicht verspürt, ist auch nicht motiviert, sie an andere weiterzugeben. In Gemeinden gibt es Streit, wenn das Motiv der Liebe abgestorben ist. Es gibt Zank, weil es an Erkenntnis der Gnade mangelt (V. 10f).
Halten wir fest: Lieblosigkeit und Gnadenlosigkeit ist der oft übersehene „blinde Fleck“ bei aller Bemühung, Christen zu Mission und Dienst zu motivieren. Motivation ist Emotion, die in Bewegung setzt. Doch erst das verinnerlichte Motiv der Liebe Gottes, die tiefe innere Überzeugung seiner Zuwendung als dem überhaupt höchsten Wert des eigenen Lebens, bewirkt, dass die Motivation, Menschen innerhalb und außerhalb der Gemeinde zu lieben, dauerhaft anhält.

Aspekte der Motivationstheorie

Die tieferliegenden Beweggründe spiegeln unsere Motive. Wird ein Auftrag oder ein Anspruch an uns herangetragen, ist die emotionale Motivation, dem nachzukommen, kurzfristig, sofern wir nicht bei unseren Motiven und den damit verbundenen Bedürfnissen abgeholt werden. Viel mehr motivieren uns Aufgaben und Ziele, die wir aus uns heraus, entscheidungsfrei und selbstbestimmt anstreben. Dabei sind persönlicher Vorteilsgewinn, vor allem aber Wachstum und Integration allen Menschen generell wichtig. Dann sind wir bleibend motiviert, weil es den eigenen Motiven und Bedürfnissen entspricht. Das ist auch für das christliche Handeln unerlässlich.
Das Macht-, Zugehörigkeits- und Leistungsmotiv spielt in der Motivationstheorie eine wichtige Rolle, denn es repräsentiert subjektive Bedürfnisse.

• Das Machtmotiv befriedigt das Bedürfnis nach Autonomie.
• Das Leistungsmotiv befriedigt das Bedürfnis nach Kompetenz.
• Das Zugehörigkeitsmotiv befriedigt das Bedürfnis nach menschlicher Nähe.

Ihre entscheidende Bedeutung für die christliche Handlungsmotivation wird umso klarer, je besser wir den Nutzen und die Grenzen menschlicher Motive begreifen. Mit Blick auf die Missionspraxis stellt Paulus fest: „Die einen verkünden das Evangelium mit ehrlicher Absicht. Die anderen, um mir zu schaden …“ (Philipper 1,15-17). Das Machtmotiv der angesprochenen Missionare tritt deutlich hervor. Ihr Autonomiestreben richtet sich dabei gegen Paulus und verlangt nach Ansehen und Ehre in der Gemeinde von Philippi.

„Persönliche Beteiligung an Vorhaben unterstützt die Handlungsbereitschaft der an ihrer Planung Beteiligten.“

Fassen wir noch einmal zusammen: Eigene Initiativen von Gemeindemitgliedern decken die genannten Bedürfnisse Autonomie, Kompetenz und menschliche Nähe meist zielgenauer ab als von Institutionen, Leitungsebenen oder Gremien formulierte Ziele. Das erklärt, weshalb selbst gut vorbereitete Strategien und Aktionen oft wenig bzw. nur kurzfristig bewegen. Persönliche Beteiligung an Vorhaben unterstützt die Handlungsbereitschaft der an ihrer Planung Beteiligten.

Unterm Strich geht es motivationstheoretisch um drei Fragen:

