Ester 3 in Auszügen
Einige Zeit später erhöhte König Ahasveros Haman. Er beförderte ihn und unterstellte ihm alle seine Mitfürsten. Alle Mitarbeiter der königlichen Verwaltung mussten sich als Zeichen ihrer Ehrfurcht vor Haman verneigen und sich auf die Knie werfen; so hatte es der König befohlen. Mordechai aber wollte sich weder vor ihm verneigen noch sich vor ihm auf die Knie werfen. … Als Haman bemerkte, dass Mordechai sich weder vor ihm verneigte noch sich vor ihm auf die Knie warf, packte ihn Wut. Doch es genügte ihm nicht, nur Mordechai etwas anzutun. Da man ihn inzwischen auch über Mordechais Volkszugehörigkeit unterrichtet hatte, plante er, alle Juden im ganzen Königreich von Ahasveros als Volk Mordechais zu vernichten. … Der König zog seinen Siegelring vom Finger und reichte ihn Haman, dem Sohn Hammedatas, dem Agagiter – dem Feind der Juden. „Behalte das Geld“, sagte der König zu Haman. „Und dieses Volk – mach mit ihm, was du willst.“ Am 13. Tag des ersten Monats wurden die Schreiber des Königs zusammengerufen. … Alle Juden sollten an einem einzigen Tag, nämlich am 13. Tag des zwölften Monats, dem Monat Adar, vernichtet, umgebracht und ausgerottet und ihr Besitz geplündert werden.
Die Menschen der Bibel sind in der Regel nicht holzschnittartig dargestellt. Meistens wird uns ein differenziertes Charakterbild vor Augen gemalt und keine Schwarz-Weiß-Zeichnung präsentiert, insbesondere dann, wenn von einem Leben nicht nur summarisch berichtet wird. Anders ist es bei Haman: Er ist der Unhold par excellence. Ohne solche Figuren käme kein orientalischer Kostümfilm aus.
Haman erklimmt die oberste Sprosse der Karriereleiter, und es fuchst ihn, dass dieser dreiste Jude Mordechai sich vor ihm nicht verbeugen will, weil sein Glaube es ihm verbietet. Hamans Zorn führt ihn dazu, dass er in seinem Herzen beschließt, alle Juden in Sippenhaft zu nehmen und aus dem Volk auszurotten. Dem König legt er dies mit entsprechenden Einflüsterungen quasi unterschriftsreif vor – und auch dieser willigt ein. Ihm werden nämlich umgerechnet 15 Millionen Euro angeboten – wohl aus konfisziertem Vermögen der Juden.
Auch der Tag wird festgelegt – und das erinnert schon in unheimlicher Weise an die Reichspogromnacht zur Zeit des Nationalsozialismus. Überhaupt erinnert vieles an diese Zeit. Es dürfte der unbeugsame Eigenwille, die nicht kontrollierbare innere Autonomie der Juden sein, der die Machthaber gegen sie aufbringt.
