Sexuelle Übergriffe an Kindern erkennen
Sexuelle Übergriffe an Kindern verhindern und Kinder, wenn sie Opfer wurden, unterstützen (Bild: Gettyimages.com)

Ende Oktober erst wurde im Bundestag ein neues Gesetz gegen sexualisierte Gewalt an Kindern beraten, das gute Impulse setzt. Eine Expertin erklärt, woran man erkennt, dass das eigene Kind Opfer von sexueller Gewalt geworden ist und wie man dann handeln sollte.

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Von Silvera Schmider

Anzeichen von sexualisierter Gewalt an Kindern sind vielfältig und oft nicht eindeutig. Häufig sind es kleine Verhaltensänderungen: neue Ängste, die vorher nicht da waren. Plötzliche Schamgefühle, depressive Verstimmungen, unklare Bauchschmerzen, Schlafstörungen, Alpträume, Einnässen. Wutausbrüche, das Meiden bestimmter Orte oder Personen. Sobald Eltern oder Bezugspersonen solche Verhaltensänderungen ohne erkennbaren Grund wahrnehmen, sollten sie das Gespräch mit dem Kind suchen.

Über Ängste sprechen

Schaffen Sie eine angenehme, vertraute und offene Atmosphäre. Sie könnten die beobachteten Verhaltensänderungen ansprechen und Ihrem Kind mitteilen, dass es über alles mit Ihnen sprechen kann. Manche Kinder erzählen dann sofort. Andere brauchen erst mal Zeit, bis sie zum Sprechen bereit sind. Wenn das Kind bereit ist, lassen Sie es frei erzählen. Ermutigen Sie es, über seine Ängste zu sprechen. Vermeiden Sie vorschnelle Kommentare und legen Sie dem Kind nicht Ihre Vermutungen oder Ängste in den Mund. Und lassen Sie Ihr Kind nur so viel erzählen, wie es möchte. Bohrende Fragen führen eher zu einer Verunsicherung. Manche Kinder erzählen nur häppchenweise von den belastenden Erfahrungen. Fragen Sie nach den Gefühlen des Kindes. Manchmal hilft es, sich vom Kind über Emojis zeigen zu lassen, wie es sich zum Beispiel auf der Freizeit gefühlt hat. Oder welches Gefühl da war, wenn Person X dabei war. Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass es Ihnen alles anvertrauen kann.

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Machen Sie Ihrem Kind auch deutlich, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt. Über schlechte Geheimnisse sollte man mit seinen Eltern oder Vertrauenspersonen reden. Wenn es dann anfängt zu erzählen, lassen Sie es einfach reden. Hören Sie aufmerksam zu. Und ganz wichtig: Glauben Sie Ihrem Kind! Über sexualisierte Gewalt zu reden, ist für die Kinder sehr schwer.

Den Gefühlen Raum geben

Sollte Ihr Kind äußerliche Verletzungen im Genitalbereich wie blaue Flecken oder Blutungen vorweisen, die es nicht plausibel erklären kann, nehmen Sie bitte sofort ärztlichen Rat in Anspruch. Sprechen Sie mit dem ärztlichen Fachpersonal die Wichtigkeit der Dokumentation an. Leider zeigt sich in der Praxis immer wieder, dass darauf zu wenig Wert gelegt wird. In einer Kinderschutzambulanz, von denen es leider noch viel zu wenige gibt, kann eine gesicherte Dokumentation stattfinden. Dazu gehören Fotos mit Maßangaben ebenso wie genaue Beschreibungen der Verletzungen. Begleiten Sie Ihr Kind bei diesen Untersuchungen, erklären Sie die Maßnahmen und geben Sie den Gefühlen des Kindes Raum. Zeigen Sie Verständnis, Trost und Einfühlungsvermögen. Denn solche Untersuchungen sind für die Kinder äußerst belastend. Aber um einen Täter auch wirklich zur Rechenschaft zu ziehen, ist eine gesicherte Dokumentation von großer Wichtigkeit. Erklären Sie das Ihrem Kind.

Außerdem ist es hilfreich, mit einer Opferschutzorganisation (siehe Adressen unter diesem Artikel) vor Ort Kontakt aufzunehmen. Diese Stellen können beraten und Betroffene an entsprechend geschultes ärztliches Fachpersonal oder andere Stellen verweisen. Außerdem kann man die Adressen von engagierten Anwälten erfragen.

