In den vergangenen fünf Jahren sind in Deutschland rund 500 neue Weihnachtsmärkte entstanden, die Besucherzahl hat sich seit 2000 verdreifacht. Ein Kulturwissenschaftler sieht eine Entwicklung zum Volksfest. Mit Weihnachten oder der christlichen Botschaft hätten sie dagegen immer weniger zu tun. Manche Kirchengemeinden setzen aber bewusst eigene Akzente.

Von Claudia Rometsch (epd)

Wer in diesem Jahr den Bonner Weihnachtsmarkt besucht, kann dem Himmel ein ganzes Stück näher kommen. 72 Meter befördert dort der «Skyliner» die Besucher in die Höhe. Die laut Betreiber weltweit höchste mobile Aussichtsplattform ist die neue Attraktion auf dem Markt, der sich im Laufe der Jahre fast über die gesamte Innenstadt ausgebreitet hat. So wie in Bonn entwickelten sich viele Weihnachtsmärkte immer stärker zu Volksfesten, beobachtet der Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder von der Universität Regensburg. Jedes Jahr böten die Märkte neue Superlative: «Das Publikum erwartet Steigerungsformen.»

Auch die Zahl der Weihnachtsmärkte, die der Deutsche Schaustellerbund (DSB) aktuell auf rund 3.000 schätzt, bricht einen Rekord nach dem anderen. Allein in den vergangenen fünf Jahren seien in Deutschland rund 500 neue Märkte entstanden, sagt DSB-Hauptgeschäftsführer Frank Hakelberg. Die Nachfrage scheint vorhanden. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der Besucher auf rund 150 Millionen verdreifacht. Sie bescheren den Händlern laut DSB einen Umsatz im «einstelligen Milliardenbereich».

Ein Grund für die wachsenden Besucherströme sei das verstärkte Marketing, sagt Hakelberg. «Die Städte fördern die Märkte mehr und viele haben sie in ihr Tourismus-Konzept aufgenommen.» Reiseveranstalter böten immer mehr Fahrten zu beliebten Weihnachtsmärkten in Städten wie Nürnberg, München, Freiburg, Lübeck oder auch Bonn. Hinzu komme, dass deutsche Weihnachtsmärkte im Ausland immer populärer würden. «Vor allem in Asien und ganz besonders in China steigt die Beliebtheit von Nordeuropa-Reisen im Winter», stellt Hirschfelder fest.

Die Attraktivität der Weihnachtsmärkte erklärt sich Hakelberg damit, dass die Menschen in einer digitalen Welt wieder verstärkt Sehnsucht nach einem sinnlichen Erlebnis hätten. «Auf dem Weihnachtsmarkt werden die Menschen in eine eigene Welt mit Düften, Klängen und einer besonderen Deko entführt.»

Es begann im 16. Jahrhundert

Mit dem Rummel hatten die Vorläufer der heutigen Weihnachtsmärkte allerdings wenig gemeinsam. Die Märkte entstanden in größerer Zahl im 16. Jahrhundert in der Nähe von Kirchen, wo Händler Lebensmittel für das Fest verkauften.

In Dresden begann die Tradition bereits 1434, als einen Tag vor dem Heiligen Abend ein freier Fleischmarkt genehmigt wurde. Wenig später gibt es dann bereits Striezel, und im Jahr 1704 boten unter anderen Pfefferküchler, Töpfer, Drechsler, Spitzenmacher und ein Sensenschmied ihre Waren feil. Bereits im 19. Jahrhundert reimte ein Dichter über den Weihnachtsmarkt in Dresden: «Bei Puppen-Buden sieht man hier beinah mehr Leute stehen, als Menschen, nach Pflicht und Gebühr, zur lieben Betstund gehen.»

„Mit Weihnachten haben die Weihnachtsmärkte immer weniger zu tun“

Ab den 60er Jahren begannen die Weihnachtsmärkte in Westdeutschland im Zuge des Wirtschaftswunders dann, Orte des Konsums zu werden, wie Hirschfelder beschreibt. Mit Weihnachten hätten die Märkte allerdings immer weniger zu tun, so der Kulturwissenschaftler.

Zwar habe das kommerzielle Interesse bei den Weihnachtsmärkten immer schon im Vordergrund gestanden. Dennoch seien sie ursprünglich christlich geprägt gewesen. «Inzwischen besteht kein ernsthaftes Ansinnen mehr, ein christliches Interesse zu integrieren.» Der Kulturwissenschaftler beobachtet außerdem eine zunehmende «Karnevalisierung», etwa wenn Besuchergruppen mit roten Weihnachtsmannmützen über die Märkte ziehen.

weihnachtsmarkt
Foto: Getty Images

Kirchengemeinden zeigen Präsenz

Mancherorts bemühen sich die christliche Gemeinden, ein Gegengewicht zu setzen. In Bonn etwa taten sich katholische und evangelische Kirche schon vor 15 Jahren zusammen und richteten auf dem Weihnachtsmarkt eine «Kirchenmeile» ein. In Hütten direkt an den Mauern des Bonner Münsters wurden fair gehandelte Waren verkauft, aber auch Tee ausgeschenkt und Gespräche angeboten.

