Für Rebekka Sommerhalder gehören Nächstenliebe und faire Mode zusammen. In ihren  „glore fashion stores“ will die gläubige Unternehmerin deshalb nicht Geld scheffeln, sondern gute Werte weitergeben.

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Sind Menschen in Bangladesch weniger meine Nächsten?“, fragt Rebekka Sommerhalder. Wir sind mitten in einem Gespräch über nachhaltige Mode. Die Inhaberin der „glore Fashion stores“ in der Schweiz wählt ihre Worte bedacht, pauschalisieren ist nicht ihr Ding. Lieber geht sie komplexen Dingen auf den Grund und argumentiert ausgewogen. Nur bewusst gleichgültig, das geht ihr gegen den Strich. Solange jemand keine Mode kaufe, habe sie kein Problem, wenn das Thema nicht interessiere. Doch beim Konsum, da haben wir alle Verantwortung, sagt sie mit Nachdruck. Rebekka lebt, was sie sagt, geschäftlich und privat.

Authentisch leben

Angefangen hat bei ihr alles bei einer Jugendveranstaltung: Wenn Nächstenliebe und Glaube ernst genommen werden, dann gehöre auch die Konsumfrage dazu, erwähnte ein Referent in einem Nebensatz. Bei Rebekka blieb diese Aussage hängen und brachte einen Werteprozess ins Rollen. Gemeinsam mit ihrem Mann und engen Freundinnen durchleuchtete die tiefgründige junge Frau ihren Lebensstil: Nach welchen Grundsätzen will ich leben? Wie spiegeln sich Werte wie verantwortungsbewusstes Handeln, Rücksicht, Liebe zum Mitmenschen und Sorgfalt in meinen täglichen Entscheidungen wider? „Ich wünsche mir, dass Leute in meinem Leben sehen, was mir wichtig ist.“

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Früher habe sie selbst exzessiv Fast Fashion gekauft, bis die Entscheidung zu einem bewussteren Konsumverhalten ihren Einkaufskorb radikal verändert hat. In vielen Bereichen des täglichen Bedarfs hat sie ihr Verhalten angepasst, doch die Mode schaffte es, ihrem beruflichen Werdegang eine neue Richtung zu geben. Die Betriebswirtschaftlerin ließ ihren sicheren Job in einer Agentur hinter sich und wagte den Schritt in die Selbstständigkeit.

Verantwortungsvoll – von der Faser bis zum Kleiderschrank

„glore“ steht für globally responsible – umfassend verantwortungsvoll. Die glore-Läden präsentieren umfassend nachhaltige Mode, hergestellt im Einklang mit Mensch und Natur. Die Stücke sind fair gehandelt, ökologisch hergestellt und befriedigen auch das ästhetische Bedürfnis der Kundschaft: Fair trade in schick. Bis eine Marke ins Sortiment kommt, wird sie akribisch analysiert. In schriftlichen und mündlichen Kontakten werden Fragen gestellt, die von der allgemeinen Philosophie bis zu den Details der Produktionsstufen reichen. Warum wird wo produziert? Weshalb wird ein bestimmtes Material eingesetzt? Sie sucht ein möglichst ganzheitliches Bild, die Motivation der Produzenten gehört mit dazu. Schließlich sei auch ein Teil Erfahrung und Bauchgefühl nötig, um abzuschätzen, ob eine Marke passe. Nicht alles ist überprüfbar. Sie ist froh, auf ihr Netzwerk zurückgreifen zu können. Die unabhängigen Geschäftsführenden der glore stores tauschen sich aus und teilen sich die aufwändige Nachforschungsarbeit.

Zertifizierungen sind ein hilfreiches Tool dabei. Ich erfahre, dass es für Textilien unterschiedliche Arten davon gibt: einerseits externe Stellen, die Produkte bewerten, und andererseits Brancheninitiativen. Zu den Externen gehört beispielsweise GOTS (Global Organic Textile Standard), ein Standard, der dank seiner unabhängigen jährlichen Betriebskontrollen über eine hohe Glaubwürdigkeit verfügt. GOTS-zertifizierte Textilien erfüllen ökologische Grenzwerte über die ganze Wertschöpfungskette hinweg. Die Fair Wear Foundation hingegen ist eine Brancheninitiative. Die teilnehmenden Firmen bekennen sich zu einem Kodex im Bereich der Arbeitsbedingungen auf der Konfektionsstufe. Jährlich werden sie von unabhängigen Expertenteams geprüft, Einhaltung und Fortschritt werden bewertet. Nur Firmen, die sich laufend weiterentwickeln, können dabeibleiben.
Je länger wir miteinander sprechen, umso mehr wird mir die Vielschichtigkeit der Fragen rund um die Nachhaltigkeit bewusst. Es gibt keine einfachen Antworten, und ich bin beeindruckt, wie Rebekka gleichermaßen differenziert über Materialien, Prozesse, Chemikalien, ökologische und soziale Herausforderungen spricht. Zum Beispiel das Leder: ein weiterverwertetes Abfallprodukt der Fleischwirtschaft. Nur ist diese alles andere als nachhaltig. Oder die Frage nach den existenzsichernden Löhnen. Wie werden sie festgelegt, wenn die Lebenskosten der Empfänger parallel dazu steigen, weil der Wohnungsvermieter ebenfalls eine Chance auf mehr Einkommen wittert?

