Laut der Techniker Krankenkasse kämpft fast jeder Dritte mit jahreszeitbedingten Depressionen – zum Beispiel dem „Winterblues“. Jennifer Zimmermann hat gelernt, mithilfe ihres Glaubens damit umzugehen.

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Oktober. Der ausladende Kirschbaum zwitschert wie eine Voliere. Ich hocke mit meiner kleinen Tochter im kühlen Gras. Ganz still sind wir. Der Himmel ist so täuschend azurblau, so sommerfarben. Aber der Boden friert am Morgen und meine Haut stellt alle Haare auf. Der Blick ist frei auf die Streuobstwiese und die wild schnatternden Vögel, die sich für den weiten Weg zu stärken scheinen. „Dau, Vögel!“ Meine Tochter winkt zwischen den Hartriegelblättern. Ciao, Vögel! Mir rollt eine einzelne Träne über die Wange.

Ende Oktober spüre ich dann, wie die Dunkelheit und die Kälte sich schwer niederlassen in meinen Gedanken

Es gibt diese Zeit im Jahr, in der der Wandel beinahe greifbar wird in der Morgenluft. Wenn sie neblig wird und der Boden kalt, dann verändert sich oft mein ganzes Leben. Ende Oktober spüre ich dann, wie die Dunkelheit und die Kälte sich schwer niederlassen in meinen Gedanken, wie sie wie düstere Vögel in meinem Kopf brüten und pickend ihr Nest bauen. Überwinternde Saatkrähen. Ich schlurfe unter ihrem Gewicht, meine Schultern hängen. All meine Lebensfreude, meine Begeisterung, meine Leidenschaft scheint wie durch Haarrisse aus meinem Leben zu tropfen. Jeder Tag ist voller Müssen. Sogar Gottes leise Stimme erlischt unter dem Krächzen der Vögel.

Winterdepression: Mehr als lästig

Es klingt fast lächerlich, wenn man dieses Wort ausspricht. Winterdepression – lästig höchstens, nicht dramatisch. Aber es ist etwas anderes, ob man sich den Sommer zurück­wünscht oder sich von einem Monat auf den anderen dem Leben ausgeliefert fühlt. Die Aufforderung, ich solle den Vögeln nicht erlauben, Nester auf meinem Kopf zu bauen, wirkt unter dem ständigen Krächzen wie blanker Hohn. Der Winter kommt, ob ich das will oder nicht. Die Sonne verschwindet hinter den Wolken und mein Körper schaltet auf Weltuntergang. Aus Sommer wird Herbst, wird Winter. Das ist nur natürlich, aber auch die Natur kann schrecklich sein.

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Spätestens mit Beginn der Adventszeit schüttele ich den Kopf über meine pathetischen Gedanken. Allzu deutlich stehen mir in dieser Zeit die Menschen vor Augen, die sich nicht vor der Kälte flüchten können, für die Zuhause kein warmer, herzlicher Ort der Annahme ist, sondern die wahre Gefahr. Es gibt so viel Schmerz auf der Welt, der deutlich schwerer wiegt als meine Krähen. Aber das zu denken, ist nicht besonders hilfreich.

Bücher, die mir schon immer Verbündete auf meiner Reise sind, werden auch jetzt wieder zu Lebensrettern. Du bist nicht allein, flüstern sie. Und in kleinen, klitzekleinen Trippelschritten gehe ich vorwärts. Fasse Mut. Beginne zu glauben, dass ich immer noch fähig bin, mein Leben zu gestalten, auch wenn ich es anders erfahren habe. Ich beginne mich zu respektieren.

