Wie der Heilige Geist an unsere Seele zupft

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Eine blonde Frau steht auf einer Wiese
Foto: Unsplash / Priscilla du Preez
Wenn uns nicht mal allen die gleiche Jeans passt – warum sollten wir dann Gott genau gleich erleben? Wie gut, dass uns der Heilige Geist verschiedene Wege schenkt, Gott zu begegnen.
Von Veronika Smoor
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Ich hasse Jeanskauf. Ich hasste ihn vor vielen Jahren, als ich noch schlanker war. Und ich hasse ihn heute genauso. Die Hosenbeine sind immer zu lang oder zu kurz. Hüfte passt, aber Taille steht ab. Und wo ist die Jeans, die den perfekten Hintern zaubert? Muss die noch erfunden werden? Wir können zum Mond fliegen, aber keine hinternverkleinernde Jeans designen?

Gott erschafft den Menschen nicht mit einer Einheitsschablone. Alle haben wir eine unterschiedliche Statur. Alle haben wir unterschiedliche Persönlichkeiten. So wie es unmöglich ist, dass wir alle in die gleiche Jeansgröße passen, so ist es auch unmöglich, dass wir alle auf die gleiche Art und Weise Gott nahe kommen.

Deinen eigenen Zugangsweg zu Gott zu finden ist ein bisschen wie Jeans-Shopping. Du musst einige Läden abklappern, viele Jeans anprobieren, Frust aushalten und dein Durchhalten wird am Ende mit einer Jeans belohnt, die dir (hoffentlich) passt. Lasse dich auf neue Wege ein, auch wenn du sie vielleicht belächelst oder mit kritischer Distanz betrachtest. Ich dachte auch eine Weile, Boyfriend-Jeans wären absolut nichts für mich. Und jetzt ziehe ich sie gar nicht mehr aus …

Ihr Ein- und Ausatmen

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Ich bin in einem christlichen Elternhaus großgeworden. Auf dem Frühstückstisch lagen neben der Kaffeekanne immer eine Bibel und ein Losungsbüchlein. Für meine Eltern war und ist der Start in den Tag mit einem Wort aus der Bibel und einem Gebet ihr Ein- und Ausatmen.

Wir gehörten einem überkonfessionellen Netzwerk von Christen an. Hauskreise und Seminare waren Grundpfeiler unseres spirituellen Lebens, sowie auch die sogenannte Stille Zeit, regelmäßige Seelsorge und Zweierschaft. Wir lebten in unserer eigenen kleinen Subkultur, in der ich mich aufgehoben fühlte und dachte, der Rest der Welt würde auch so ticken.

Mit zehn bekam ich meine eigene Bibel geschenkt. Auf einer Sommerfreizeit lernte ich die Bedienungsanleitung dazu: die klassische Stille Zeit. Erstmal beten, dann lesen, dann viele, möglichst erkenntnisreiche Gedanken aufschreiben, nochmal beten und fertig.

Auf all diese Pfeiler stützte sich mein Glaube. Und ich war überzeugt, dass das Leben mit Gott nur gelingen kann, wenn man all diese Dinge befolgt. So, wie man ein Zelt nur mit der richtigen Anzahl von Heringen aufstellen kann. Hering Nr. 1: Stille Zeit. Hering Nr. 2: Gottesdienst. Hering Nr. 3: Dienst. Hering Nr. 4: Buße usw. Würde das Zelt wegfliegen, wenn ich einen Hering wegließe?

Ich war tapfer bemüht, alle Heringe im Boden zu halten. Aber warum hatte ich dann das Gefühl, dass sich meine Seele verbog? Dass mir einiges gar nicht passte? Eine Jeans in Einheitsgröße passt vielleicht einigen Wenigen, aber sie vermittelt dem Rest ein Gefühl von Versagen, weil sie sich bei ihrer Diät oder beim Sport nicht genug angestrengt haben. Das Resultat meiner geistlichen Bemühungen war ein permanent schlechtes Gewissen und die Ahnung, dass ich es nie schaffen würde. Irgendwann schmiss ich alle Heringe hin, packte mein Zelt zusammen und ging. Ich merkte, dass ich auch ohne ganz prima zurechtkam. Das ist noch untertrieben. Ich fühlte mich fantastisch! Befreit. Endlich musste ich nicht mehr all diesen dogmatischen Ballast mit mir rumtragen.

