Wenn Jugendliche die Bibel lesen, lesen sie ganz anders. Daraus lässt sich lernen, wie wir dem Buch der Bücher neu begegnen können.
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Von Björn Knublauch

„Ich lese gerne die Bibel!“ – „Bibellesen macht Spaß!“ –„Bibellesen ist langweilig.“ – „Spricht Gott durch die Bibel eigentlich immer in deinen Alltag? Bei mir nicht!“ – „Ich verstehe oft nicht, was da steht!“ – „Ich möchte ja schon gerne Bibel lesen, aber ich schaffe es nicht“ – „Ich lese sowieso nicht so gerne, also auch nicht die Bibel“ – „Ich lese jeden Tag in der Bibel“ – „Och man, müssen wir jetzt in der Bibel lesen? Wollen wir nicht lieber kickern?“

Ehrlich sein

Das sind nur mal ein paar Rückmeldungen von Jugendlichen zum Thema Bibellesen, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Und die machen schon für mich deutlich, was Erwachsene als Erstes von Jugendlichen beim Bibellesen lernen können: Ehrlichkeit! Jugendliche sagen mir recht offen, dass sie Schwierigkeiten mit dem Bibellesen haben, dass sie häufig einfach nicht verstehen, was da steht oder damit gesagt werden soll. Auch wenn ich mir natürlich wünsche, dass sie dennoch begeisterte Bibelleser werden, spüre ich in mir: Wow, danke für deine Ehrlichkeit! Mir geht es doch an der einen oder anderen Stelle ganz genauso.

„Ich möchte immer wieder wie ein neugieriges Kind sein, das den Bibeltext heute ganz neu zu sich sprechen lassen kann.“

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Wäre es nicht hilfreich, wenn wir als Erwachsene genauso ehrlich an das Thema gehen könnten? Nicht von der Frage bestimmt sein, was wohl die anderen von mir erwarten oder welches Bild ich als Christ und Bibelleser abgeben möchte?
Ich möchte immer wieder wie ein neugieriges Kind sein, das den Bibeltext (auch wenn er noch so bekannt ist) heute ganz neu zu sich sprechen lassen kann. Und dazu kann es helfen, mich dem Text wie ein „Anfänger“ zu nähern: Welche Frage hätte wohl meine Nachbarin an diesen Bibelabschnitt? Was würde meinen Arbeitskollegen aufregen? Was würde mein Kind wohl dazu sagen? Und: Wie würde ich dann darauf reagieren?

Lesen, was da steht

Diese Überlegung führt mich direkt zum zweiten Punkt, was Erwachsene von Jugendlichen für das Bibellesen lernen können:
Nicht das lesen, was ich schon alles über den Text und die Zusammenhänge weiß, sondern das lesen, was da steht. So erlebe ich zum Beispiel bei Jugendlichen eine offene Sympathie und ein echtes Mitfühlen für den älteren Bruder des zurückgekehrten Sohnes in Lukas 15. Das erlebe ich ansonsten nur bei Erwachsenen, die ganz neu im Glauben und beim Bibellesen sind. Alle anderen legen den Fokus eher auf andere Aspekte, verschließen sich damit aber einer Zusage des Textes. Wenn ich mich nicht traue zu sagen, dass das wirklich etwas unfair ist, kann ich auch nicht die Zusage hören, dass auch ich von Gott das Recht zugesprochen bekomme zu feiern und gesehen zu werden.

„Es kommt sehr darauf an, diesen Menschen wertschätzend zu begegnen und nicht aus Bequemlichkeiten den Angepassten mehr Aufmerksamkeit zu schenken!“

Und dass ich mich nicht als stummer und treuer Arbeiter verstehen muss, sondern als geliebtes und wertgeschätztes Kind. Und dass ich dann auch Freude empfinden kann über die Verlorenen, die nun wieder heimkommen.
Dennoch sollte ich mich gut über einen Bibeltext informieren (mit Verweisstellen, Lexika und Kommentaren), um Fehlinterpretationen oder rein subjektivistische Auslegungen zu vermeiden. Aber wir sollten darauf achthaben, dass nicht unsere Sekundärliteratur den Bibeltext überdeckt. Dabei leisten – in Bibelgesprächen oder Hauskreisen – die „querdenkenden Bibelleser“ oft einen echten Dienst. Es kommt sehr darauf an, diesen Menschen wertschätzend zu begegnen und nicht aus Bequemlichkeiten den Angepassten mehr Aufmerksamkeit zu schenken!

