Tischgemeinschaft (Foto: Hannah Busing / Unsplash)
Foto: Hannah Busing / Unsplash
In einer „klassischen“ Gemeinde haben Jessica Schlepphege und ihr Mann keine Heimat gefunden. Deshalb probieren sie neue Formen der Gemeinschaft aus.
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Manchmal wage ich es gar nicht auszusprechen: Mein Mann, unsere Kinder und ich haben kein „geistliches Zuhause“. Wir gehen nicht jeden Sonntag in den Gottesdienst und sind auch in keinem Hauskreis. Zwar sind wir noch Mitglieder in unserer Heimatgemeinde, die wir hin und wieder besuchen, aber regelmäßige „Gemeindeaktivitäten“ pflegen wir dort nicht mehr.
Seit gut zehn Jahren befinden mein Mann und ich uns auf der Suche nach dem, was Gemeinde für uns bedeutet. Angefangen hat dieser Prozess, als wir studiumsbedingt Richtung Norden zogen. Für uns war klar, dass wir auch in unserer neuen Heimat einer Kirchengemeinde angehören wollten. Also besuchten wir kurz nach dem Umzug die ersten Gottesdienste. Doch auch nach längeren Zeiträumen, die wir in einzelnen Gemeinden verbrachten, fühlten wir uns nirgendwo zu Hause. Sicherlich gab es auch hier und da Formen oder Strukturen, die uns befremdlich waren oder sogar irritierten. Doch der Illusion, einer perfekten Gemeinde zu begegnen, waren wir schon lange entwachsen. Schließlich wurde uns klar, dass unsere Gemeinde unbedingt vor Ort sein sollte. Wir sehnten uns nach Gemeinschaft, die regelmäßig ohne größeren Aufwand praktiziert werden konnte. Doch in den Gemeinden vor Ort kamen wir nie richtig an.

Schlechtes Gewissen

Immer seltener machten wir uns am Sonntagmorgen auf den Weg zum Gottesdienst, bis wir uns schließlich bewusst dazu entschieden, nicht mehr Teil einer Gemeinde vor Ort zu sein. Durch unsere gemeindliche Prägung meldete sich nicht selten das schlechte Gewissen: Ist es okay, wie wir unseren Glauben leben? Tun wir uns, anderen oder Gott damit Unrecht?
Auch die sorgenvollen Fragen anderer Christen ließen uns manches Mal zweifelnd zurück. Wir suchten mehrmals wieder Kontakt zu einer Gemeinde, merkten aber beide relativ bald, dass unsere Bedürfnisse nicht gestillt wurden.

Mit der Zeit kristallisierte sich heraus, wonach wir uns sehnten. Denn eigentlich klangen all unsere Gründe ‚gegen’ diese oder jene Gemeinde wie faule Ausreden. Wir sehnten uns nach anderen, vielleicht neuen oder eben nur ganz einfachen Formen des Gemeindelebens. Eine Gemeinschaft, die nahezu ohne Strukturen auskam. Strukturen, die wir immer mehr als hinderlich empfanden. Wir wollten eine Gemeinde nach dem Prinzip: Weniger ist mehr. Weniger Leute. Weniger Programm. Weniger Hierarchie. Weniger …

Verändertes Gemeindebild

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Schließlich traf das Buch „Der Schrei der Wildgänse“ von Wayne Jacobsen und Dave Coleman genau unseren Nerv. Es waren gar nicht so sehr einzelne Zitate oder Sätze, die mich berührten, sondern die Geschichte als Ganzes, der Lernprozess der Hauptfigur und seine oft dämlichen Fragen, die exakt so von mir hätten stammen können. Die Autoren beschreiben den Weg eines Gemeindeleiters und Pastors, der aus den Strukturen seiner (Mega-)Kirche ausbricht. Auf seiner Suche nach dem, was „Gemeinde“ bedeuten kann, begegnet er immer wieder einem mysteriösen Mann, der ihn herausfordert, seinen Weg ehrlich zu reflektieren. Im Grunde geht es in der Geschichte um die Einfachheit von Gemeinde. Um die Frage: Wo fängt Gemeinde eigentlich an?