Mehr Raum in der Enge

Aber ich hatte das Bad mit dem Kind ausgeschüttet. Ich wollte Gott eigentlich behalten. Verweigerte aber jeden der mir antrainierten Wege, um ihm nahe zu kommen. Die fühlten sich alle wie eine Jeans in Größe 36 an, obwohl ich doch Größe 42 trage. Ich brauchte mehr Raum in der Enge. Also ließ ich die Heringe jahrelang weggepackt. Etwas pochte in mir weiter und weiter. Eine Sehnsucht. Ich suchte nach Gott in Büchern, in Beziehungen, in Taizé, in den Wüsten Nordamerikas, in Liedern, in der Wildnis Tasmaniens, in buddhistischen Tempeln, zwischen Bettlaken und auf Gemälden. Ich erhaschte hier und dort eine Ahnung, transzendente Erfahrungen. Bis ich ihn irgendwann wiederfand. In einem deutschen Wohnzimmer. Ich blieb rebellisch, hinterfragte christliche Praktiken und schmiss mich gleichzeitig hinein. Ich studierte die Bibel, pflückte Worte auseinander. Ließ mich von Liedern emotional mitreißen. Diskutierte bis in die Nacht mit anderen Christen. Betete mit Worten, Pinsel und Farbe, Fotoapparat, Stift und Papier. Begegnete Jesus im Traum und im Wald.

Dann traten Kinder in mein Leben. Ich hatte Sterne in meinen Augen und Müdigkeit in den Gliedern. Es war keine Zeit mehr für Bibelstudium. Hauskreisabende überlebte ich mit viel Willenskraft und kollabierte danach direkt auf dem Sofa. Musik überreizte mich. Gottesdienstbesuche wurden seltener, ich verbrachte sie sowieso nur in Eltern-Kind-Räumen. Alle „Heringe“ waren wieder einmal fort. Und doch war in mir etwas gereift und gefestigt, das mir half, mich auf neue innere Wege zu begeben.

Gute Worte

Ich brauchte gute Worte. Also hängte ich mir Worte aus dem Psalm 23 in die Küche. Sie wurden zu meinem „Altar“. Ich traf mich einmal im Monat mit einer Freundin, um mit ihr gemeinsam zu reden und zu beten. In unserer Gemeinschaft spürte ich einen zugewandten Gott. Jeden Tag, pünktlich um drei Uhr nachmittags, packte ich meine kleine Tochter in den Kinderwagen und ging ein bis zwei Stunden mit ihr durch die Natur. Wir waren aufs Land gezogen und unsere Wege führten durch Wälder, an Bächen und Wiesen vorüber. Hier traf ich die heilende Ruhe Gottes. Ich fand Gott in der Gemeinschaft am Tisch. In Büchern, Gedichten und Podcasts.

Heute hat mein Morgen tatsächlich mit der klassischen Stillen Zeit begonnen. Wie bei meinen Eltern lagen neben meinem Kaffee Losung und Bibel (ich lese sie am liebsten in der englischen Übersetzung „The Message“ von Eugene Peterson). In letzter Zeit ist das Bibellesen wieder zu einem Weg geworden, auf dem ich Gott begegnen kann. Nicht, weil mich jemand da hineinzwängt, sondern weil ich Hunger nach nährenden Worten verspüre. Das ist der Heilige Geist, der an meiner Seele zupft: Gott möchte eine Beziehung mit mir.

Ganz unterschiedliche Wege

Ich glaube, dass der Heilige Geist an uns allen zupft und uns ganz unterschiedliche Wege schenkt, Gott zu begegnen. Unser Hauskreis umfasst zwölf Personen, jede mit ihrem eigenen Zugangsweg: Bibelstudium, Anbetung, Fürsorge für andere, Traditionen, Taufe, Rituale, Fasten, Seelsorge, Radfahren, tiefe Gespräche, Podcasts, Gemeinschaft, Alleinsein, Seminare, Kunst, Musik, Bergsteigen.

Viele Jahre gehen wir schon zusammen als eine Gemeinschaft. Und dabei haben wir gelernt, die Zugangswege des anderen stehen zu lassen. Denn Gott hat meinen Nebensitzer geschaffen mit einer Seele, die ihm anders begegnet als ich.

Unsere Zugangswege gestalten sich von Lebensphase zu Lebensphase neu. Alte Wege werden verschüttet. Neue tun sich auf. Und dann dürfen wir unser geistliches Leben darauf ausrichten.

Allerdings glaube ich nicht, dass die vielen Zugangswege ein Allheilmittel sind, denn es gibt tatsächlich Wüsten, die wir durchschreiten. Zeiten, in denen Gott sich in unnahbares Schweigen hüllt. Lebensphasen, in denen wir meinen, Gott und unseren Glauben zu verlieren. Da kann es passieren, dass wir auf keinem Weg mehr zu Gott finden und warten müssen, bis er uns findet.

Deine Reise mit Gott darf sich immer wieder neu gestalten. Finde heraus, wer du bist und was deiner Seele gut tut. Probiere Zugangswege aus, die neu für dich sind. Lass dich von Gott überraschen, der dich so wunderbar einzigartig geschaffen hat mit einer Persönlichkeit, die ihre eigene Art hat, Ihm nahe zu kommen. Einige Zugangswege möchte ich vorstellen. Das ist allerdings nur eine kleine Auswahl. Wer das Thema vertiefen möchte, wird in weiterführender Literatur fündig.

