Tag 187

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Hohelied in Auszügen

Junge Frau: „Nachts in meinem Bett sehnte ich mich nach ihm, den meine Seele liebt, ich sehnte mich nach ihm, doch ich fand ihn nicht. ,Ich will aufstehen und die Stadt durchstreifen, will ihn auf den Straßen und Plätzen suchen, ihn, den meine Seele liebt.‘ Ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht. Die Wächter, die in der Stadt ihre Runden drehten, fanden mich: ,Habt ihr ihn gesehen, ihn, den meine Seele liebt?‘ Kaum war ich an ihnen vorübergegangen, fand ich ihn, den meine Seele liebt. Ich hielt ihn fest und ließ ihn nicht mehr los, bis ich ihn ins Haus meiner Mutter brachte, in die Kammer derjenigen, die mich geboren hatte.“

Junger Mann: „Wie schön du bist, meine Freundin, wie schön! Deine Augen hinter dem Schleier sind wie Tauben. Dein Haar gleicht einer Ziegenherde, die vom Gebirge Gilead talwärts zieht. Deine Zähne sind wie eine Herde frisch geschorener Schafe, die gerade aus der Schwemme kommen. Jeder von ihnen hat seinen Zwilling, keiner von ihnen fehlt. Deine Lippen sind wie ein scharlachrotes Band und dein Mund ist wunderschön. Deine Schläfen hinter deinem Schleier schimmern wie eine Scheibe vom Granatapfel. Dein Hals ragt hervor wie der Turm Davids, aufgebaut in Schichten. Tausend Schilde hängen an ihm, alles Schilde der Helden. Deine beiden Brüste sind wie zwei junge Rehe, wie Zwillinge der Gazelle, die unter Lilien weiden. Wenn der Tag anbricht und die Schatten fliehen, will ich zum Myrrhenberg, dem Weihrauchhügel gehen. Du bist so schön, meine Freundin, so makellos.“

Die Sache mit der Erotik ist manchmal so unangenehm menschlich, dass selbst die Bibel sie einem nicht erspart. Es ist ein bei Licht betrachtet merkwürdiges Phänomen: Die Frage, warum das Hohelied überhaupt in der Bibel steht, wird oft recht kurzatmig beantwortet. Die Altvorderen haben diese – als Spiel mit verteilten Rollen angelegte – Dichtung gerne vergeistlicht ausgelegt und auf Christus und die (Braut-)Gemeinde gedeutet. Heute empfindet man das zwar als intellektuell nicht mehr redlich, man ist aber oft auch nicht erhellender in seinen Erklärungen. Man interpretiert das Liebesgedicht allzu betont verbissen auf die eheliche Liebe hin. Im besten Fall sagt man, dass eben auch bestimmungsgemäß zum Ausdruck gebrachte Erotik ihren Platz in der Bibel hat. Dabei erweckt man nicht gerade den Eindruck, man sei besonders happy, dass man eine Erklärung zu diesem Text abgeben muss.

Das Hohelied kann man zwar nicht direkt pornographisch nennen, aber es gibt schon Stellen, an denen eine schwüle Sinnlichkeit zum Ausdruck kommt, die Christen aller Jahrhunderte ziemlich irritiert hat. Keine Lösung für das Auslegungsproblem, aber eventuell ein weiterführender Gedanke: Vielleicht kann das Hohelied einfach dadurch, dass es so ärgerlicherweise in der Bibel steht, uns mahnend daran erinnern, dass im Bereich der Sexualität unter Christen doch noch einiges ein Stück offener und ehrlicher zu durchdenken ist.