Auch meinen Mann und mich beschäftigen die Fragen, was Gemeinde eigentlich ist und welche Formen sie annehmen kann. Früher bedeutete Gemeinde für uns das, was die meisten Christen unter einer herkömmlichen Gemeinde verstehen: Sie hat einen Namen, einen Ort und ein Programm. An verschiedenen, über die Woche verteilten Terminen findet das Gemeindeleben statt. Das Gemeindeleben beziehungsweise die Gemeinschaft entstehen also durch diese Strukturen.

Im Laufe der Jahre veränderte sich unser Bild von Gemeinde. Obwohl wir unser Leben oft als gemeindefern bezeichnet hatten, würden wir heute sagen, dass wir eigentlich schon lange, wenn nicht sogar immer, ein lebendiges Gemeindeleben führen. Wir leben enge Beziehungen zu anderen Christen, teilen mit ihnen die Tischgemeinschaft und ermutigen uns in unserem Weg mit Gott. Bei allem, was wir tun und in allen Beziehungen, die wir leben, möchten wir uns der Nähe von Jesus bewusst sein.

Diesem Gedanken folgend fängt Gemeinde mit Gemeinschaft an. Ein organischer Prozess, bei dem authentische Beziehungen im Mittelpunkt stehen. Beziehungen, wie Jacobsen schreibt, in denen „man einen offenen, ehrlichen Austausch pflegt, ein ehrliches Interesse am geistlichen Wohlergehen der anderen zeigt und sich gegenseitig ermutigt, Jesus zu folgen, wie auch immer er die Einzelnen führt“.

Erfahrungen

Wenn wir auf die vergangenen zehn Jahre mit unserer Form des Gemeinde- und Gemeinschaftslebens zurückblicken, wird uns Folgendes wichtig:

1. Mehr Eigeninitiative
Eine Herausforderung war zunächst, dass wir mehr Eigeninitiative für unser Glaubensleben aufbringen mussten. Während wir früher mindestens jeden Sonntag und Donnerstagabend einfachen Zugang zu Lobpreis, Bibelauslegung und Gemeinschaft hatten, mussten wir uns nun bewusst darum bemühen, diese Komponenten in unseren Alltag einzubauen. Das versuchen wir, indem wir zum Beispiel Predigten über das Internet ansehen, eigene Lobpreiszeiten mit CD oder Klavier gestalten und die Gemeinschaft mit anderen Christen suchen. Je länger wir ohne festen Gemeindebezug auskommen wollten, umso natürlicher fühlte es sich an, Verantwortung für unser Glaubensleben zu übernehmen (was nicht heißen soll, dass Mitglieder einer herkömmlichen Gemeinde das nicht tun).

2. Missionales Leben
Durch die Einfachheit von Gemeinde, wie wir sie leben wollen – das Weglassen von Strukturen und Terminen –, wurden Zeit und Kraft für einen anderen Bereich freigesetzt, der uns wichtig geworden ist: missionales Leben. Das bedeutet, wir möchten Gottes Licht und seine Liebe in den Beziehungen leben, die ganz natürlich in unserem Lebensumfeld entstehen. Obwohl wir dieses Prinzip auch schon vorher gelebt hatten, merkten wir, wie unser Alltag ohne die Veranstaltungen in der Gemeinde viel mehr Raum für Beziehungen bot: in der Nachbarschaft, bei Veranstaltungen für und mit den Kindern, bei der Arbeit und unseren Hobbys. Uns persönlich geht es dabei nicht darum, Menschen zu bekehren, sondern Gottes Liebe und all das Gute, das er uns schenkt, an die Menschen um uns herum weiterzugeben.

3. Kinder integrieren
Im Laufe der Zeit wurden wir mit drei tollen Kindern beschenkt. Wir fragen uns immer wieder, wie auch sie Teil unseres Gemeindelebens sein können. Gerade sind sie im Baby-, Kindergarten- und Grundschulalter, und wir empfinden das Vorleben des eigenen Glaubens wichtiger als den Besuch eines Kindergottesdienstes oder der Jungschar. Aber auch unsere Kinder sehnen sich nach regelmäßiger Gemeinschaft vor Ort, sodass unser Ältester nun den Wunsch geäußert hat, eine Jungschar zu besuchen. Wir glauben nicht, dass das unserem Gemeindeverständnis widerspricht. Auch unsere Kinder sollen authentische Beziehungen zu anderen Gotteskindern leben und dürfen sich mit zunehmendem Alter für die Gemeindestrukturen entscheiden, die zu ihnen passen. Wie mit allem in unserem Gemeindeleben sind wir auch hier Suchende und Fragende.

