Psalm 22
Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen?
Warum bist du so fern und hörst meine Hilferufe nicht?
Jeden Tag rufe ich zu dir, mein Gott, doch du antwortest nicht. Jede Nacht schreie ich zu dir, doch ich finde keine Ruhe. … Wie ein Rudel Hunde umkreisen mich meine Feinde
und eine Rotte von Bösen treibt mich in die Enge.
Sie haben mir Hände und Füße durchbohrt.
Alle meine Knochen kann ich zählen.
Meine Gegner sehen mich schadenfroh an.
Sie teilen meine Kleider unter sich auf
und würfeln um mein Gewand.
Aber du, Herr, entferne dich nicht von mir!
Du bist meine Stärke, komm mir schnell zu Hilfe!
Rette mich vor einem gewaltsamen Tod
und beschütze mein kostbares Leben vor diesen Hunden. Entreiße mich aus dem Rachen des Löwen
und rette mich vor den Hörnern dieser wilden Stiere.
Du hast mich erhört! …
Meinen Brüdern will ich deinen Namen verkünden
und dich vor der ganzen Gemeinde ehren.
Lobt den Herrn, alle, die ihn fürchten! …
Denn er hat die Augen nicht vor dem Leid des Bedürftigen verschlossen.
Er hat sich nicht abgewandt,
sondern hat seine Hilferufe gehört.
Dich will ich loben vor der ganzen Gemeinde
und will meine Versprechen vor allen, die dich anbeten, erfüllen.
Die Armen sollen essen und satt werden
und alle, die den Herrn suchen, werden ihn loben. Euer Herz soll für immer leben.
Die ganze Erde wird den Herrn anerkennen und zu ihm zurückkehren.
Die Menschen aller Völker werden sich vor ihm verneigen. Denn der Herr ist König
und er herrscht über die Völker!
Die Reichen der Erde werden ein Fest feiern und anbeten. Vor ihm werden sich alle Menschen verneigen, die geboren werden, um zu sterben.
Kommende Generationen werden ihm dienen;
ihnen wird man erzählen, was der Herr getan hat.
Sie werden ihren Nachkommen von den gerechten Taten Gottes berichten, die er getan hat.
Es ist schon beeindruckend, wie sehr dieser Psalm auf die Passion Jesu hindeutet. Nicht nur dass der Anfang eines der Worte ist, die Jesus am Kreuz gesprochen hat (er betete ja damit diesen Psalm), sondern dass hier dem David (wohl eher sinngemäß als buchstäblich) Hände und Füße durchbohrt werden und um seine Kleider gewürfelt wird. Auch die höhnische Reaktion der Menge auf das Gebet Jesu („Eli, Eli, lama asabtani“), die das akustisch als Ruf an Elia interpretiert, ist in Vers 8 vorweggenommen.
Aber betrachten wir es einmal umgekehrt: Hier erleidet ein Mensch die Passion Jesu. Hier fühlt jemand voraus, wie es später dem Messias ergehen wird. Selten ist erlebte Gottesferne so eindrücklich geschildert worden. Es gibt nichts mehr, was über diese Gottverlassenheit hinwegtrösten kann; nichts mehr, was hilft – außer Gott selbst.
Liest man den Psalm in einem Zug, stellt man fest, dass sich mit einem einzigen Satz in V. 22 alles ändert: „Du hast mich erhört!“ Man spürt den weiteren Versen an, dass die Gegenwart Gottes auch atmosphärisch spürbar in das Leben des Beters zurückgekommen ist. Wer selbst in tiefen Krisen Gott angerufen hat, wird oft auch erlebt haben, dass Gott mitten im intensivsten Flehen die Last wegnimmt.
