Wir leben in einer Zeit, in der ständig alles verbessert und verschnellert werden muss. Doch wir Christen dürfen uns entschleunigen, findet Kirchenleiter Reto Pelli.
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Von Reto Pelli

Mein Bekenntnis gleich zu Anfang: Ich liebe Tempo. Es muss in der dritten Klasse gewesen sein. Ein Schlittenrennen auf der steilsten, vereisten Dorfgasse war angesagt. Akribisch präparierte ich meinen alten Schlitten für dieses Rennen. Die Kufen schliff ich von Hand ab, kein Rost sollte mich am Sieg hindern. Mein Schlitten sollte für das große Rennen bereit sein. Seite an Seite stand ich mit meinen Schulkameraden an der Startlinie. Wer würde das Schlittenrennen gewinnen? Wer würde der lokale Schlittenheld werden? Dann der Startschuss. Kopf voran warf ich mich bäuchlings auf meinen roten Holzschlitten. Kopf an Kopf raste ich neben meinen Kameraden auf der vereisten Fläche dem Ziel zu. Langsam aber sicher setzte ich mich von der Konkurrenz ab. Jetzt musste ich nur konzentriert bleiben und mit festem Griff den Schlitten ins Ziel steuern. Sieg! Ich erreichte tatsächlich als Erster das Ziel. Was für ein Gefühl! Ich war schneller als alle anderen! Die bewundernden Blicke meiner Klassenkollegen waren mir sicher. Das hohe Tempo hatte mich zum Sieger gemacht. Die ganze Woche war das Schlittenrennen DAS Thema in der Klasse. Speed in der Grundschule.

„Wir leben in einer Zeit, welche rasant schneller geworden ist.“

Ich weiß nicht, ob dieses Erlebnis mich geprägt hat. Aber eines weiß ich: Speed faszinierte mich schon damals. Speed setzen wir ja oft gleich mit Erfolg, mit Kraft, mit Unabhängigkeit, Unbezwingbarkeit und Bewunderung.

Faszination Tempo

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Doch wie viel Speed erträgt (m)ein Leben? Ein Thema, das mich seit Monaten beschäftigt. Ich liebe es, wenn viel läuft, wenn Leben da ist, wenn man etwas bewegen kann, die Segel voller Wind sind, wenn Tempo im Spiel ist, wenn Projekte laufen und wenn es schnell geht. Doch wie viel Speed ist genug? Speed ist mehr als ein Lebensstil, er kann zur Droge werden. Man(n) geht an die Grenzen, man(n) versucht, sich zu übertreffen, möglichst schneller zu sein als der andere. Man(n) hat Aufträge, Projekte, Kunden, man(n) ist gefragt, die Agenda ist voll – Speed. Speed ist faszinierend, doch als Lebensstil ganz schön gefährlich.

Wir leben in einer westlichen Welt, die besessen ist von Schnelligkeit. Schauspielerin Carrie Fisher, die bei Star Wars Prinzessin Leia spielte, sagte Folgendes: „Heutzutage dauert selbst sofortige Befriedigung zu lange.“ Nachdenkenswert, wie ich meine.

„Wir leben in einer westlichen Welt, die besessen ist von Schnelligkeit.“

Doch genau das tun wir oft nicht, wenn wir zu schnell unterwegs sind. Wir wollen alles verbessern. Wir machen die Sachen schneller und bewerkstelligen die Aufgaben effizienter. Früher gab es Wahltasten beim Telefon, heute gibt es Schnellwahltasten. Früher haben wir gelesen, heute lernt man Speedlesen. Früher hat es Walking gegeben, heute gibt es Speedwalking und früher, früher hat man sich gedatet, heute gibt es Speeddating. Wir leben in einer Zeit, welche rasant schneller geworden ist. Alles muss schnell gehen, sogar Sex! Ich las kürzlich eine Schlagzeile: „Wie Sie Ihren Partner in 30 Sekunden zum Orgasmus bringen.“ Sogar beim Sex wird die Zeit gestoppt. Doch will ich das? Wir alle sind Teil dieser Speed-Bewegung. Nur dass wir es oft nicht merken. Übrigens hat der Speedvirus längst auch die Christen erfasst. Für alle gestressten Christen gibt es die 1-Minuten-Bibel. Auch die vielbeschäftigten Väter sind längst eine Marktlücke, die entdeckt wurde. Der 1-Minuten-Vater in Buchform. Ob es bald den 1-Minuten-Christ gibt?