1. Was kann ich selbstbestimmt entscheiden?

Externe Verhaltensbewertung blockiert die Motivation, weil das eigene Handeln als kontrolliert empfunden wird. Handeln wir dennoch entsprechend einer Erwartung anderer
(z. B. des Arbeitgebers), dann weil wir eine Belohnung erhoffen oder Bestrafung und Ausgrenzung vermeiden wollen.
Innerhalb der Gemeinde ist mit dieser Motivation die befreiende Kraft des Evangeliums bereits deutlich geschwächt. Denn selbst wenn ein an uns gestellter Anspruch wie der Missionsauftrag gedanklich akzeptiert ist, unterliegt das eigene Handeln einer negativen Emotion, die blockierend wirkt. Die Motivation, Schuld- und Schamgefühle zu vermeiden, verstärkt den negativen Effekt. Die drei genannten Bedürfnisse (Autonomie, Kompetenz und menschliche Nähe) erfahren hingegen kaum Beachtung.
Dauerhaft motiviert sind wir erst, wenn wir emotional ganz und gar von Sinn und Bedeutung unseres Handelns berührt sind, im Einklang mit unseren persönlichen Bedürfnissen. Dann wollen wir es wirklich. Ein begeistert ausgeübtes Hobby, das Interesse und Bewunderung anderer hervorruft, motiviert dauerhaft in diesem Sinne. Dann schöpfen wir aus einer inneren Motivationsquelle. Bezogen auf das geistliche Leben benennt Paulus die Motivationsquelle „Christus in mir“, im Unterschied zu der äußeren Motivationsquelle gesetzlicher Vorschrift.

„Doch Belohnung motiviert nur kurzzeitig, wenn sie abhängig von einer spezifischen Leistung gegeben wird.“

2. Welche Kompetenzen habe ich?

Menschen mit hoher Selbststeuerungs- und Umsetzungskompetenz sind grundsätzlich zufriedener mit ihrer Lebenssituation. Autonomes Handeln bedeutet im Idealfall: Diese Sache, dieses Ziel ist mir ein persönlich wichtiges Anliegen. Ich akzeptiere den Auftrag, identifiziere mich mit den Werten, befinde mich in Übereinstimmung mit den Zielen und erlebe mich im Einklang mit mir selbst und dem mich umgebenden Sozialgefüge. Für die in der eigenen Person verankerten Motive sind erlernte und prägende Faktoren verantwortlich. Unsere Motive verstärken das motivierte Verhalten oder flachen es ab. Positives Feedback und die Anerkennung von Gefühlen und deren Äußerung spielen dabei eine Rolle.
Doch Belohnung (z. B. durch Lob und Anerkennung) motiviert nur kurzzeitig, wenn sie abhängig von einer spezifischen Leistung gegeben wird. Fantasielose Motivationstricks, wie erst dreimal loben, bevor man etwas Kritisches sagt, verpuffen entsprechend. Forschungen haben zudem ergeben: Erfolgt Belohnung immer nach erbrachter Leistung, reduziert es sogar die Motivation, weil wir uns dann nicht mehr als selbstbestimmt erleben. (Das unterscheidet Menschen von der Konditionierung eines Hundes durch ein Leckerli).

3. Bin ich sozial eingebunden?

Grundsätzlich wählen Menschen unter mehreren Handlungsalternativen diejenigen aus, die den höchsten Erwartungswert haben. Die soziale Eingebundenheit rangiert dabei weit vorne. Hier spielt das Zugehörigkeitsmotiv die entscheidende Rolle. Haben wir uns die Ziele einer Gemeinschaft zu eigen gemacht, möchten wir etwas zum Zusammenhalt der Gruppe beitragen.
Aber es muss noch eine weitere Art der Energie dazukommen: das Durchhaltevermögen und die Willenskraft. Beides sind sich erschöpfende Ressourcen. Um die innere Energie aufrechtzuerhalten, kann man bestimmte Fertigkeiten erlernen. In Gruppen, Gemeinden und Unternehmen ist jedoch erstrangig an Maßnahmen zu denken, die den Energieaufwand reduzieren, und an den Ausbau Energie spendender Gewohnheiten.

Hier gelangt ihr zum aktuellen Buch von Arne Völkel: „Ich glaub‘ ich denk‘ mich krank!“


Dieser Artikel ist zuerst in der CHRISTSEIN HEUTE erschienen, die wie jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

HINTERLASSE EINEN KOMMENTAR

Please enter your comment!
Bitte gib deinen Namen ein