Prediger 12
Denk an deinen Schöpfer, solange du jung bist. Warte damit nicht, bis du alt bist, die Tage für dich beschwerlich werden und die Jahre kommen, von denen du sagen musst: „Sie gefallen mir nicht!“ Warte damit nicht, bis der Glanz von Sonne, Mond und Sternen für dich immer schwächer wahrnehmbar wird und die Wolken nach einem Regenschauer sofort wieder am Himmel erscheinen. Dann werden die Wächter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen. Die Müllerinnen werden aufhören zu arbeiten, weil nur noch wenige übrig geblieben sind, und die, die durch die Fenster blicken, werden sich verdunkeln. Die Türen zur Straße werden geschlossen bleiben und die Stimme der Mühle wird leiser. … Denk an deinen Schöpfer, bevor der silberne Faden des Lebens reißt und die goldene Schale zerbricht, bevor der Krug an der Quelle zerschellt und das Schöpfrad am Brunnen zertrümmert ist. Denn dann wird der Staub wieder zur Erde, aus der er kommt, und der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat.
Wie soll man diesen Text charakterisieren: poetischer Realismus? Poetisch ist er deshalb, weil für das Alter hier wunderbare und einprägsame Bilder benutzt werden. Zum Beispiel sind die Zähne die Müllerinnen, die nicht mehr arbeiten können, weil nur noch wenige da sind; und die Ohren sind die Tore zur Straße, die durch Taubheit geschlossen bleiben.
Und damit kommen wir zum realistischen Aspekt: Keine Frage, es geht hier nicht um den Jungsenior im Wellness-Urlaub, sondern um den Greis an der Schwelle des Todes. Aber beachten wir einmal unsere heutige Situation: Durch moderne Fortschritte in Medizin und Pflege kann es geschehen, dass Menschen diesen Zustand nicht nur in ihren letzten Lebensmonaten erleben, sondern über Jahre, gar Jahrzehnte. Eine gute Gelegenheit, in diesen vielen stillen Stunden Gott zu suchen und zu finden – könnte man meinen. Leider zeigt die Erfahrung, dass selbst in dieser doch langen Zeit die Menschen eher selten zu einem Glauben an ihren Schöpfer durchdringen – von Problemen wie Demenz einmal ganz abgesehen.
Es gibt sicher auch Ausnahmen, sie aber bestätigen die Regel und die Erfahrung, die der Prediger hier wiedergibt: Es ist besser, an den Schöpfer in der Jugend zu denken. Denn es gibt auch ein „Zu spät“, selbst wenn der Mensch noch gar nicht gestorben ist.
