Weltweit kämpfen mindestens 250.000 Kinder und Jugendliche als Soldaten in Kriegen. Das christliche Hilfswerk World Vision hat jetzt untersucht, wieso sie sich bewaffneten Gruppen anschließen.

Drei Jahre lang war Tom (Name geändert) Kindersoldat im Kongo. Mit elf Jahren nahm ihn die Cobra-Miliz auf. Auf der Webseite von UNICEF erzählt er seine Geschichte: An den Tag, an dem er sich entschließt, Soldat zu werden, erinnert er sich gut. Es ist der Tag, an dem sein Dorf in Pibor überfallen wird. Es fallen Schüsse, Menschen schreien. Häuser fangen Feuer. Mittendrin befindet sich Tom mit seinen Eltern. Sie flüchten mit ihm in den Wald – weg von der Meute, die durch die Siedlung wütet. Aus dem Schutz der Bäume heraus beobachtet Tom, wie die Männer seine älteren Brüder mitnehmen. Es ist nicht das erste Mal, dass der Elfjährige so etwas miterlebt. Schon einmal haben die Männer sein Dorf überfallen. Damals musste eine seiner Schwestern ihr Leben lassen: „Ich konnte es nicht mehr ertragen, unschuldige Kinder und Frauen sterben zu sehen“, sagt er. Er beschloss, sich selbst mit Waffengewalt zu rächen.

Das Schicksal von Tom ist beispielhaft für das vieler Kinder in Kriegsgebieten. Das christliche Hilfswerk World Vision hat befreite Kindersoldaten in der Demokratischen Republik Kongo, dem Irak, Kolumbien, dem Südsudan und der Zentralafrikanischen Republik befragt, wieso sie sich „freiwillig“ den Milizen und Regierungstruppen angeschlossen haben. Das Studienergebnis: Extreme Armut, mangelnde Perspektiven und kaputte Familienverhältnisse bewegen sie dazu. „Es ist meist die absolute Not, die Kinder in die Arme bewaffneter Gruppen treibt“, sagt Ekkehard Forberg, Friedensexperte bei World Vision. Viele Kinder wüssten zudem gar nicht, was sie dort wirklich erwarte. Von Freiwilligkeit könne man nur schwer sprechen: „Die Kinder haben oftmals gar keine andere Wahl.“

Mädchen werden zu Sexsklavinnen

Nach Angaben eines Berichts der Vereinten Nationen wurden im Jahr 2017 fast 10.000 Kinder rekrutiert. Somalia führt die Liste an. Hier wurden im vorletzten Jahr 2.127 Kinder verpflichtet. An zweiter Stelle folgt der Südsudan mit 1.221 neuen Kindern im Militär. Ein Drittel der Kindersoldaten seien Mädchen, so die englischsprachige World-Vision-Studie. Sie werden nicht nur zu Kämpferinnen ausgebildet. Oft missbrauchen die Milizen sie als Sexsklavinnen, sie leben als Spioninnen oder müssen Fetischfiguren für die Soldaten herstellen. „In unseren Reintegrationsprogrammen für ehemalige Kindersoldaten zeigen alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen einen enormen Willen, dieses Leben hinter sich zu lassen“, sagt Forberg. Bekämen sie eine Chance, die traumatischen Erfahrungen hinter sich zu lassen, ergriffen sie die auch.

Die Studie hat auch einen auffordernden Charakter. World Vision gibt darin mehrere Lösungsvorschläge für Regierungen und gesellschaftliche Gruppen. So empfiehlt das Hilfswerk, die Aufnahme von Kindern unter 18 Jahren ins Militär weltweit zu verbieten. Außerdem brauche es mehr Aufklärungsarbeit vor Ort, damit sich die Kinder gar nicht erst den bewaffneten Gruppen anschließen. Zuletzt empfiehlt die Organisation, Reintegrationsprogramme für ehemalige Kindersoldaten langfristig zu fördern. World Vision selbst betreut zwei dieser Programme in Südsudan und dem Kongo.

World Vision intiierte zudem eine Petition, die sich für eine Befreiung und Reintegration von Kindersoldaten ausspricht. Sie ist hier zu finden.