Richter 11 in Auszügen
Da kam der Geist des HERRN über Jeftah. Jeftah legte dem HERRN ein Gelübde ab. Er versprach: „Wenn du mir den Sieg über die Ammoniter schenkst, will ich dem HERRN das Erste geben, das mir aus der Tür meines Hauses entgegenkommt, wenn ich wohlbehalten von den Ammonitern heimkehre. Ich will es als Brandopfer darbringen.“ Jeftah führte sein Heer gegen die Ammoniter, und der HERR schenkte ihm den Sieg. Auf diese Weise unterwarf Israel die Ammoniter. Als Jeftah nach Mizpa heimkehrte, lief ihm seine Tochter entgegen. Sie schlug das Tamburin und tanzte vor Freude. Sie war sein einziges Kind; er hatte sonst keinen Sohn und keine Tochter. Als er sie erblickte, zerriss er vor Kummer seine Kleider. „Meine Tochter!“, rief er aus.
„Mir bricht das Herz! Was für einen Kummer bereitest du mir! Denn ich habe dem HERRN ein Versprechen gegeben und kann es nicht mehr zurücknehmen.“
Wenn eine Geschichte in der Bibel einer antiken Tragödie ähnelt, dann die von Jeftah. Man fragt sich zunächst, warum Gott gerade solch einen Mann erwählt: den Sohn einer Prostituierten, der von der Stiefmutter verstoßen und anschließend Chef einer Bande von Kriminellen wurde. Das ist nicht das normale Anforderungsprofil für Tätigkeiten im geistlichen Dienst.
Gleichwohl scheint es keine besseren Alternativen gegeben zu haben, um den Feind der Saison (zur Abwechslung waren es die Ammoniter) zu besiegen. Bemerkenswert ist, dass Jeftah nun nicht direkt als Haudrauf loslegt, sondern erhebliche diplomatische Bemühungen in die Wege leitet, damit der Ammoniterkönig das Volk in Ruhe lässt. Doch war der auf diesem Ohr taub. So kam es dann tatsächlich zum Kampf und offenbar zum schnellen Sieg Jeftahs. Zuvor hatte Jeftah – warum eigentlich? – Gott geschworen, das Erste zu opfern, was ihm zu Hause entgegenkommt, wenn er die Ammoniter besiegt hat. Nun war das aber seine Tochter, sein einziges Kind. Der Tochter wurde zwar noch eine letzte Frist gewährt, doch dann wurde sie tatsächlich geopfert.
Das ist eine Story, die aus humanitären Gesichtspunkten fragwürdig erscheint. Hätte Gott nicht – wie bei Abraham – einen Last-Minute-Widder vorbeischicken oder Jeftah und seine Tochter sonstwie entlasten können? Vielleicht hätte er das auch. Aber die Jeftah-Geschichte ist nun mal ein Exempel dafür, dass mit der Heiligkeit Gottes nicht unbedacht umgegangen werden darf.