4. Netzwerk
Seit etwa vier Jahren sind wir Teil eines Netzwerkes, in dem wir uns über missionales Leben und alternative Gemeindeformen austauschen. Zwei- bis dreimal im Jahr treffen wir uns, um diese Themen zu vertiefen und voneinander zu lernen. Das Netzwerk hilft uns sehr, um mit all unseren Fragen nicht allein dazustehen. Es ermutigt uns zu erleben, dass andere Christen ähnliche Fragen haben und sich nach neuen Formen des Lebens mit Jesus sehnen.

Beziehungen leben

Gemeinde bedeutet für uns authentisch gelebte Beziehungen unter Gläubigen. Und ganz gleich, wie die einzelnen Gemeinden aussehen – wir sind überzeugt, dass jede Form ihre Berechtigung hat und gebraucht wird: ob mit traditionellen Strukturen im Gemeindehaus oder ganz hip im Stadtcafé; ob klein und persönlich, in der MegaChurch mit Eventcharakter oder irgendwo dazwischen. Mein Mann und ich leben Gemeinde seit gut zehn Jahren nach dem Beziehungsprinzip. Und vielleicht werden wir irgendwann auch wieder in einer „herkömmlichen“ Gemeinde zu Hause sein. Momentan träumen wir von kleinen Gemeinde-Zellen und wünschen uns Beziehungen mit anderen Gläubigen, die wir vor Ort leben können. Damit wir füreinander und gemeinsam den Menschen um uns herum Nachbarn und Nächste sein können. Wir sind mit Gott auf einem Weg, auf dem wir nicht alle Antworten kennen und auf seine Leitung angewiesen sind. Letztes Jahr zogen wir zurück in die alte Heimat und sind nun gespannt, was Gott hier mit uns vorhat.


Jessica Schlepphege hat Englische Fachdidaktik und Erziehungswissenschaften studiert. Sie ist Botschafterin der Anti-Sklaverei- Bewegung www.ijm-deutschland.de, arbeitet als freie Autorin und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Nähe von Karlsruhe.

Dieser Artikel ist zuerst im Magazin Family erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört. In der nächsten Ausgabe von Family, die Ende Juni erscheint, werden Christen vorgestellt, die Gemeinde in ganz unterschiedlichen Formen leben.

3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. GEMEINDE BEGINNT IMMER WO ZWEI ODER DREI SIND

    Zunächst halte ich Gemeinde auch ohne (große) Strukturen für christliche Gemeinde im Sinne Jesu.

    Vor vielen Jahrzehnten war ich Teilnehmer einer ökumenischen Aktionsgemeinschaft. Damals war viel die Rede von der vielleicht einmal kommenden „Kirche der kleinen Gruppen“. Diese Sichtweise der Zukunft war aber die Erfahrung geschuldet, dass Christen immer eine gesellschaftliche Minderheit sein werden, vielleicht in der Zukunft wirklich nur in dieser kleinen Form. Diese eher für die Not beborene Vorstellung schloss aber vehement aus, dass hier dann nur eine Flucht in ein frommes und abgeschottetes Exil (die kleine Gruppe und Weltflucht) stattfinden darf sondern setzte die Annahme voraus, dass man dann aber weder sektiererisch, noch elitär und auch nicht unpolitisch sein sollte. Auch eine solche Kirche der kleinen Gruppen muss Salz der Erde und Licht der Welt sein sollte. So wie viele kleine Kerzen einen sehr dunklen Raum erleuchten. Interessant war, das der leitende Jesuit hier die Amtsfrage gar nicht anschnitt.; vielleicht würden sich Fragen, ob die zukünftige Katholische Kirche dann eine synodale sei, in diesem Zukunftsinszenarie auch gar nicht mehr stellen.

    Als evangelischer Christ war ich hin und her gerissen, ob ich mich über das Bemühen anderer Christen freuen kann und darf, eine Kirche ohne Strukturen, automatisch dann auch Gottesdienste ohne Liturgie, ohne fundierte und gut ausgearbeitete Predigten von Theologen und offene kirchentüren in der Gesellschaft. Über die Fragen, die mir noch gekommen sind, könnte man viel schreiben.

