Über 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind auf Lebensmittelspenden der Tafeln angewiesen. Die Mieten in Großstädten wie München oder Düsseldorf? Teils unbezahlbar. Wie sind eigentlich die frühen Christen mit der Spannung zwischen Arm und Reich umgegangen? Eine historische Betrachtung von Ulich Wendel.

Noch wenige Minuten, dann wird der Gottesdienst beginnen. Die Christen nehmen langsam ihre Plätze ein. Da geht die Tür auf, ein weiterer Besucher kommt herein. Sofort richtet sich alle Aufmerksamkeit auf ihn. Er wird begrüßt, und in den ersten Reihen stehen ein paar der Gläubigen auf, um ihm ihren Platz anzubieten. Der Besucher schreitet nach vorn. An seiner Kleidung ist er als reicher Mann erkennbar. Goldkettchen blinken von Hals und Handgelenken.

Dass gleich hinter ihm noch ein weiterer Gottesdienstbesucher in den Raum gehuscht ist, hat kaum einer mitbekommen. Jemand zieht ihn am Ärmel – fast reißt dabei der Stoff ab, so abgetragen ist sein schäbiges Gewand. Man schiebt diesen Gast in die letzte Reihe. Ein Stuhl ist nicht mehr frei, und so sagt man ihm, er solle sich auf den Boden setzen.

Diese Szene beschreibt der Jakobusbrief (2,2-4) – und er prangert mit scharfen Worten an, dass die Christen Unterschiede zwischen Armen und Reichen machen. Von den Schriften des Neuen Testaments ist der Jakobusbrief vielleicht die radikalste, was das Thema soziale Gerechtigkeit angeht. Mehrfach kommt er auf das Gefälle von wohlhabenden und armen Christen zu sprechen. Es ist ein Bild ohne viele Grautöne, fast nur in Schwarzweiß, das der Brief zeichnet: Die Reichen verwickeln die Armen in Prozesse vor Gericht. Sehr selbstbewusst machen sie Pläne für Geschäftsreisen, um Gewinne zu erzielen. Mit der Auszahlung von Lohn nehmen sie es allerdings nicht so genau, sodass die Landarbeiter auf ihr Geld warten müssen. Doch Gottes Gericht ist diesen Reichen sicher. Die Armen dagegen sind die Erben des Reiches Gottes. Sie werden übervorteilt, aber Gott hört ihre Klage. Im Glauben sind die Armen reich – jetzt schon.

Die Schere klafft

Können wir aus diesen Angaben des Jakobusbriefes einen zutreffenden Eindruck von den damaligen Verhältnissen gewinnen? Ist der Brief ein Spiegel der Zustände? Einerseits – nein, so direkt nicht. Es handelt sich um ein Rundschreiben an Gemeinden in einem großen geografischen Umkreis (Jakobus 1,1). Der Verfasser hat also keine konkreten Situationen vor Ort im Blick, er schreibt so, dass es auf möglichst viele Gemeinden passt. Doch andererseits – ganz aus der Luft gegriffen ist seine Beschreibung natürlich nicht. Dazu kennt er manche Einzelheiten zu gut. Er weiß zum Beispiel, dass es unter den Christen, an die er schreibt, reiche Händler gibt, die ihr Geld auf Reisen machen, und Großgrundbesitzer, die ihr Land bewirtschaften. Er kennt die luxuriöse Garderobe der Reichen und auch die Abhängigkeit der Tagelöhner, für die es lebensbedrohlich sein kann, ihren täglichen Lohn nicht zu bekommen. Aufs Ganze gesehen werden wir also davon ausgehen können, dass die Schere zwischen Arm und Reich in der frühen Christenheit tatsächlich auseinanderklaffte, wenn auch nicht an jedem einzelnen Ort mit all den Einzelheiten, die wir bei Jakobus lesen.

