Das Quartier Bethlehem zählt nicht zu den ersten Adressen Berns. Doch genau hier lebt eine christliche Gemeinschaft, die dafür kämpft, dass die Menschen in ihrer Nachbarschaft eine Perspektive haben.

Annabel Breitkreuz, mit Material von Regula Aeppli-Fankhauser

„Das ist etwas, was wir nie so geplant haben“, erzählt Jakob Stalder und meint damit die sogenannten Haus- und Quartiersgemeinschaften in Bern. Als er Anfang der 2000er Jahre mit seiner Familie, nach einer langen Zeit im Ausland, zurück in die Schweiz kam, begannen sie eine sozial-diakonische Arbeit des Evangelischen Gemeinschaftswerkes. Dafür zogen sie in einen Hausblock im Quartier Bern-Bethlehem, suchten Kontakt zu den mehrheitlich ausländischen Nachbarn und boten ihnen kostenlose Deutschkurse an.

Was sie damals nicht ahnten: Diese Art von Nachbarschaftshilfe hatte eine enorme Anziehungskraft auf andere Christen. Weil die Kurse gut besucht waren, griffen ihnen weitere Christen unter die Arme und zogen zu ihnen ins Haus. Innerhalb kürzester Zeit kamen immer mehr junge Erwachsene dazu. Noch heute schaut Jakob Stalder erstaunt auf diese überraschende Entwicklung zurück: „Ein gemeinschaftliches Wohnen im Block war nie unser Ziel. Es gab kein Konzept dafür, sondern es ist einfach dynamisch gewachsen.“ Heute, 15 Jahre später, gibt es bereits drei weitere Quartiersgemeinschaften in Bern. 70 bis 80 Leute besuchen regelmäßig die Gratis-Deutschkurse. Sogar ein Kurs in Schweizerdeutsch wird angeboten. Das ehrenamtliche Engagement ist mittlerweile noch sehr viel breiter angelegt. So gibt es aktuell offene Frauen- und Spielabende, eine „Bibel- O-Thek“, Trampolinstunden, öffentliche Kinderbetreuungen (geführt von Fachpersonen) und vieles mehr. Bei der Aktion Gratishilfe gehen die Christen von Tür zu Tür und fragen, wer Hilfe braucht. Sie putzen Fenster, entrümpeln Keller oder Helfen beim Bezahlen von Rechnungen. „Manche Bewohner haben sich entschieden, nur 60 oder 80 Prozent auswärts zu arbeiten, um sich mehr in das ehrenamtliche Engagement fürs Quartier hineingeben zu können“, erzählt Stadler.

Die Gemeinde im eigenen Haus

Die Idee ist in allen vier Häusern die gleiche: Neben den normalen, in sich abgeschlossenen Wohnungen gibt es auch Gemeinschaftsräume, die von allen genutzt werden. Hier wird regelmäßig zusammen gekocht und man verabredet sich spontan zu Spieleabenden. „Sonntags gibt’s in der Looslistrasse sogar immer Brunch“, erzählt Jakob Stalder begeistert, der mittlerweile gemeinsam mit seiner Frau in einer der neu gegründeten Wohngemeinschaften wohnt. „Natürlich ist das gemeinsame Essen nicht verpflichtend“, ergänzt er. Das gemeinschaftliche Leben äußert sich bei kleinen Dingen im Alltag, wenn beispielsweise ein Bügelbrett im ganzen Haus geteilt wird – und geht bis hin zum gemeinsamen Glaubensleben.