Nicht lähmen lassen!

Rebekka Sommerhalder ermutigt, sich von der Komplexität nicht lähmen zu lassen. Entspannt rät sie, da anzufangen, wo das persönliche Interesse am größten ist. Es findet sich viel Informatives im Netz. Dann eigene Entscheidungen überdenken, Verhaltensmuster anpassen und gnädig mit sich selbst sein. Es bleibt ein lebenslanger Prozess.

Der Kundenkontakt ist mit ins ganzheitliche Konzept von „glore“ eingebettet. Es ist dem Team ein Herzensanliegen, Fehlkäufe durch gute Beratung zu vermeiden. Ein gut gewähltes Stück passt zum persönlichen Stil und ergänzt die Garderobe so, dass vielseitige Kombinationen möglich werden. Deswegen wird auch mal von einem vorschnellen Kauf abgeraten – eine Gratwanderung im Geschäftsalltag. Rebekka vertraut darauf, dass sich die ehrliche Art auszahlt und gut beratene Kundschaft wiederkehrt.
Falls dann doch etwas im Kleiderschrank zu verstauben droht, gibt es mit „Second Love“ eine sympathische Lösung: Eine kleine Secondhand-Abteilung bringt Kleider wieder unter die Leute. Und ein Flickservice hilft, die guten Teile möglichst lange tragen zu können.
Die Modeexpertin selbst hat eine kleine, gut ausgewählte Garderobe. Nur Lieblingsstücke im Schrank zu haben, ist ihr erklärtes Ziel.

Christa Göth-Koebel lebt mit ihrer Familie in Buchs (St. Gallen) und upcycelt ihre alten Kleider gerne zu Lieblingsstücken für ihre Töchter.


Dieses Porträt ist zuerst in der Zeitschrift Family (Ausgabe 5/2020) erschienen. Family ist ein Produkt des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört. 

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Bruttosozialglück oder Bruttosozialprodukt

    Wenn Rebekka Sommerhalder im Zusammenhang vom authentischen Leben (einer Christin oder eines Christen) spricht, dann ist das Wort „authentisch“ das eigentliche Zauberwort – unabhängig davon was jede/r im einzelnen tut.

    Dabei sind die Möglichkeiten unseres Engagements praktisch überall gegeben. .Mich stört aber an mir selbst, an anderen Menschen und ein Stückweit an unserer sehr institutionalisierten Christenheit, daß wir eher in Traditionen leben und denken als in Zukunftsgestaltung. Einer meiner Pfarrer in der damaligen Heimatgemeinde sprach in diesem Zusammenhang von der Originalgeschöpflichkeit eines jeden Menschen: Es gibt jeden von uns nur ein einziges Mal. Gewissermaßen wurde diese Originalgeschöpflichkeit jedem Menschen auf diesem Planeten in die Wiege gelegt mit all ihren Pfunden, mit denen es (eigentlich) im Leben zu wuchern gilt. Wir Menschen sind keine Massenware des Himmels, sondern einmalige Kunstwerke.
    Also egal ob es um bei unserer einmaligen Lebenskunst um nachhaltige Mode geht, fairen Handel, um Ökologie, Engagement für Klimaschutz, theologisches Querdenkertum oder das wichtige Bemühen Brückenbauer/in zu sein zwischen anscheinend unüberbrückbaren Standpunkten. Man könnte auch an eine menschenfreundliche Sprache denken, um die Bösartige im Netz zu übertönen. Niemand muss die Welt retten, aber die normale Menschlichkeit unter uns ist dringend.