Tempoverlierer

Warum um alles in der Welt muss alles immer schneller gehen? Antwort: Weil wir glauben, dass unser Leben reicher wird, wenn wir in weniger Zeit mehr tun können. Einmal mehr sind wir einem US-Präsidenten auf den Leim gekrochen. Benjamin Franklin sagte: „Zeit ist Geld.“ Und wir im Westen glaub(t)en ihm. Wenn Zeit Geld ist, musst du es schaffen, dass du möglichst viel in möglichst wenig Zeit erledigen kannst. Und so beginnt der Lauf im Hamsterrad, den viele mit der Karriereleiter verwechseln. Sieht von innen her ja auch verblüffend ähnlich aus. Während wir rennen und hetzen, merken wir nicht, wie viel Schaden wir mit unserem Tempo anrichten. Dieser Lebensstil hat einen hohen Preis. Durchs Leben zu rasen, kann tödlich enden, nicht nur auf der Straße. Tod in der Beziehung zu seiner Frau. Tod in der Beziehung zu den Kindern. Und vielleicht das Schlimmste von allen: Tod in der Beziehung zu sich selber. Schon mancher hat sich selbst verloren im Temporausch.

Dieses Phänomen – oder soll ich besser sagen: Symptom? – begegnet mir oft. Man ist gefragt, man ist unterwegs, man ist gern gesehen, überall dabei und verliert sich selber aus den Augen. Weiß nicht mehr, wer man ist als Mann. Und dann geht der gefürchtete Strudel erst richtig los, man hat Angst vor dieser brutalen Stille, welche eintreffen könnte. Man fürchtet sich vor der Leere, die da sein könnte, weil man nicht mehr weiß, wer man ist. Wir sind so in diesem Schnelligkeitskult eingenebelt, dass wir nicht merken, welch hohen Preis wir dafür bezahlen.

„Entschleunige dein Leben. Wachstum geschieht nicht unter Tempo.“

Gott hat in meinem Leben mehrere wichtige Weckrufe ertönen lassen. Es passierte in der Kleinkindphase meiner Kinder: Ich war intensiv gefordert bei der Arbeit, wir steckten in unserer Kirche in der Pionierphase. 4-5 Abende in der Woche war ich in Sitzungen und kam anschließend jeweils mit dem hohen inneren Tempo nach Hause. Ich brachte die Kinder selber ins Bett, wollte ja ein guter Vater sein. Las noch schnell die Gute-Nacht-Geschichte. Äußerlich da und innerlich voller Speed. Während ich die Geschichte vorlas, dachte ich so für mich, ich werde ein paar Seiten überspringen, das werden die schon nicht merken. Fehlanzeige: Die Kinder hatten es sofort bemerkt. Es war ja nicht das erste Mal, dass ich ihnen diese Geschichte vorgelesen hatte. In mir ging an diesem Abend ein Alarm an. Der Weckruf Gottes war unüberhörbar. Die Kinder ins Bett bringen ist einer der intimsten Momente des Tages für mich als Vater in meiner Beziehung zu meinen Kindern. Eigentlich liebe ich diese wichtigen Minuten. Doch der Speed hatte nicht Halt gemacht vor dem Kinderzimmer, sondern ist mit ganzer Wucht eingebrochen in den Alltag meiner Familie.

