Zum Tod von Helmut Kohl: Kirchliche Reaktionen

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FILE - The Jan. 8, 2003 file photo shows former German chancellor Helmut Kohl passing the Brandenburg Gate during a private walk in Berlin. (AP Photo/Jan Bauer, file) |
Vertreter der Kirchen und der jüdischen Gemeinden in Deutschland haben den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl als großen Europäer und Deutschen gewürdigt.

Der Bischof des katholischen Bistums Speyer, Karl-Heinz Wiesemann, hob hervor, Kohl habe stets „die Bedeutung des christlichen Glaubens für ein Zusammenleben in Frieden und Gerechtigkeit“ im Blick gehabt. Er habe sich auch als Politiker offen zu seinem katholischen Glauben bekannt und sich auch außerordentlich um den Erhalt des Speyrer Doms verdient gemacht.

„Die Kirche in Deutschland ist dankbar für das christliche Zeugnis von Helmut Kohl“, schrieb der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz in einem Kondolenzschreiben an Kohls Witwe, Maike Kohl-Richter. „Wo die Werte einer freiheitlichen Gesellschaft mit den Füßen getreten wurden – wo auch immer auf der Welt -, da setzte er sich für die Beachtung dieser Werte ein.“ Kohl sei ein regelmäßiger Gast auf Katholikentagen gewesen und habe sich oft Rat bei Theologen geholt.

Christlicher Glaube als Fundament

Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) brachte seine Trauer zum Ausdruck. „Für den großen Politiker und Staatsmann Helmut Kohl war sein christlicher Glaube stets Fundament und Orientierung. Geprägt von den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit widmete er sich mit Weitblick und mit all seiner Kraft der Zusammenarbeit unter den Völkern Europas“, erklärte ZdK-Präsident Thomas Sternberg.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bezeichnete den Altkanzler als einen Politiker mit Weitblick und Realismus. „Ohne das Vertrauen, das Helmut Kohl bei vielen Politikern in aller Welt genoss, wäre die deutsche Einheit nicht so schnell und so friedlich zustande gekommen“, erklärten der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm, und die Präses der EKD-Synode, Irmgard Schwaetzer, am Samstag in einem Kondolenzschreiben an Kohls Witwe Maike Kohl-Richter. „Gerade jetzt – in einer Zeit, in der die Europäische Union von vielen Menschen infrage gestellt wird – erinnert die Evangelische Kirche in Deutschland mit Dank an den Beitrag Helmut Kohls dazu, diese Union zu entwickeln und den Frieden auf unserem Kontinent zu stärken.“

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Volker Jung, bezeichnete Kohl als „außerordentlich bedeutenden Staatsmann“, mit dessen politischen Wirken die deutsche Wiedervereinigung und die Stärkung Europas untrennbar verbunden seien. Er habe immer wieder das Gespräch mit den Kirchen gesucht und sei für sie „ein hervorragender Gesprächspartner“ gewesen. Als katholischer Christ pflegte er nach Worten Jungs auch „einen engen freundschaftlichen Kontakt zu Kardinal Lehmann in Mainz“. Wie diesem sei ihm daran gelegen, dass die „Kirchen den Menschen zugewandt und in ökumenischer Perspektive Europa mitgestalten“.

Christian Schad, der pfälzische Kirchenpräsident, würdigte Kohl als jemanden, der die Einheit Deutschlands und die europäische Einigung gestaltet habe. „Heute wissen wir, wie unendlich kostbar dieses Einigungswerk war und ist“, sagte Schad.

Verdienste um jüdisches Leben in Deutschland

Die Verdienste von Kohl um das jüdische Leben in Deutschland hob Charlotte Knobloch hervor. Von herausragender Bedeutung sei der humanitäre Pakt zwischen dem damaligen Bundeskanzler und dem damaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, über die Aufnahme jüdischer Emigranten aus der einstigen Sowjetunion gewesen, erklärte die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden. Dadurch seien als sogenannte Kontingentflüchtlinge zwischen 1989 und 2012 mehr als 200.000 jüdische Zuwanderer in die Bundesrepublik Deutschland gekommen. Kohl hatte 1997 für sein Engagement den Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden erhalten.

Papst Franziskus würdigte Kohl als großen Staatsmann und überzeugten Europäer. Er bekunde „dem ganzen deutschen Volk, das um den ‚Kanzler der Einheit‘ trauert“ seine aufrichtige Anteilnahme, erklärte das katholische Kirchenoberhaupt im Rahmen einer Privataudienz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Rom.

Kohl wurde 1930 in Ludwigshafen geboren. Seine politische Karriere begann er als Kommunalpolitiker in seiner Heimatstadt. 1969 wurde er im Alter von 39 Jahren Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. 1976 wechselte er auf die Bundesebene und übernahm den Vorsitz der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag. Mit seiner Kanzlerschaft sind vor allem die deutsche Wiedervereinigung sowie die europäische Einigung verbunden. Kohl war der Rekord-Kanzler: Von 1982 bis 1998 hatte er das Amt 16 Jahre lang inne, so lange wie kein anderer bislang.

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Zum Tod von Helmut Kohl ist doch einiges kritisch zu sagen.
    Die politischen Verdiente möchte ich nicht bewerten.
    In den Äußerungen der Bischhöfe der beiden Christlichen Kirchen,
    habe ich keine Zeile gelesen, die die beiden Kinder und die Enkel-
    kinder einbeziehen. Sein Sohn Walter hatte vom Tod seines Vaters
    im Autoradio gehört und ist dann postwendend ins Elternhaus ge-
    fahren, um Abschied von seinem Vater zu nehmen. Zuvor gab es
    Probleme durch die Polizei, ins Elternhaus zu gehen.
    »Für Walter Kohl war der Vater Helmut nicht der Held der Wiederver-
    einigung, nicht der Wegbereiter der Europäischen Union, sondern
    eine Enttäuschung – einer, der nicht da war, der sich nicht kümmerte,
    der den Kontakt abbrach. . . . . . Im Sommer 2011 habe er das letzte
    Mal mit seinem Vater telefoniert, danach habe er ihn nicht mehr be-
    suchen dürfen, erzählt Walter Kohl. Das gelte für ihn und seinen
    jüngeren Bruder Peter. Aber auch seine Enkel habe Helmut Kohl
    nicht sehen wollen. Die Kinder hätten sehr darunter gelitten, „dass
    ihr Großvater für sie nicht erreichbar war“.
    Draussen vor dem Elternhaus sagte Walter Kohl: »Sie sehen einen
    Menschen, der eben sehr traurig ist«.
    Wo bleibt die Seelsorge der Bischöfe in dieser Situation? Wird dieses
    Kapitel unter den sogenannten »Teppich« der Kirche gekehrt?

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