In Geduld geübt

Seit ich 16 bin, kenne ich diese unbarmherzige Dunkelheit der Winterdepression, die mich an manchen Tagen zu einem weinenden Häuflein aus Weltschmerz und Selbstmitleid zusammensinken lässt. Das bedeutet, dass ich bereits 17 Winter überlebt habe. 17 mal 4 Monate sich ausbreitende und sich zurückziehende Dunkelheit. 17 Mal Warten auf die ersten grünen Spitzen, die sich aus dem Boden wagen. 17 Mal die Tage bis zur Sonnenwende zählen. 17 Mal Ausharren im Dunkeln.

Ich habe mich immer für einen ungeduldigen Menschen gehalten. Ein typisches Kind des allverfügbaren Konsums. Und dennoch überlebe ich seit 17 Jahren mit dieser Krankheit, die die Lust am Leben nimmt, und sehe Jahr für Jahr der Tatsache ins Auge, dass sie sich mit Gesprächstherapien, Antidepressiva, Vitamin D und einem guten Leben in Schach halten lässt, aber sich nicht einfach in Luft auflöst. Den einen Gedanken, die eine Therapieform oder gar das eine Gebet gibt es nicht. Keine schnellen Lösungen. Der Autor Tobi Katze lässt seinen kauzigen Therapeuten sagen: „Wenn’s bei Walt Disney Depressionen gäbe – da wäre das so. (…) Wenn es um eine Sache wirklich geht, dann um Geduld. Und um Ausdauer.“ Und da hat er einfach recht. Auch wenn das gleich zwei Sachen sind.

Das Dunkel annehmen

Vielleicht, denke ich, ist meine Herausforderung, die Schwere des Winters wie eine Einladung zu empfangen. Ewigkeit zu probieren wie einen ungewohnten Geschmack auf der Zunge. Den Geschmack des Loslassens. Aber auch der gefühlten Nutzlosigkeit. Ich ahne, Gott bietet mir jeden Herbst aufs Neue an, mich müde und schwer in seine Arme fallen zu lassen und mir sagen zu lassen, dass ich geliebt bin. Selbst wenn ich nur noch ein weinender Schatten meines Sommer-Ichs bin, bin ich geliebt. Mit Krähen auf dem Kopf. Mit pathetischen Gedanken. Und wenn ich den ganzen Tag lang nichts anderes getan habe als atmen, dann war ich mutig genug.

Die Winterdepression ist Ausdruck meiner Fähigkeit, die tatsächliche Schieflage dieser Welt wahrzunehmen.

Mut heißt dann für mich, das Dunkel in mir anzunehmen. Mich nicht mehr selbst zu verfluchen, weil ich nicht dankbar genug bin und das Gefühl habe, kostbare Lebenszeit zu verschwenden. Mut heißt, jeden Tag aufstehen. Ich lerne, mich dafür zu respektieren. Das Dunkel ist nicht nur ein Überfall, es ist auch Zeichen meiner großen Sensibilität. Es ist Ausdruck meiner Fähigkeit, die tatsächliche Schieflage dieser Welt wahrzunehmen.

Also werde ich wieder mutig sein und im November meine Beine aus dem Bett schwingen. Und im Dezember. Im Januar. Im matschigen, müden Februar. Bis die Blumen und die Bäume in meinem Garten wieder aus ihrer wohlverdienten Ruhe erwachen. Ich werde vielleicht wieder vergessen, dass Gott da ist. Leere Psalmworte rezitieren und hoffen, dass sie gefüllt zurück in mein Herz kommen. Und das wird passieren. Manchmal aber auch nicht. Ich werde meine Tabletten nehmen. Ich werde mit meinen Freunden sprechen. Ich werde mich in Ehrlichkeit üben. Werde mich Gott und den Menschen aussetzen, der Welt meine Traurigkeit zumuten. Und dann wird es Frühling werden.

Jennifer Zimmermann hat ihre Erfahrungen 2019 in dem Buch zusammengefasst: „Als Gott mich fallen ließ“, das im SCM R.Brockhaus Verlag erschienen ist. 


Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift LebensLauf (Ausgabe 05/2020). LebensLauf ist ein Produkt des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.  

 

 

 

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