In diesem Jahr wird das Münster saniert und der Platz hierfür fehlt. «Wir tragen aber die Weihnachtsbotschaft durch andere Angebote mitten in die Stadt, zum Beispiel durch offenes Singen», sagt der Sprecher des Evangelischen Kirchenkreises Bonn, Joachim Gerhardt.

Mit ihrer Botschaft hätten die Kirchen gar nicht so schlechte Chancen, glaubt Hirschfelder. Umweltprobleme und politische Krisen könnten auch zu einer Sinnsuche und der Rückkehr eines religiösen Bewusstseins führen. Viele Menschen verunsichere zudem die Globalisierung.

Das machen sich allerdings auch rechtspopulistische Gruppen zunutze. Sie schüren über soziale Medien Stimmung, zum Beispiel mit falschen Behauptungen über angebliche Weihnachtsdeko-Verbote auf Märkten aus Rücksicht auf Muslime. Diskussionen gab es tatsächlich vereinzelt, von Wintermärkten statt Weihnachtsmärkten zu sprechen, die dann auch länger dauern. Schausteller-Vertreter Hakelberg glaubt allerdings nicht, dass sich das durchsetzen wird. «Der Anlass ist schließlich immer noch Weihnachten und der überwiegende Teil der Märkte endet immer noch am 24. Dezember.»

5 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Weihnachten ist ja auch ein Fest mit heidnischen Wurzeln, fest verankert in der Welt.
    Trotzdem ist für die meisten Christen eine Abkehr von diesem durch und durch heidnischen Fest
    fast nicht möglich.
    Meine Familie und ich feiern seit 4 Jahren kein Weihnachten mehr und sind sehr froh darüber. Dem Herrn Jesus Christus dagegen danken wir täglich, dass er zu unserer Rettung in die Welt gekommen ist.
    So möchte ich auch hier Kinder Gottes wachrütteln, mal über die heidnischen Wurzeln nachzudenken.

    Lieber Gruß Martin

    • Guten Abend Herr Dobat, mit gemischten Gefühlen lese ich Ihren Beitrag, ist es für mich doch die eifrig-korrekte Umsetzung einer vermeintlichen Unkorrektheit geschichtlicher Ereignisse. Lese ich jedoch in der Bibel so stelle ich fest, dass sich Gott und Jesus gerade menschliche Fehlbarkeiten und unkorrekte Dinge zu Nutzen machten, um sie für ihre gute Botschaft zu verwenden und ich kenne kein anderes Fest, das Menschen weltweit so sehr an die Existenz Jesu und seine Kernbotschaft erinnert als dieses. . daher: kein Wunder, dass es in der aktuellen Zeit so umkämpft ist, von Konsum und Lärm verschlungen zu werden. . . Nein, ich kann Ihnen nicht folgen in Ihrem Aufruf, dafür empfinde ich zuviel Wertvolles und Emotionales an diesem Fest und das hat es wohl, historische Korrektheit hin oder her. . sonst wäre es nicht so bedroht von Gleichgültigkeit und Abkehr, zumindest in unserer dekadenten Konsumwelt, schauen Sie aber doch einmal in ärmere Länder. . . und ebenso empfinde ich Gott als zu souverän, dass ich ein Fest, das ihn zum Inhalt hat, in seiner Kernbotschaft abschaffen wollte. Es tut mir leid, aber Ihre Auffassung von Nicht-Weihnachten wirkt auf mich zu musterschülerhaft.. . .ich freue mich darauf, mit meinen Kindern und meiner Famile Weihnachten so zu feiern, wie ich es verstehe, als Start des Lebens und Wirkens Jesu Christi hier auf Erden und damit als großes Hoffnungszeichen in Dunkelheit. Es grüßt Martina Tollkühn

      • Guten Morgen Frau Tollkühn, meine Familie und ich wir versuchen nicht in erster Linie danach zu streben und zu leben, was wir als richtig, romantisch und feierlich finden, sondern was unserem Herrn Jesus Christus Ehre gibt. Im Wort Gottes finden wir keinen einzigen Hinweis darauf, Weihnachten zu feiern, die ersten Christen haben es auch nicht getan, so sollten es die Christen in der Endzeit auch nicht tun, das ist meine Meinung. Für uns hat die Frage Priorität, ob diese Feier, diese Entstehung, dieser heidnische Ursprung, die Vermischung der Kath. Kirche, zur Ehre des allmächtigen Gottes dient und er sich darüber freut?