„Bei uns ist immer etwas los, und es ist oft auch laut.“

In jeder Quartiersgemeinschaft gibt es deshalb auch eine Hausgemeinde, zu der nicht nur Hausbewohner, sondern auch Menschen aus der Nachbarschaft eingeladen sind. „Dadurch, dass wir Materielles und Geistliches teilen, entsteht eine Kraft, die mich total fasziniert“, erzählt Stalder. Mit gebündelter Kraft investieren sie sich in die Nöte ihrer Nachbarschaft. Sie wollen einen Unterschied im Quartier machen und damit ein Zeugnis für Jesus Christus sein. „Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass Jesus uns dort einsetzen möchte, wo wir die meiste Zeit verbringen, nämlich dort, wo wir wohnen“, bringt es Jakob Stalder auf den Punkt. Seine Frau Maja meint: „Wir pflegen eine sogenannte Kultur der Ehre. Gemeint ist, dass ich davon ausgehe, dass es der andere grundsätzlich gut mit mir meint. Ich entscheide mich immer wieder neu, dass ich den anderen ehren will. Das bildet einen guten Boden für das Zusammenleben.“

Gemeinschaft ist ein langer Prozess

Engagement, Gemeinde und Wohnen: In den christlichen Quartiersgemeinschaften in Bern findet alles unter einem Dach statt. Jakob Stalder kennt die Herausforderungen, die damit verbunden sind: „Die meisten von uns kannten sich vorher nicht, und wir kommen alle aus unterschiedlichen Hintergründen. Natürlich ist dann die Gemeinschaft herzustellen ein langer Prozess.“ Neben Zeit und Geduld braucht es seiner Meinung nach vor allem eins: „Das Gebet steht an erster Stelle. Das ist die notwendige Vorarbeit. Und es ist wichtig, immer das Gespräch zu suchen und sich in Liebe zu begegnen.“

Jakob Stalder gehört mit Abstand zu den Ältesten in seiner Hausgemeinschaft. „Der jüngste Mitbewohner ist gerade einmal einen Monat alt“, meint er. „Meine Frau und ich sind schon immer mit jungen Menschen unterwegs gewesen, deshalb macht uns das nichts. Momentan teilen wir uns sogar das Badezimmer mit einem jungen Paar, aber auch das ist kein Problem.“ Die Mehrheit der Bewohner in den Haus- und Quartiersgemeinschaften in Bern sind junge Erwachsene. „Die haben sich wohl am meisten von der Vision angezogen gefühlt“, überlegt Stalder laut. „Bei uns ist immer etwas los, und es ist oft auch laut, ein offenes Haus eben.“ Auf die Frage, ob es ihm da nicht auch mal zu viel wird, lacht er und erklärt seine Strategie: „Wir haben uns eine Almhütte, eine Stunde entfernt von Bern, gemietet. Dort flüchten wir regelmäßig hin.“ Sich auch mal abzugrenzen, gehört für das Ehepaar Stalder dazu.

Großzügigkeit statt Neid und Hass

„Man muss wirklich nur wenig geben, damit Großes entsteht“, erklärt Jakob Stalder abschließend. Genau das hat Tim Schär, ein ehemaliger Klassenkamerad von Stalders Sohn, erlebt. Lange Zeit ging dieser nämlich nach der Schule zum Essen mit zu Familie Stalder. „Dadurch habe ich die Leute, die in diesem speziellen Haus wohnten, immer besser kennengelernt und erkannt, dass mit diesen Leuten etwas Grundlegendes anders war als mit anderen Leuten. Anstelle von Neid, Angst, Egoismus oder Hass habe ich dort Großzügigkeit, Ermutigung und Liebe erfahren. Hat es doch etwas auf sich mit diesem christlichen Glauben und dessen Gott?“, fragte sich Tim Schär. Die vorgelebte Hausgemeinschaft brachte den jungen Mann schließlich zum Glauben an Jesus Christus.

Jakob Stalder schaut aus dem Fenster seiner Hausgemeinschaft. Dort springen Kinder aus dem Quartier Trampolin. Für Jakob Stalder ist dieser Ort kein Arbeitsplatz. Er geht nicht irgendwann nach Hause, macht die Tür hinter sich zu, um allein zu sein. Für Jakob Stalder ist es das Leben.


Dieser Artikel ist bereits im Hauskreis-Magazin erscheinen, das wie jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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