Den Täter anzeigen

Vor dem Gang zur Polizei schrecken viele Eltern zurück. Man möchte es lieber geheim halten, das Kind schützen … Doch wenn ein Täter einmal sexuell übergriffig geworden ist, wird er in der Regel weitermachen. Und meist gibt es bereits andere betroffene Kinder. Deshalb rate ich zur Anzeige. Vertrauen Sie dabei Ihrem Gefühl! Fragen Sie nach geschulten Polizisten oder Polizistinnen und einem kindgerechten Befragungsraum. Bitte verlangen Sie, dass die Vernehmung per Video aufgezeichnet wird. So kann man dem Kind erneute Vernehmungen ersparen.

Bei allem aber bleiben Sie ruhig und handeln Sie besonnen. Das Wichtigste ist: Ihr Kind hat die Situation überstanden und die Übergriffe werden gestoppt! Die Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt löst die widersprüchlichsten Gefühle in einem aus. Ängste, Ohnmacht, Schuld, Versagen. All diese Gefühle helfen aber Ihrem Kind nicht weiter. Für die Eltern und Vertrauenspersonen heißt es jetzt: da sein, aushalten und lieben. Bleiben Sie in engem emotionalen Kontakt mit Ihrem Kind und sprechen Sie mit ihm jeden Schritt ab. Es ist ganz wichtig, dass Ihr Kind die Kontrolle behalten darf. Auch eine Vernehmung kann unterbrochen werden. Man muss nichts zwangsweise durchziehen. Wenn bei der Untersuchung nur ein Arzt da ist, Ihre Tochter aber von einer Ärztin untersucht werden möchte, dann bleiben Sie stark und setzen sich für Ihre Tochter ein. Ein erneuter Tabubruch im Intimbereich muss so gut wie möglich vermieden werden.

Eine tiefe Verletzung

Auch nach dem Offenlegen der Übergriffe können manche Reaktionen im Alltag der Kinder sehr heftig sein und scheinbar aus dem Nichts kommen. Das ist für Außenstehende, aber auch für Eltern und Vertrauenspersonen erst einmal schwer nachzuvollziehen. Aber schon ein Geruch, eine Farbe, eine Melodie oder ein Geschmack kann das Kind „triggern“ und die Erinnerung an den Übergriff wieder wachrufen. Ihr Kind braucht nun enorm viel Verständnis.

Gemeinsam mit Fachpersonen in Beratungsstellen oder psychotherapeutischen Praxen können Sie überlegen, wie Sie Ihr Kind weiterhin schützen und die Erlebnisse verarbeiten können. Für Ihren eigenen Schmerz suchen Sie sich ebenfalls einen Gesprächspartner oder eine Gesprächspartnerin. Ihr Kind ist nicht die geeignete Person dafür.
Sexualisierte Gewalt verursacht tiefe Verletzungen. Doch auch diese können heilen. Haben Sie Mut, werden Sie aktiv und holen Sie sich Unterstützung, um diese Übergriffe zu stoppen!


Der Artikel der Familien-, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin mit eigener Beratungspraxis, Silvera Schmider, wurde zuerst in der Zeitschrift Family veröffentlicht. Family ist ein Produkt des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.  

 

 

Hilfreiche Adressen:

Deutscher Kinderschutzbund
Polizei Deutschland
Opferhilfe Deutschland
Wildwasser e.V.
Zartbitter e.V.
Ankerland e.V. (Trauma-Therapie)
Erziehungsberatungsstellen Deutschland
Opferhilfe Schweiz
Kriminalprävention Schweiz
Beratungsstelle Schweiz
Beratungsstellen Österreich
Nein lass das! e.V. (Verein für Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen)

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Albträume haben Kinder nicht `nur` durch körperlichen Missbrauch jeglicher Art.
    Darüber hinaus gibt es noch die Verführung zum spirituellen Abdriften in Zauberei (Halloween), was zu tief traumatischen Albträume führen kann oder sogar noch weiter in Satanismus ( mit abscheulichen Taten)