    Schade ist, daß wir in ein Gesellschaftssystem eingebunden sind (und es uns allen deshalb in den meisten Fällen gut geht), in dem es inflationär zu oft nur um das Kaufen und Verkaufen, um die Gewinnung von immer mehr Besitz und Wohlstand und somit (auch unbewusst um) wirtschaftliches Wachstum geht. Es lohnt nicht viele technische Gerätschaften zu reparieren: Das Wegwerfen und ein Neukauf auch von Bekleidung ist billiger. Dle Coronakrise ist wie ein Vergrößerungsglas unserer Abhängigkeit (auch im guten Sinne) vom Wachstum, wobei schon in den 1970er Jahre fast prophetisch vielfach darauf hingewiesen wurde, daß dies ist wie ein immer mehr aufgeblasener Luftballon, der irgendwann platzt. Wenn wir uns alle coronabedingt einschränken müssen, dann gehen viele Branchen pleite und bevor dies geschieht wird gewarnt, doch nicht zu sparsam zu sein beispielsweise mit Reisen in alle Welt und die Freiheit zu geniesen. Das Virus wird uns vielleicht befür bestrafen, wegen der vielfach empfundene Angst das Leben zu versäumen. Ein wenig sind wir alle wie der reiche Mann, der vor seinen vollen Lagerhäusern steht und meint, kein Unglück könne ihm dies alles einmal wegnehmen. Nichts gegen materiellen Besitz, volle Lagerhäuser und Wohlstand. Aber dies darf nicht unsere wertvolle Seele schädigen.

    Aus gebrauchten Kleidern kann man neue machen, alte Küchengeräte reparieren, Fahrradfahren statt mit dem Auto und das Fliegen unterlassen wegen der Umwelt. Oder weniger Fleisch essen, damit unsere MItgeschöpfe wenigstens noch den blauen Himmel sehen und in der Erde scharren können. Wenn das Eigentum nicht mehr unser Gott ist, dann können imaterielle Werte wieder mehr gelten: Nächstenliebe, Emphatie, mit dem Mitmenschen zwei statt eine Meile zu gehen und mit armen Menschen das Leben zu teilen. Oder auch: Bruttosozialglück zu finden in der Ausgestaltung menschlicher Beziehungen, bei schöner Musik und jedweder Kunst sowie Kultur. Dabei will ich kein Gesellschaftssystem ändern, weil mögliche Alternativen noch viel schlechtere Aussichten machen. Dass alle arm sind ist so ähnlich, als wenn alle reich wären. Beides beinhaltet noch keinen Lebenssinn. Leben ist positiv. Wenn ich sagen kann: „Ich stürze mich ins volle Leben“!
    In weit entfernten Ländern kann man durch große Städte gehen und dabei fremden Menschen begegnen, die anderen Menschen noch in die Augen schauen und dabei nichts verwerfliches denken. Da, wo noch weniger ein Paradies ist wie hier bei uns, aber wo der Mensch wichtiger ist als der Konsum. Schon ein wenig mehr Freundlichkeit und Herzlichkeit würde die Welt mehr verändern als alle bisher gescheiterten Ideologien oder Revolutionen. Niemand darf nur im Keller lachen.

    Als Freundinnen und Freunde des Jesus von Nazareth schwimmen wir zuviel und zu tief im großen Strom des Zeitgeistes. Es geht nicht um das Moralisieren, sondern darum, ein Mensch zu sein und sich selbst und die von Gott geschenkten Gaben zu leben. Also mehr Bruttosozialglück als Bruttosozialprodukt. Dazu darf auch erlaubt sein, bisweilen ein Querdenker zu sein, sich christlich gesehen nicht in die Stereotypen evangelikal oder liberal und politisch in rechts oder links einordnen zu lassen. Je mehr wir alle mit unserer Umwelt verschmelzen, nicht nur optisch sondern auch bildlich, sind wir nicht mehr Salz der Erde und ein Licht der Welt. Wir dürfen alle etwas alternativer sein, nicht nur im äußerlichen Bild, sondern im Inneren unseres Fühlens und Denkens. Dann sind wir – wie Rebekka Sommerhalder auf ihre Weise – eine wirkliche Alternative. Aber das geht als Christ nicht ohne die Bereitschaft, sein Kreuz auf sich zu nehmen. Also auch den Konflikt einzugehen, für die Aufnahme von Flüchtlingen aus Moria und anderen Höllen einzutreten. Die Kunst des Menschseins könnte auch darin bestehen, im Anderen sich selbst zu sehen: Ich könnte er sein – ich könne sie sein – ein Flüchtling – ein Armer – oder sonst jemand in einer schlimmen Lage. Sich in andere einfühlen zu können, macht unser Menschsein aus. Jemand vergeben zu können ist einfacher, wenn wir unsere Fehler in ihr/ihm auch als die eigenen erkennen. Es kochen alle nur mit Wasser.

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