„Wie lässt sich verhindern, dass sozialer Sprengstoff die Gemeinden spaltet?“

Botschaft an die Reichen

Wie kann da Gerechtigkeit entstehen? Wie lässt sich verhindern, dass sozialer Sprengstoff die Gemeinden spaltet? Antworten auf diese Frage lesen wir bei vielen Autoren des Neuen Testaments. Jesus sagte einmal ganz zugespitzt: „Verkauft, was ihr habt, und gebt es den Bedürftigen“ (Lukas 12,33). Es ist kein Zufall, dass gerade Lukas diesen Satz überliefert. Er gibt in seinem Evangelium und in der Apostelgeschichte der Armen-Frage besonders viel Raum. Lukas erzählt „das Evangelium für die Armen in einer Weise, dass es die Reichen betrifft“, meint der Bibelausleger Heinz Joachim Held. Paulus setzt sich in seinen Briefen an etlichen Stellen für einen Ausgleich ein: zwischen Arm und Reich bei der christlichen Mahlfeier und auch zwischen den begüterten Gemeinden Griechenlands und der verarmten Jerusalemer Gemeinde. Er betreibt kein Reichen-Bashing, sondern gibt zu, dass Wohlhabende ihren Besitz genießen können. Gleichzeitig aber sollen sie vor allem reich an guten Taten sein, und das heißt: Bedürftige großzügig unterstützen (1. Timotheus 6,17-19). Wenn wir über die Zeit des Neuen Testaments hinausblicken, dann ist die Spannung in den Gemeinden nicht geringer geworden. Wir finden verschiedene Lösungsansätze. Dabei geht es um praktisches Tun – aber auch um eine veränderte Sichtweise.

Suppenküche für Arme
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Die Ulme und der Weinstock

Das Letztere, eine veränderte Perspektive, ist das Anliegen der altkirchlichen Schrift mit dem Namen „Hirt des Hermas“. Sie stammt aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. und enthält das Gleichnis von der Ulme und vom Weinstock. Die Ulme ist ein großer Baum, der aber unfruchtbar ist – zumindest nach Meinung des Verfassers des „Hirten“; in der antiken Botanik findet man diese Einschätzung ebenfalls. Der Weinstock dagegen trägt Früchte, wächst aber nicht sehr hoch. Die Ulme, so das Gleichnis, steht für die Reichen, der Weinstock für die Armen.

„Wenn sich der Weinstock nicht an der Ulme emporrankt, kann er keine Frucht bringen, weil er zu sehr am Boden kriecht, und wenn er Frucht trägt, so verfault sie, weil sich der Weinstock nicht an der Ulme emporwindet. Wenn aber der Weinstock an der Ulme emporwächst, dann trägt er von sich selbst aus Frucht – und zugleich wegen der Ulme. Du siehst also, dass die Ulme viel Frucht hervorbringt, und zwar nicht weniger als der Weinstock, sondern eher noch mehr.“

„Der Reiche hat zwar ein großes Vermögen, aber dem Herrn gegenüber ist er ein Bettler.“

Die Anwendung des Gleichnisses: „Der Reiche hat zwar ein großes Vermögen, aber dem Herrn gegenüber ist er ein Bettler. Er gibt sich zu viel mit seinem Reichtum ab, und allzu kurz verrichtet er sein Bekenntnis und sein Gebet zu dem Herrn. Und wenn er es verrichtet, so ist es kurz, schwächlich und ohne Kraft nach oben. Doch der Reiche kann zu dem Armen gehen und ihm das Mangelnde geben. Wenn er dabei glaubt, dass das, was er dem Armen tut, seinen Lohn bei Gott finden wird (weil nämlich der Arme reich ist durch sein Gebet und sein Bekenntnis und weil sein Gebet gar viel vermag bei Gott), so gewährt also der Reiche dem Armen alles ohne Bedenken. Der Arme aber, dem von dem Reichen aufgeholfen wurde, betet für ihn, indem er Gott dankt wegen seines Wohltäters. Durch die Mitwirkung beider wird das Ziel erreicht: Der Arme verrichtet sein Gebet, in dem er reich ist und das ihm Gott verliehen hat; dies gibt er als Entgelt dem Herrn, der ihm geholfen hat. Und der Reiche gibt gleicherweise den Reichtum, den er vom Herrn empfangen hat, ohne Bedenken dem Armen. Dieses Werk ist groß und angenehm vor Gott, weil er in richtiger Beurteilung seines Reichtums die Gaben Gottes für die Armen verwendete und so seine Aufgabe richtig erfüllte.

Bei den Menschen herrscht die Meinung, dass die Ulme keine Frucht trage; sie wissen und verstehen nicht, dass zur Zeit der Dürre die Ulme mit ihrer Feuchtigkeit den Weinstock tränkt und dass dieser, stets mit Feuchtigkeit versorgt, doppelte Frucht bringt: sowohl für sich als auch für die Ulme. So vermehren auch die Armen durch ihr Gebet für die Reichen zum Herrn deren Reichtum, und umgekehrt sorgen die Reichen, wenn sie den Armen das Notwendigste geben, für ihre Seelen.“

„Dass es Arme und Reiche gibt, wird zunächst grundsätzlich akzeptiert, und niemand muss sich dafür schämen“