  2. Über Missbrauch sprechen ist wichtig

    Über Missbrauch sprechen ist wichtig: Sexualisierte Gewalt hat nichts mit Sexualität zu tun. Aber egal ob es sich um Kinder, Jugendliche oder Erwachsene handelt, auch wenn wir heute über diesen genannten Missstand sprechen, ist dies immer noch sehr mit Scham befrachtet. Gleichwohl sind wir – so darf gehofft werden – als Gesellschaft und Kirche/n auf einem besseren Weg.Wenn jetzt die vielen Missbrauchsfälle ans Licht der Öffentlichkeit kommen, ist es doch naheliegend, dass man in früheren Zeiten diese schlimme Verletzung von Seelen durch Missbrauch und damit Gewalt einfach nicht wahrhaben wollte, honorige Menschen nicht ins Abseits befördern mochte und gewissermaßen im vorauseilenden Gehorsam die Augen vor einer dunklen Realität verschloss. Vermutlich war damals die Dunkelziffer auch des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in den hinter uns liegenden Jahrzehnten um ein mehrfaches höher. Es bleibt ein steiniger Weg, will man dem Missbrauch so weit wie möglich einen Riegel vorschieben. Der kann nur lauten: Über das Thema sprechen, Menschen helfen ihre Traumata in einem geschützten Raum aufzuarbeiten und ihnen auch seitens von uns Christen und unseren Kirchen jedwede Unterstüzung zusagen. Sexueller Missbrauch, auch an den Schwächsten in unserer Gesellschaft, gab es leider zu allen Zeiten und es wäre unehrlich, darin nicht auch ein gesellschaftliches Problem zu sehen. Wir können solche Fehlgriffe und Verbrechen von Menschen an anderen Menschen nicht gänzlich verhindern. Leider sind wir Christinnen und Christen manchmal nicht besser als andere Mitbürger/innen, weil auch wir in uns – wie jede/r – einen Abgrund haben, in den man hineinfallen kann. Vielleicht wäre es sehr sinnvolll, über Sexualität in einer anständigen, sachlichen und unaufgeregten Weise so zu redenn, wie über die wichtigen und unwichtigen anderen Fragen und Bedürfnisse des täglichen Lebens. Ich könnte mir vorstellen, dass aufgeklärte Kinder und Jugendliche – aber auch Erwachsene – nicht so schnell Opfer werden können, wenn sie selbst ein gesundes Verhältnis zu ihrem Körper und ihren Gefühlen haben. Dazu gehört auch das bewusste Neinsagen gegen den Anfang jeden Missbrauchs, nämlich der Übergriffigkeit Erwachsener. Das Neinsagen-lernen stärkt die Persönlich-keit (und man darf es auch trainieren, wenn es um andere Untugenden geht. Etwa um Drogen oder den Alkoholmissbrauch).
    Die Psychologen und Psychoanalytiker müssten uns dann auch bald erklären, wieso im alten Schöpfungshymnus – zugleich einem antiken Glaubensgekenntnis alle Menschen betreffend – auch Adam und Eva beim Verlassenmüssen des Garten Eden ein offensichtliches Erschrecken über ihre Nacktheit zeigen. Dieses Erschrecken könnte – bildhaft verstanden – dann
    vielleicht eine Erkenntnis beinhalten, dass Intimität in jeder Kultur auch eines gewissen Schutzes bedarf. Ein Feigenblatt genügt dabei nicht. Im ürigen halte ich geschützte Intimität nicht für Prüderie, sondern aus dem geannnten Grunde für eine kulturelle Nebenwirkung, die uns aber in unserer Menschenwürde schützen soll. Die allmächtige und sehr gut verdienende Pornoindustrie, die über das weltweite Netz ihren Schmutz und Schund verbreitet, suggeriert manchen Menschen (oft auch unbewusst) man dürfte seinen Mitmenschen einfach wie einen Gegenstand benutzen. Dies könnte neben vielen anderen Faktoren dazu beitragen, dass so viele auch kleine Menschenseelen verletzt werden. Auch seitens der Katholischen Kirche tut man Moral und Ethik einen großen Gefallen, wenn Sexualität aus jenem zweispältigen Ruf befreit wird, an dem auch ein völlig falsches Verständnis der Jungfrauengeburt eine Rolle spielt. Ganz einfach: Sexualität ist weder gut noch schlecht, ein normaler biologischer Vorgang und es gilt sie weder zu verachten noch zu verehren. Von Gott ist sie uns geschenkt als einer von vielen Aspekten der Liebe. Im übrigen hat Jesus nicht deshalb nicht geheiratet, weil er seine Körperlichkeit verachtete, sondern sein Auftrag darin bestand, das Reich Gottes zu verkündigen. Das gilt aber nicht gleichermaßen auch für heutige Religionsdiener. Die haben oft ein langes Berufsleben Zeit, darin auch noch gelingende Partnerschaft unterzubringen.

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