Psalm 90
Herr, seit Generationen bist du unser Schutz!
Noch bevor die Berge erschaffen wurden, bevor du die Erde und das Weltall schufst, warst du Gott, du bist ohne Anfang und ohne Ende. Du machst die Menschen wieder zu Staub, indem du sprichst:
„Werdet zu Staub!“
Denn für dich sind tausend Jahre wie der gestern vergangene Tag,
wie wenige Stunden nur!
Du wischst die Menschen fort wie ein Traum, der am Morgen verschwindet,
wie Gras, das in der Frühe wächst.
Am Morgen grünt und blüht es,
aber am Abend ist es welk und trocken.
So vergehen wir durch deinen Zorn,
und durch deine Wut werden wir überwältigt. Denn du siehst unsere Sünden,
auch unsere geheimsten Vergehen deckst du auf. Unter deinem Zorn verrinnt unser Leben, schnell wie ein Seufzer vergeht es.
Unser Leben dauert siebzig Jahre,
vielleicht sogar achtzig Jahre.
Doch selbst noch die besten Jahre sind voller Kummer und Schmerz, wie schnell ziehen die Jahre vorüber und alles ist vorbei. Wer kann deinen gewaltigen Zorn begreifen?
Wer fürchtet sich schon vor deiner Wut?
Lehre uns, unsere Zeit zu nutzen, damit wir weise werden. …
Der Herr, unser Gott, schaue freundlich auf uns und lasse unsere Arbeit gelingen.
Ja, lass unsere Arbeit gelingen!
Das ist vielleicht der Psalm, der am meisten darüber aussagt, wie unser menschliches Leben aussieht. Die Aussagen sind denkbar nüchtern und zerstören manche Illusion, die wir Menschen uns gerne von uns selbst machen. Das Leben des Menschen zerrinnt ihm zwischen den Fingern; nach 70, 80 Jahren ist Schluss. Und in dieser so begrenzten Zeit wird dem Menschen auch noch viel Leid zugemutet. Das Leben ist so kurz und schmerzbehaftet wie ein Seufzer.
Was für Lehren ziehen wir als Menschen daraus? Gott zu bitten, das er uns klarmacht, wie wir mit der geringen Zeitspanne auf der Erde umgehen sollen. Wer dies bedenkt, teilt sich seine Zeit gut ein und setzt die richtigen Prioritäten. Er ist tatsächlich weiser als die, die meinen, dass das irdische Leben alles ist.
Eine schöne Bitte findet sich am Schluss: „Lass unsere Arbeit gelingen.“ Man könnte ja fatalistisch meinen: Wenn es mit dem Menschenleben so flüchtig bestellt ist, kann man sich ja gleich mit einem Depri in die Ecke setzen. Aber zu diesem Fazit kommt der Psalm gar nicht. Im Gegenteil: Der Schluss ist sehr lebensbejahend und aufs Alltägliche gerichtet.
Trauen wir uns, um Erfolg im Berufsleben zu bitten? Oder meinen wir schon, das wäre nicht „geistlich“? Doch: Es ist gut und geistlich, sofern wir als Begleitmelodie unseres Lebens immer in den Ohren haben, dass das Irdische nicht das Endgültige ist.