Keiner muss sich schämen

Man kann an das Gleichnis und seine Deutung durchaus Rückfragen stellen: Wieso sollen Arme geistlich besser dastehen als Reiche? Beten Reiche etwa automatisch zu wenig, nur weil sie reich sind? Doch andererseits hat dieses Gleichnis ein großes Potential für das Miteinander in der Gemeinde. Dass es Arme und Reiche gibt, wird zunächst grundsätzlich akzeptiert, und niemand muss sich dafür schämen, dass er zur einen oder zur anderen Gruppe gehört. Beide sind einander zugeordnet, beide können gerade in ihrer Unterschiedlichkeit konstruktiv miteinander umgehen. Klar, das funktioniert nur, wenn die Reichen etwas abgeben, wenn sie also etwas ärmer und die Armen etwas reicher werden. Aber die Armen sind dabei nicht bloße Almosenempfänger, sondern haben die Würde, etwas Eigenes – das so nur sie haben – beitragen zu können. So gesehen ist das Gleichnis ein faszinierender Versuch, Gerechtigkeit zu fördern und dabei das Miteinander zu stärken anstatt Arm und Reich zu spalten.

Die Alte Kirche hat aber nicht nur daran gearbeitet, die Sichtweise – die „Mentalität“ – zu ändern. Sie hat auch eine Fülle von Tätigkeitsfeldern entdeckt, auf denen Hilfe ganz praktisch wurde.

Sklaven werden freigekauft

Eins davon war der Freikauf von Gefangenen. Es gab mehrere Möglichkeiten, dass jemand in Sklaverei geraten konnte. Entweder er war verschuldet und musste sich selbst als Sklaven verkaufen. Oder er wurde von Banden überfallen und landete auf dem Sklavenmarkt. Sicherlich gab es auch viele, die in die Sklaverei hineingeboren wurden. Schon um die Wende zum 2. Jahrhundert n. Chr. schrieb der Kirchenlehrer Clemens: „Wir wissen von vielen bei uns, die sich selbst in Ketten überliefert haben, um andere zu erlösen. Viele haben sich selbst in Sklaverei gegeben, und mit ihrem Kaufpreis haben sie andere gespeist.“ Hier ist also nicht nur Freikauf, sondern auch Armenfürsorge im Blick. Auch Jahrzehnte später gab es entsprechende Bemühungen. Der römische Bischof Victor I. (189–198) erstellte Namenslisten von allen Christen, die in den Bergwerken Sardiniens Zwangsarbeit verrichteten, und es gelang ihm, sie freizubekommen.

Im 3. Jahrhundert organisierte Bischof Cyprian von Karthago eine Kollekte, um christliche Sklaven in Nordafrika freizukaufen. Eine Kirchenord
nung nung in Syrien schrieb den Freikauf von Sklaven und Kriegsgefangenen sogar in einer Anweisung fest. Bereits um 110/120 n. Chr. schrieb Bischof Ignatius von Antiochien: „Sklaven und Sklavinnen […] sollen nicht darauf brennen, auf Gemeindekosten frei zu werden, damit sie nicht als Sklaven der Begierde erfunden werden.“ Wenn so eine Mahnung nötig wurde, war die Praxis des Freikaufs damals also offenbar schon fest etabliert.

Ein Grundsatz – viele Anwendungen

Sklavenfreikauf ist nur ein prägnantes Beispiel von vielen Möglichkeiten, wie die Alte Kirche sich mit gespendetem Geld für Arme einsetzte. Darüber hinaus versorgte und pflegte man Kranke, baute später Hospitäler, beherbergte Obdachlose und verhalf Armen – sogar Unbekannten – zu einem würdigen Begräbnis. Die soziale Fürsorge der Christen war so stark ausgeprägt, dass man sie im Römischen Reich – fast widerwillig staunend – registrierte. Kaiser Julian II. sagte, als das Christentum bereits Staatsreligion war, er selbst sich aber gegen den Glauben gewandt hatte: „Die gottlosen Galiläer ernähren außer ihren Armen auch die unsrigen, die unseren aber entbehren unserer eigenen Hilfe.“ Die Grundlage für all dies war zweifellos die Botschaft von Jesus und sein eigenes Vorbild der Hingabe. Aber auch Paulus hat die Lösung des Problems von Arm und Reich auf eine prägnante Formel gebracht. Sie kann auch heute noch wegweisend sein: „Jetzt gilt: Euer Überfluss diene ihrem Mangel. So kann einmal auch ihr Überfluss eurem Mangel dienen, damit ein Ausgleich entsteht“ (2. Korinther 8,14).

Dr. Ulrich Wendel ist Chefredakteur von Faszination Bibel.


Faszination Bibel Zwischen Arm und ReichDieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Faszination Bibel erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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