Natur
Wo sonst, als unter freiem Himmel, ist die Handschrift Gottes sichtbarer? Wald, Felder, Küsten, Wiesen, Gärten, Regen, Stürme, Wüsten – sie transportieren alle reichhaltige Bilder. Mache einen Spaziergang mit Gott. Plaudere, schweige, höre, sehe.

Worte
Worte haben mehr Macht als alles andere. Sie können heilen und zerstören, herausfordern und trösten. Du kannst Gott zwischen den Zeilen eines Buches begegnen. In einem Gedicht. In den Texten alter Kirchenliedern und vorgefasster Gebeten. In dem Rhythmus schöner Liturgien. Lies die Bibel in einer anderen Sprache, die dir geläufig ist. Lies Bücher über die Wüstenväter und von großen Denkern. Begegne Gott in Biografien, Romanen, Blogs, Märchen, Sachbücher und beim Bible Journaling.

Exerzitien
Exerzitien sind geistliche Übungen, die Elemente wie Fasten, Lectio Divina, das Jesusgebet, Meditation und Schweigen beinhalten. Diese Übungen finden normalerweise außerhalb des Alltags statt und dienen zu einer intensiven Zeit mit Gott. Viele Klöster bieten Exerzitien an. Es gibt z.B. Pilger-, Fasten-, Wüsten-, Kurzexerzitien (u.v.m.).

Symbole
Symbole sind greifbare Zugänge zu Gott, die vom Sicht- und Hörbaren auf das Geheimnisvolle, Unfassbare hinweisen. Sie können in uns einen Raum aufschließen, besonders in Zeiten, wenn uns Worte, Gebete, der Glaube an sich schwer fällt. Symbole sind: Kirchenglocken, Ikonen, Kerzen, Wasser, das keltische Kreuz, Feuer, Düfte, etc.

Rituale und Traditionen
Sie sind eng verknüpft mit Symbolen und auch hier gilt: Rituale geben Halt und einen Rahmen. Angefangen bei den christlichen Feiertagen über Fastenzeit, Erntedank bis hin zu Handauflegen, Fußwaschung, Abendmahl, das Vaterunser, Segnen.

Dienen
Anderen Gutes tun hat die Wirkung, dass wir von uns selbst wegschauen und durchlässig für den Heiligen Geist werden. Dienen ist eine Haltung, um die du beten kannst, kein Appell. Fange im Kleinen an. Gib etwas weiter von deiner Zeit, deinem Geld, deiner Hilfe, deinen guten Worten.

Stille
Nimm dir Zeiten der Stille. Fünf Minuten am Morgen. Oder abends vor dem Schlafengehen. Einen halben Tag. Fliehe nicht vor unangenehmen Gefühlen, die aufsteigen können. Lass Gott reden. Durch dein Fühlen. Deinen Atem. Deine Gedanken.

Gemeinschaft
Mein Gegenüber ist gottähnlich. Nach Seinem Ebenbild geschaffen. In ihm können wir Gott begegnen. Wir brauchen den anderen, Gemeinschaften, Nachbarschaften.

Musik
Musik kann Emotionen wecken, unser Innerstes anrühren. Ganz oft transportieren Melodien und Texte etwas Göttliches. Schon seit frühesten Zeiten ist Musik deshalb ein zentraler Schlüssel bei religiösen Feiern und Gottesdiensten.

Lehre
Für den Kopfmenschen ist Lehre oft Zugangsweg Nummer eins. Für sie sind gefühlsgeladene Zugangswege und hinkende Predigten wie ein schmutziger Film auf ihrer Brille. Sie müssen klar sehen können, um Gott nahe zu kommen. Dabei können Studienbibeln, apologetische Literatur, Podcasts, theologische Kurzseminare, etc. helfen.

Weiterführende Literatur:
Gary L. Thomas: „Neun Wege Gott zu lieben – Die wunderbare Vielfalt des geistlichen Lebens“
Sharon Garlough Brown: „Unterwegs mit dir – vier Frauen auf einer Glaubensreise“
Jörg Ahlbrecht: „Dem Leben Flügel geben – die Kraft von geistlichen Übungen im Alltag
Richard Foster: „Nachfolge feiern – geistliche Übungen neu entdeckt“
Richard Rohr, Andreas Ebert: „Das Enneagram – die 9 Gesichter der Seele“

Veronika Smoor lebt in Obersulm ist zweifache Mutter, Autorin und Hausfrau aus Überzeugung. Über ihren Mütter-Alltag schreibt sie in ihrem Blog: www.veronika-smoor.com


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift JOYCE erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.