„Doch wenn wir Männer nicht lernen, rechtzeitig das Tempo zu drosseln, stehen wir in der Gefahr, im Bereich der Beziehungen als Verlierer zu enden – auch in der Beziehung zur Gott.“

Wie bin ich aufgeschreckt! Wie konnte es nur so weit kommen? Meine Kinder abzuspeisen mit einer Geschichte, die ich kürzen wollte! Speed im Kinderzimmer. Bei anderen Männern kommen die Warnungen anders. Oft ist es der Körper, der sich zuerst meldet. Er macht nicht mehr mit, die Seele streikt. Oft weiß er Dinge früher als die Seele. Der Körper als Prophet, der uns etwas Wichtiges zu sagen hat. Auch Beziehungskrisen haben ganz viel zu tun mit dem Tema Speed, weil wir die Geduld als Männer verloren haben, die Ehefrau nicht mehr wahrnehmen. Ihre (Hilfe-)Rufe nicht hören, unachtsam sind. Speed macht taub. Wir alle sitzen im selben (Speed-)Boot. Doch wenn wir Männer nicht lernen, rechtzeitig das Tempo zu drosseln, stehen wir in der Gefahr, im Bereich der Beziehungen als Verlierer zu enden – auch in der Beziehung zur Gott.

Runter vom Gaspedal

Das Gebot der Stunde in unserer hektischen Zeit heißt: Entschleunigung! Warum? Speed lässt unsere Herzen schrumpfen. Paulus gibt dem jungen, ambitionierten Leiter Timotheus den weisen Rat: „He, Tim, hab Acht auf dich selbst.“ (nach 1. Timotheus 4,16). Niemand außer dir selbst weiß wirklich, wie schnell du unterwegs bist. Jesus sagte: „Was nützt es einem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen, wenn er selbst dabei unheilbar Schaden nimmt?“ (Markus 8,36; NGÜ). Darum: Entschleunige dein Leben. Wachstum geschieht nicht unter Tempo. Deine Beziehung zu deiner Frau wird nicht wachsen, wenn du zu schnell unterwegs bist. Die Beziehung zu deinen Kindern wird sich nicht entwickeln, wenn du ein zu hohes Lebenstempo hast. Deine Beziehung zu Gott wird sich nicht vertiefen, wenn du ständig im Sprintmodus bist. Geistliche Reife wirst du nicht erlangen, wenn du permanent zu schnell unterwegs bist. Jesus sagte: „Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben.“ (Matthäus 11,28; Hfa).

„Rase nicht ständig im roten Bereich durchs Leben, bediene nicht nur das Gaspedal, sondern lerne, die Bremse zu benutzen.“

Bei Jesus zur Ruhe kommen. Mit ihm unsere Prioritäten besprechen und sie dann auch konsequent setzen und durchziehen. Von Jesus lernen, auch in Bezug auf Speed. Er leistete sich immer wieder Auszeiten, exklusive Zeiten mit und bei seinem Vater. Unsere Projekte können nicht wichtiger sein als seine, immerhin hieß sein Auftrag, die Welt zu erlösen.

Tim Bendzko singt: „Muss nur noch schnell die Welt retten, dann flieg ich zu dir, 148 Mails checken und gleich danach bin ich wieder bei dir.“ Es ist das traurige Lied eines Mannes, der nie angekommen ist. Wir müssen nicht die Welt retten, so wichtig sind wir nun auch wieder nicht, dafür ist Jesus verantwortlich. Aber die Verantwortung für unser Lebenstempo und für unsere Herzen (der Motor unseres Lebens) können nur wir selber übernehmen. Rase nicht ständig im roten Bereich durchs Leben, bediene nicht nur das Gaspedal, sondern lerne, die Bremse zu benutzen. Nicht immer, aber vielleicht immer öfter. Sie ist übrigens beschrieben mit dem einfachen Wort mit vier Buchstaben: Nein.


Reto Pelli ist verheiratet mit Marlies und hat zwei Kinder. Er spielt leidenschaftlich Tennis und ist in seiner Freizeit auch beim Stand Up Paddling auf dem Zürichsee anzutreffen. Er ist Co-Hauptleiter der Kirche im Prisma (www.prisma.ch) in Rapperswil-Jona in der Schweiz und Autor von „42 Tage – Leben für meine Freunde“.

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift MOVO erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Ich schreibe selten Kommentare und ich poste auch nicht so häufig. Aber dieser Artikel spiegelt auf so wunderbar einfühlsame Weise den aktuellen Zeitgeist wieder, dass ich ihn soeben auch bei Facebook geteilt. Danke, Reto Pelli!
    Schöne Grüße von Uta (Abonnentin von Family Next)

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