Weihnachten ist die Freude über den Gott, der uns nahekommt und sich selber schenkt. Zeit, das Geschenk auszupacken.

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Von Nicola Vollkommer

Wir kennen die Geschichte von Weihnachtskarten. Manchmal mit einem romantischen Anstrich: Raue Landwirte, Hirten, mit Schafen im Schlepptau oder auf den Schultern, Laternen in der Hand, im Gänsemarsch nach Bethlehem, die Köpfe verziert mit Heiligenscheinen. Die Realität allerdings wird anders ausgesehen haben. Diese Männer waren auf alles vorbereitet, nur nicht darauf, geladene Gäste beim ersten Weihnachtsfest aller Zeiten zu sein, und dort über alle Maßen beschenkt zu werden.

Herausgerissen, gestört, verängstigt

Sie wurden aus einem Alltag heraus gerissen, der an Härte kaum zu überbieten war. Sie hatten keine Ahnung, an welch weltbewegenden Ereignissen sie beteiligt waren. Ihre bisherige Welt bestand aus sengender Nahosthitze bei Tag, die sich mit einer klirrenden Nachtkälte abwechselte, während sie rund um die Uhr den Widrigkeiten der Wildnis ausgesetzt waren. Kein Rotes Kreuz für Notfälle, keine Tierstation für erkrankte Schafe, kein Wifi, um schnell zu schauen, ob zu Hause alles in Ordnung ist. Es war die ultimative Strapaze für Gehirn, Seele und Geist. Der Kampf ums Überleben in einem besetzten Land. Immer im Bewusstsein, dass das bisschen Geld, das man zusammenkratzen konnte, zu jeder Zeit von römischen Steuerfahndern eingetrieben werden konnte.
Dass der Himmel ausgerechnet auf dem Hügel seine geballte Herrlichkeit ausschüttete, auf dem sie zelteten, war das Letzte, was sie erwartet haben. Es war der traumatische Aufprall einer Großmacht aus einer fremden Welt. Sie waren außer sich vor Panik. Nicht ohne Grund musste der Engel sie mit den Worten beruhigen: „Habt keine Angst!“ Der Auftritt des himmlischen Chors muss so durchdringend gewesen sein, dass die Hirten sich gleich auf den Weg nach Bethlehem machten, um zu schauen, welches Ereignis dieses Erdbeben ausgelöst hatte.

Eine leidenschaftliche Suche

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Sie waren keine Theologen, keine Gelehrten. Vermutlich hatten sie wenig Ahnung von den messianischen Verheißungen, die in der Geschichte ihres Volkes tief verankert waren. Wer um sein Überleben kämpft, hat für den Luxus einer frommen Bildung wenig Zeit. Wahrscheinlich konnten sie nicht einmal lesen. Aber sie taten etwas, was ihr Leben gründlich auf den Kopf stellte. Sie machten sich gemeinsam auf, um „diese Sache, die geschehen ist, zu sehen“. Dieses Geschenk musste aktiv in Empfang genommen werden. Der Weg nach Bethlehem, der Weg in die Nähe des Christus, hat es in sich – auch für Menschen, die wenig Ahnung haben, auf was sie sich einlassen. Sie kamen „eilend“. Es war eine leidenschaftliche Suche. Keine Spur mehr von der Müdigkeit einer Nachtwache auf den Bergen. So wurden sie erste Zeugen der einschneidendsten Wende, die die Geschichte der Welt jemals erlebt hat. Der ultimativen Trennung zwischen „davor“ und „danach“. Vor Christus, nach Christus.

Nicht vergessen

Danach „machten sie das Wort bekannt, das über dieses Kind zu ihnen geredet worden war.“ Inzwischen hatten sie die Tragweite dessen begriffen, was die Engel verkündet hatten. Und dass die Nachricht sehr wohl mit ihrem Alltag zu tun hatte. Die Zusagen „Retter Christus“, „Friede auf Erden“, „Herrlichkeit“, „große Freude“, für sie, waren so etwas wie ein Lottogewinn. Das überwältigende Gefühl: Wir sind nicht vergessen worden. Der mühsame Alltag in einem Land voller Armut und Bedrückung muss nicht die Endstation sein. Die tröstliche Aussicht, dass es eine andere Quelle des Glücks gibt als die faden, leeren Versprechen dieser Welt. Die widrigen Umstände, in denen sie lebten, hatten sich keinen Deut geändert. Aber sie gingen als Beschenkte, als Schwärmende zurück in ihren Alltag.

Tiefe Freude

Auch für uns, 2.000 Jahre später, ist Weihnachten eine Einladung, als Beschenkte zu leben. Mitten im Alltag. Auch ohne eine Sporttrophäe, eine Castingshow, einen Luxusurlaub gewonnen, eine Gehaltserhöhung bekommen oder die große Liebe gefunden zu haben. Sondern mit der Freude, Gott gefunden zu haben. Zu wissen, dass der diese Welt geschaffen hat, sich zu erkennen gegeben hat, mit einer Stimme gesprochen hat, die das kleinste Kind verstehen kann, seine Hände ausgestreckt hat, die heilend, rettend, tröstend, auch mein Herz in seine Himmelswelt hinein geholt haben. Das Beste an der Geschichte der Hirten ist, dass der Gesang der Engel, die Kraft dieser christlichen Botschaft, die Freude darüber, dass Gott aufgetaucht ist – in den 2.000 Jahren seitdem keinen Deut verblasst ist, kein Verfallsdatum überschritten hat. Für diejenigen, die ihn suchen, lässt er sich auch heute finden. Er ist uns nah.

Auch in dieser Weihnachtszeit wird es mir so gehen wie dem Liedermacher Paul Gerhardt, als er schrieb: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen“.
Das Schöne dabei ist: Wenn wir Jesus mit Freuden ansehen, dann betrachten wir auch alles andere im Leben mit Freuden. Auch die Kleinigkeiten des Alltags sind Geschenke: Farben, Begegnungen, Düfte, der Gruß eines Kindes.

Und wir verstehen: Alles Wesentliche im Leben ist ein Geschenk.


Diesen Text schrieb die Autorin Nicola Vollkommer in einer längeren Fassung für das Weihnachtsspecial der Zeitschrift lebenslust. lebenslust ist ein Produkt des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.