Den Stachel spitz lassen

Wie kann man mit den Geschichten umgehen, die man schon so viele Male gelesen hat? Ich bin begeistert davon, mit Jugendlichen, die nicht die ganze „Kirchenkarriere“ durchlaufen haben, für Christen recht bekannte Bibelabschnitte zu lesen. Zum Beispiel die Geschichte von Zachäus in Lukas 19. Durch zahlreiche Kindergottesdienste und Jungscharstunden ist dieser Bericht oft zur bedeutungslosen Kletterstunde für Zöllner degradiert. Doch in der Geschichte steckt mehr. Ich lerne von Jugendlichen, nicht bei meinen bisherigen Lesarten und Interpretationen zu bleiben, sondern mich herausfordern zu lassen: Was hat das Gelesene jetzt und heute für mich und für uns als Gemeinschaft zu sagen? Ebenfalls herausfordernd ist, den Stachel des Textes nicht zu schnell abzubrechen, das Gelesene nicht zu schnell zu harmonisieren.

„Wenn ich nicht bereit bin, die Hälfte meines Besitzes zu geben, ähnele ich dann nicht eher dem sogenannten reichen Jüngling, der im Kapitel davor ein Gegenbild von Zachäus ist?“

Vielleicht wäre es eine gut christliche Antwort auf die Frage, ob man wirklich die Hälfte des Besitzes weggeben muss, dass man ja schon seinen Zehnten gibt. Doch so verschließt man sich schnell der Radikalität, mit der Zachäus verwandelt wurde und mit seiner Nachfolge ernst machte. Und die Fragen der Jugendlichen kommen unweigerlich: Hast du auch die Hälfte deines Besitzes weggeben, als du Christ wurdest? Warum? Warum nicht? (Und jetzt nicht damit rausreden, dass du in einer christlichen Familie aufgewachsen wärest!) Welche Auswirkungen hat es denn, dass ich Christ bin? Erkennen das auch andere, zum Beispiel meine Arbeitskollegen? Woran? An welcher Stelle sollte ich mich von diesem Text heute hinterfragen lassen, wie ich meinen Glauben lebe? Was hat denn den Zachäus so verwandelt? Warum konnte er loslassen? Wenn ich nicht bereit bin, die Hälfte meines Besitzes zu geben, ähnele ich dann nicht eher dem sogenannten reichen Jüngling, der im Kapitel davor ein Gegenbild von Zachäus ist? Mit dieser Sichtweise wird es konkret und herausfordernd.

Reagieren!

Und das ist schon der nächste Lernpunkt bei meinem Bibellesen mit Jugendlichen: Was ich lese, will mich in Bewegung bringen. Es fordert mich zu einer Reaktion heraus. Im Vertrauen auf Jesus und auf der Handlungsebene meiner Nachfolge. So kann aus dem Zachäus-Bericht ein finanzielles Engagement für ein Spendenprojekt erwachsen. Oder der Entschluss, sich von seinem Beruf nicht mehr so unter Druck setzen zu lassen. Weil wir ja Gott (und den Menschen) nicht beweisen müssen, dass wir es wert sind, geliebt zu werden, sondern von Jesus schon geliebt sind. Oder was der Heilige Geist uns sonst jetzt und heute durch diesen Text deutlich machen möchte …

Erwartungsvoll und gelassen

Und noch etwas lerne ich von Jugendlichen: eine hohe Erwartung zu haben, dass Gott durch den Text spricht, begleitet von der Gelassenheit, dass er mich auch gar nicht anspricht. Ich muss nicht vorgeben, dass ich große Erkenntnisse oder geistliche Sternstunden hätte, wenn es nicht so war. Ich darf sagen: Heute war es keine glorreiche Begegnung mit Gott und seinem Wort. Heute habe ich einfach nur Bibel gelesen. Und das werde ich morgen auch wieder tun.


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Faszination Bibel erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Ein wirklch guter Beitrag.
    Nur wir „Altgedienten“, kriegen euren vollen Zorn zu Spüren.
    Geht es bei euch auch nur um Klickzahlen? Vermutlich schon.

  2. Wir alten weißen Männer können das auch. Einfach mal eine neue und etwas andere Bibelübersetzung kaufen (z.B. Das Buch von Roland Werner) , das Herz für den Heiligen Geist öffnen, unsere Theologie (Die manchmal mehr eine Menschologie ist) mal beiseite legen, und schon geht sie los, die wilde Fahrt ins Abenteuer mit Gott…

    Vielen Dank für den Artikel…

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