Richter 9
Als Jotam das erfuhr, stieg er auf den Gipfel des Berges Garizim und rief laut: „Hört mir zu, ihr Einwohner von Sichem, wenn ihr wollt, dass Gott euch zuhört! Einst beschlossen die Bäume, einen König zu wählen. Sie sprachen zum Olivenbaum: ,Sei unser König!‘ Doch dieser antwortete ihnen: ,Soll ich vielleicht aufhören, Öl hervorzubringen, das Gott und Menschen ehrt, nur um über den Bäumen zu schweben?‘ Da sprachen sie zum Feigenbaum: ,Sei du unser König!‘ Doch der Feigenbaum entgegnete: ,Soll ich vielleicht aufhören, meine süßen Früchte hervorzubringen, nur um über den Bäumen zu schweben?‘ Da sprachen sie zum Weinstock: ,Sei du unser König!‘ Doch der Weinstock erwiderte: ,Soll ich vielleicht aufhören, den Wein hervorzubringen, der Gott und die Menschen erfreut, nur um über den Bäumen zu schweben?‘ Schließlich wandten sich alle Bäume an den Dornbusch und sagten: ,Komm, sei du unser König!‘ Und der Dornbusch antwortete: ,Wenn ihr mich wirklich zu eurem König machen wollt, dann kommt und sucht Schutz in meinem Schatten. Wenn nicht, soll Feuer aus dem Dornbusch hervorbrechen und die Zedern des Libanon verzehren.‘ Nun fragt euch, ob ihr treu und ehrenhaft gehandelt habt, als ihr Abimelech zu eurem König gemacht habt, und ob ihr euch gegenüber Gideon und seinen Nachkommen richtig verhalten habt. Habt ihr meinem Vater vergolten, was er für euch getan hat?“
Eigentlich hatte Gott zur Zeit der Richter keinen König für Israel vorgesehen. Es ist Gideons Sohn Abimelech, der diesen Gedanken in die Debatte wirft. Natürlich hatte er sich selbst für den Posten im Blick. Und um dem gleich Nachdruck zu verleihen, heuert er ein Killerkommando an, das seine potenziellen Rivalen, nämlich sämtliche Brüder, immerhin siebzig an der Zahl, tötet (bis auf einen, der wie das Geißlein in der Standuhr übrig bleibt: Jotam). Anschließend lässt er sich zum König wählen.
Dieser Jotam ist es dann, der in einem beeindruckenden Gleichnis zu den Einwohnern von Sichem spricht. Unmissverständlich zeigt er, dass man mit Abimelech den Bock zum Gärtner gemacht hat, und prophezeit ihm ein schreckliches Ende. In der Tat war es drei Jahre später aus und vorbei: Die Einwohner von Sichem wandten sich gegen Abimelech, und im Gefolge der Kämpfe wurde dieser dann von einer Frau durch einen Mühlstein so schwer verletzt, dass er seinen Waffenträger bat, ihm „den Rest“ zu geben, damit man nicht nachher sagen kann, eine Frau habe ihn getötet. Ein Macho bis zum letzten Atemzug.
Abimelech ist ein rechter Unsympath, und wir gönnen ihm von Herzen sein Ende. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, uns selbst zu hinterfragen, über welche Leichen wir gehen, um Macht zu gewinnen. Es gibt dabei auch andere Methoden, als Menschen umzubringen …