    Jedenfalls sollte man Kirchen in ihren strukturellen und institutionellen Formen nicht abschaffen oder schwächen, so lange sie gut funktionieren und sich um eine flache Hierarchie und möglichst synodale Strukituren bemühen. Das ist schon wegen des politischen Gewichtes, das Kirchen und christliche Gemeinschaften haben sollten – im Sinne des Evangeliums – wichtig.

    Vielleicht ist die genannte Sehnsucht, möglichst ohne vorgeschriebene und durchregulierte Strukturen selig zu werden, eine Gegenreaktion auf die geistliche Globalisierung der Großkirchen (Megagemeinden im kath. Bereich z.B.) und die verbürokratisierte Kirchenwelt, auch vielleicht wegen einem zu dogmatisch-fundamentalistischen Verständnisses unseres Glaubens insbesondere deren Hüter und Verantwortlichen.

    Was die Kirchen und damit die Ökumene unbedingt braucht ist ein Mix an gut fuinktionierender Institution Kirche mit alten und neuen geistlichen Gemeinschaftsformen. Kirche ist ja nicht Institution, sondern wo zwei oder drei im Namen Jesu versammelt sind. Kirche ist damit das geistliche Innenleben, die Organisation ist das Gerüst, damit das Innenleben funktioniert.

    Wenn de Frauen und Männer, die als hauptberuifliche Theologen und Theologinnen gut vorbereitete Gottesdienste und Predigten leisten, machen sie Lust auf christliche Gemeinde. Man kann wunderschöne Gottesdienste feiern und wenn man das tut und andere dazu einlädt, dann sinkt die Notwendigkeit, bestehende Strukturen abzuschaffen, um dafür andere Unerprobte zu erfinden. Da der Mensch ein Gruppenwesen ist – und jede Gruppe Strukturen bzw. Regeln hat – gibt es die formlose Gemeinde nicht. Ohne Form wird auch aus Käse Quark.

  2. Vielleicht ist die stattfindende geistliche Globalisierung von Kirchengemeinden der Kath. Kirche (Megagemeinden) oder der Großdekanate bei der Ev Kirche der Nährboden, auf denen Sehnsucht entsteht nach einfachen christlichen Gemeinschaften ohne Bürokratie, Regeln und komplizierten dogmatischen Vorstellungen (die selbst Theologen nicht glauben).

    Ich wünsche mir eine Einheit in der Vielfalt (Ökumene), neben den Institutionen der Kirchen ein Mix alter und neuer geistlicher Bewegungen und Kommunitäten sowie den Mut, unorthodoxe Wege zu gehen., Das größte Zeugnis für die Welt ist (immer noch) die Liebe der Christen in einer Welt, in der jeder des Feind oder Gegner des Anderen ist.

    Ich halte es aber für nicht durchführbar, Kirche ohne Strukturen gewissermaßen neu zu erfinden. Wir sind als Menschen Gruppenwesen und in jeder Gruppe gibt es Ordnungen und Regeln. Auch eine christliche Gemeinschaft, die bewusst keine Strukturen will, hat trotzdem eine innere Ordnung. Dies muss nicht die beste sein.

  3. Es bleibt für mich bei den vorhandenen Gaben die Wahrnehmung, dass die Fragestellerin nicht nur eine Gemeinde braucht, in der sie angenommen ist, sondern in der sie bewußt ihre Gaben einbringen sollte. Ich vermisse die konstruktive Meldung „Hier bin ich – ich möchte an irgendeiner Stelle mitarbeiten, mitverantworten…!
    Ich weiß aus eigener Anschauung, dass dieses seine Zeit braucht. Vertrauen zu neu in einer Gemeinde Hinzukommenden macht den alten Platzhirschen manchmal Angst. „Was ist das für eine/r, die hier alles verändern will ?“

    Hier heißt es Geduld haben, mit der/dem Seelsorger/in Kontakt halten und konkret fragen: „Wo braucht ihr Mitarbeit ?“

    Ich habe mehrmals den Wohnort und damit die Wohnsitzgemeinde gewechselt. Ich war regelmäßig präsent in den Gottesdiensten am Wohnort. Irgendwann nwurde ich angesprochen und gefragt, ob ich nicht da und dort mich engagieren möchte.

    Gemeinde ist nicht perfekt. Das weiss die Fragestellerin. Aber sie scheint nicht zu wissen, dass es dazu eine Vertrauensbasis braucht, die sich entwickeln muss.

    MenschMartin

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