Daniel 2
Da antworteten die Astrologen dem König auf Aramäisch: „Der König lebe ewig! Erzähle uns, deinen Dienern, den Traum. Dann wollen wir dir sagen, was er bedeutet.“ Doch der König erwiderte diesen Männern: „Nein, ich habe den festen Beschluss gefasst, dass ihr mir sowohl den Traum als auch seine Deutung mitteilen sollt. Sonst werdet ihr in Stücke gerissen und eure Häuser in Trümmer gelegt! …“ Da erwiderten ihm die Astrologen: „Auf der ganzen Erde gibt es keinen Menschen, der in der Lage wäre, dem König seinen Traum zu erzählen! … “ Als der König das hörte, wurde er wütend. Voller Zorn gab er den Befehl, alle weisen Männer Babels hinzurichten. Als nun der Erlass ergangen war, alle Weisen zu töten, suchte man auch Daniel und seine Freunde, um sie zu töten. Als Daniel davon erfuhr, wandte er sich an Arjoch, den Oberbefehlshaber der königlichen Wache, der beauftragt worden war, den Befehl auszuführen. Voller Einsicht und Klugheit fragte er Arjoch, den Bevollmächtigten des Königs: „Wie kommt der König dazu, einen solch strengen Befehl zu erlassen?“ Arjoch berichtete ihm daraufhin, was geschehen war. Da ging Daniel zum König und bat ihn um eine Verlängerung der Frist; dann wolle er dem König sagen, was der Traum bedeute. Danach eilte er nach Hause und berichtete seinen Freunden Hananja, Mischaël und Asarja, was geschehen war. Er forderte sie auf, den Gott des Himmels zu bitten, dass er Erbarmen mit ihnen habe und ihnen das Geheimnis offenlege, damit sie nicht mit den anderen königlichen Beratern hingerichtet werden würden. In der Nacht wurde Daniel in einer Vision gezeigt, was es mit dem Geheimnis auf sich hatte.
Königsträume und ein Traumdeuter aus dem Volk Gottes – das kommt uns doch aus Israels Geschichte irgendwie bekannt vor. Bei Josef war manches ganz ähnlich gewesen. Auch Nebukadnezar hat wie damals der Pharao einen beunruhigenden Traum. Man hatte früher einen anderen Zugang zu Träumen und maß ihnen mehr Bedeutung im Sinne von Vorzeichen bei als wir heute. Psychologische Forschung gab es damals noch nicht, und Gott pflegte sich durchaus auch in Träumen zu offenbaren, weil viele auch erwarteten, dass er durch Träume redet.
Nun war aber Nebukadnezar auf den Gedanken verfallen, seine Mitarbeiter zu testen, ob sie denn wirklich über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügten. Statt ihnen den Traum zu erzählen, ließ er sie raten, was er geträumt hat. Diese Spielregel war neu, und die Berater zeigten sich gründlich überfordert. Das ließ sich der König von seinen Spitzenkräften aber nicht gefallen und gab den Befehl, alle einen Kopf kürzer zu machen (und zwar selbst in Sippenhaft die Berater, die gar nicht dabei waren). Daniel hörte davon und konnte das zunächst nicht glauben. Immerhin gelang ihm ein Aufschub beim König. Diesen Aufschub nutzen Daniel und seine Freunde zum Gebet – und in der Tat: Der Traum wird Daniel von Gott offenbart.
Da wird aus dem großen Förderer über Nacht ein unduldsamer Tyrann. Es kann passieren, dass man bei einer Person mir nichts dir nichts in Ungnade fällt – und das bisherige Leben ist stark bedroht. Je mächtiger die Menschen sind, mit denen man Umgang hat, umso leichter kann das geschehen. Daniel ist klar, dass argumentatives Anreden gegen die offensichtlich bodenlos schlechte Laune des Königs nichts bringt. Er ergreift den einzigen Ausweg: Er wendet sich zu Gott. Im Alltag ist das leider nicht immer die Lösung, die uns als Erstes einfällt …
