Tag 202

0

Jeremia 1

Wiederum fragte mich der HERR: „Was siehst du?“ Ich antwortete: „Ich sehe einen Topf mit kochendem Wasser, der von Norden her umkippt.“ Der HERR sprach: „Von Norden her wird Unheil kommen und über die Bewohner dieses Landes hereinbrechen. Hör, was ich sage! Ich rufe die Heere der Reiche des Nordens nach Jerusalem. Sie werden ihre Throne ganz nahe an den Stadttoren aufstellen und die Stadtmauern stürmen. Auch gegen alle anderen Städte Judas werden sie vorrücken. Dann werde ich endlich all das Böse richten, das mein Volk getan hat: Sie haben sich von mir abgewandt und anderen Göttern Opfergaben gebracht. Ja, sie beten Götter an, die sie selbst hergestellt haben. Steh auf und zieh dich an. Dann geh hinaus und sag ihnen, was immer ich dir zu sagen befehle. Fürchte dich nicht vor ihnen – sonst sorge ich dafür, dass du tatsächlich Grund hast, vor ihnen Angst zu haben! Du sollst wissen: Ich selbst mache dich stark wie eine uneinnehmbare Festung, wie eine eiserne Säule oder eine Mauer aus Bronzeplatten.“

Visionen spielen im Leben der biblischen Propheten ohne Zweifel eine große Rolle. Aber: Propheten waren keine Hellseher – und wer meint, ihre eigentliche Aufgabe sei es gewesen, visuelle Botschaften „von oben“ zu empfangen, muss sich getäuscht sehen. Schon gar nicht gab es eine Vision um einer Vision willen, damit war immer eine konkrete Aussage Gottes verbunden, wie auch hier.

Ohne Zweifel gibt es auch heute noch echte Visionen, allerdings wird man den Verdacht nicht los, dass diese in den letzten Jahrzehnten inflationär gehandelt werden. In so manchen Gemeinden gibt es fast bei jeder Veranstaltung prophetische Eingebungen. Die damit verbundenen Botschaften haben dann aber oft einen so allgemeinen Charakter, dass man sich fragt: Warum sagt es Gott nicht einfach geradeheraus? Das prophetische Bild erschlägt dann ein (vielleicht eher dünnes) prophetisches Wort. Es ist aber nicht alles von Gott, was die menschliche Psyche hervorbringt.

Im Fall Jeremia sind die Visionen nur Metaphern für eine geradeheraus zu verkündende Botschaft: Das Ende Jerusalems steht vor der Tür – und zwar kurz vor der Tür!