        Hier noch ein Link zu einer sehr guten Zusammenfassung – Weshalb Christen das Weihnachtsfest nicht feiern sollten. http://hauszellengemeinde.de/weihnachtsfest-ablehnen/

        So grüße ich Sie herzlich, Martin Dobat

    • Die Sichtweise von Martin Dobat ist mir zu perfektionistisch. Wir leben (leider) alle vom Konsum bzw. vom Kapitalismus. Ich sehe die weit schlimmeren Übel in anderen Idiologien. Natürlich wird nicht nur auf dem Weihnachts- bzw. besser Adventsmarkt ein Geschäft gemacht, sondern in der ganzen Weihnachtszeit. Das gibt es aber auch an Ostern. Unsere Aufgabe als von Gott geschaffene und sehr geliebte Menschen ist es, auf dieser Welt, in dieser Wirklichkeit und in unserer heutigen Gesellschaft zu leben, nicht überangepasst, nicht unkritisch und auch besser nicht im Strom mitschwimmend. Zur Zeit Jesu und der Urgemeinde sowie von Paulus war auch das Heilige Land eine multikulturelle Gesellschaft mit vielen ethnischen Gruppen sowie mit großen Schatten und wenig Licht. Es gab zahlreiche Religionen und Kulte. Paulus auch auf seinen Missionsreisen wollte den Griechen ein Grieche und den Römern ein Römer sein. Nicht im Sinne einer die eigene Identität verlierende Toleranz, sondern im Abholen eines Jeden dort, wo er steht. Heißt es nicht so schön,“ behaltet das Gute“. Das Weihnachten mit Liebe verbunden wird, ist ja ansich nichts negatives, auch wenn sich dieses Motto im Jahresverlauf ausdünnt. Wäre Jesus heute unter uns, würde er sich sicher eher mit armen Menschen, mit solchen am Rande der Gesellschaft, unter den Tannenbaum setzen. Wir verkündigen das Evangelium nicht als ein Gesetz mit Verboten und Strafandrohungen, sondern als eine Einladung zu einem neuen Leben. Nachfolge Jesu ist in diesem Sinne auch dem Beispiel Jesu nachzufolgen. Wir leuchten nicht unser eigenes Licht, sind keine geistlichen Fixsterne, sondern eine Reflexionsfläche des Lichtes, das von Gott kommt. Ich würde es für selbstgerecht halten, wenn wir anderen Menschen die Weihnachtsfreude eines Adventsmarktes, der Genuss eines Glühweines und die Tradition einer familiären Weihnachtsfeier nicht gönnen.

  2. Sehr geehrter Herr Dobat,
    auf der einen Seite kann ich Ihre Argumentation verstehen – die Hintergründe bzw. der Termin war eigentlich mal das Fest des „unbesiegbaren Sonnengottes“ der Römer: „Sol invictus“. Die frühe Kirche hat den Termin eben „besetzt“ mit der frohen Botschaft, die den Sonnengott glatt in den Schatten stellt. Die Sonne mag seit Juni schwächer zu werden scheinen, im Dezember, mitten im Dunkel, erwacht sie aber zu neuer Stärke und Leuchtkraft. Aber unser Gott ist der Schöpfer und Erhalter dieser kosmischen Leuchte, und die Botschaft von seiner Auferstehung und seinem Sieg über alles Dunkle in dieser vergänglichen Welt ist viel nachhaltiger als jede Sonne im Universum. „Sol invictus“ kann einpacken… Einen Termin so „umzudeuten“ bzw. das Einbrechen von Gottes Licht in unsere Dunkelheit, der Anbruch seines Reiches lässt alles andere verblassen. Und trotz aller Verfolgung in der frühen Christenheit ist Gottes Reich nicht aufzuhalten. Das ist doch ein Grund zum Feiern. Kommt es nicht darauf an, was wir daraus machen?
    Ein Weihnachtsfest, wo man die Geburt Jesu Christi bewusst feiert, mit Liedern, Kerzen, Gottes Wort und Gebet, kann ein klares Zeichen sein, dass es nicht nur auf Tannengrün, Kerzen und Konsum ankommt. Das ist in vielen Familien schon mehr an Zeugnis als es sonst oft an Weihnachten vorkommt. Und das vermisse ich auch oft, ehrlich gesagt. Da beneide ich alle Familien, wo das seinen Platz hat. Es ist schön, dass Sie jeden Tag mit Jesus leben und ihm danken. Wenn Ihre Familie mit Ihrer Entscheidung einverstanden ist, dann haben Sie ja alle Freiheit, es so zu halten. Die Familien, die aber bewusst an Jesus denken, haben ein sehr schönes Fest. Frohe und gesegnete Weihnachten!

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