Daniel 2
Daniel erwiderte dem König: „Das Geheimnis, nach dem der König fragt, kann von keinem einzigen Weisen, Zauberer, Zeichendeuter oder Wahrsager aufgedeckt werden. Aber es gibt einen Gott im Himmel, der das Verborgene ans Licht bringt. Dein Traum und die Vision, die sich dir eröffnete, als du auf deinem Bett lagst, waren folgende: Du, König, hattest eine Vision. Im Mittelpunkt dieser Vision befand sich ein großes Standbild. Der Kopf des Standbildes war aus feinstem Gold, Brust und Arme aus Silber, der Bauch und die Hüften aus Bronze. Die Beine waren aus Eisen, die Füße dagegen bestanden zum einen Teil aus Eisen, zum anderen aus Ton. Während du noch in die Betrachtung versunken warst, löste sich auf übernatürliche Weise ein Stein aus einem Berg. Er schlug gegen die Füße des Standbildes, die ja aus Eisen und Ton bestanden, und zerschmetterte sie. Da wurden auf einen Schlag Eisen, Ton, Bronze, Silber und Gold zertrümmert. Die Stücke wurden vom Wind verweht, so wie im Sommer die Spreu auf der Tenne vom Wind davongetragen wird, und es blieb nichts von der Statue übrig. Der Stein aber, der die Vernichtung des Standbildes verursacht hatte, wurde zu einem großen Berg, der schließlich die ganze Erde ausfüllte.
Das war der Traum; jetzt werden wir dem König erklären, was er bedeutet. Du bist der goldene Kopf. Doch nach dir wird ein anderes Reich kommen, und es wird geringer sein als deines. Diesem wird ein drittes Königreich folgen, aus Bronze, und dieses wird über die ganze Welt herrschen. Danach kommt ein viertes Reich, so hart wie Eisen. Genauso, wie Eisen alles zerschmettert und zertrümmert, wird dieses Reich alle anderen Reiche zertrümmern und zermalmen. … Aber in den Tagen der Herrschaft dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Reich errichten, das für alle Ewigkeit Bestand hat. Kein anderes Volk wird je die Gewalt über dieses Reich an sich reißen können. Es wird alle jene Königreiche zerschmettern und vernichten, selbst aber für immer bestehen bleiben, wie du es auch in deinem Traum gesehen hast.“
Spektakulär ist es schon, was Daniel dem König zu bieten hat, das weiß er auch selbst. Denn es sind nicht die Weisen, die unfähig sind (deswegen nimmt sie Daniel auch in Schutz). Es ist schlechterdings nicht möglich, zu wissen, was ein anderer geträumt hat. Gott ist es, der durch Träume redet und speziell diesen Traum auch dem König offenbart hat. Es zeugt von Charakterstärke, dass Daniel nicht den großen Zampano markiert, über dessen Hellsichtigkeit alle staunen. Bevor er überhaupt eine Silbe zu dem Traum des Königs sagt, stellt er klar, dass die diesbezügliche Ehre allein Gott gehört.
Und der Traum? Der ist allerdings gewaltig, sowohl was den Koloss angeht, der hier beschrieben ist, als auch was die weltgeschichtliche Tragweite betrifft. Wer hat schon solche Träume? Und Daniel kann sie eben deuten, und zwar mit großer Detailfreude. Daniel interpretiert die Abläufe der Weltgeschichte, nennt aber nicht Ross und Reiter. Gängig ist die Auslegung, dass die Reiche in folgender Reihenfolge vorhergesagt werden: Babylonien, Medien/Persien, Griechenland und Rom – und am Ende die Herrschaft Gottes. Es ist schon erstaunlich, wie präzise die Weltgeschichte vorausgesehen wird. Leider nehmen viele Menschen dies nicht als Zeichen für die Glaubwürdigkeit der Bibel, sondern gerade für deren Unglaubwürdigkeit. Diese Prophetie sei eben erst nach den Ereignissen verfasst worden, meinen viele. Selbst die eindrücklichsten Prophetenworte sind also keine Garantie dafür, dass sie auf fruchtbaren Boden fallen. Der Mensch ist schon erfinderisch, wenn es darum geht, Gott zu überhören.
