Ester 4-7 in Auszügen
Mordechai ließ Ester folgende Antwort überbringen: „Glaub nicht, dass du als Einzige von allen Juden mit dem Leben davonkommst, weil du im königlichen Palast wohnst. Wenn du in dieser Lage wirklich schweigst, wird den Juden von anderer Seite Befreiung und Rettung zuteil werden; du und deine Verwandten aber werden umkommen. Und wer weiß, ob du nicht für eine Situation wie diese zur Königin wurdest?“ Darauf ließ Ester Mordechai antworten: „Geh, sammle alle Juden, die sich in Susa befinden, und fastet für mich. Nach dieser Vorbereitung werde ich dann, obwohl es gegen das Gesetz verstößt, zum König gehen. Wenn ich umkomme – dann komme ich um.“ … In dieser Nacht konnte der König nicht schlafen, deshalb ließ er sich die Geschichte seines Reiches bringen und sich daraus vorlesen. Es fand sich darin auch der Bericht darüber, wie Mordechai Bigtan und Teresch, zwei der Eunuchen, die die Tür zu den Privatgemächern des Königs bewachten, angezeigt hatte. Sie hatten König Ahasveros ermorden wollen. „Welche Belohnung oder Ehrung hat Mordechai dafür bekommen?“, fragte der König. Seine Diener antworteten: „Er hat nichts bekommen.“
Nun war aber gerade Haman im äußeren Vorhof des Palastes eingetroffen. Er wollte den König bitten, Mordechai an den Galgen zu hängen. Haman trat ein, und der König sagte zu ihm: „Was kann ich für einen Mann tun, den ich belohnen möchte?“ Haman dachte sich: „Wen außer mir sollte der König wohl belohnen wollen?“ Er antwortete: „Dem Mann, den Ihre Majestät belohnen möchte, sollte eines der königlichen Gewänder, das der König bereits getragen hat, und eines der Pferde, auf dem der König geritten ist und das den königlichen Kopfschmuck trägt, gebracht werden. Er soll das Gewand und das Pferd durch einen der edlen Fürsten des Königs erhalten. Dem Mann, den Ihre Majestät belohnen will, soll das Gewand angelegt werden und er soll auf dem Pferd über den Marktplatz der Stadt geführt werden. Dabei soll man vor ihm ausrufen: ,So ergeht es einem Mann, den der König belohnen will!‘“ „Rasch!“, sagte der König zu Haman. „Geh und hole das Gewand und das Pferd und tue so, wie du es gesagt hast, für den Juden Mordechai, der in der königlichen Verwaltung Dienst tut. Lass nichts weg von allem, was du vorgeschlagen hast.“ …
Der König und Haman gingen zu Königin Esters Festmahl. Auch diesmal fragte der König sie beim Wein: „Was bittest du, Königin Ester? Es soll dir gegeben werden.“ Da antwortete Königin Ester: „Wenn es Ihnen gefällt, so bitte ich, dass mir mein Leben geschenkt werde und auf meinen Wunsch hin mein Volk verschont wird. Denn mein Volk und ich wurden verkauft, damit man uns umbringe und vernichte, ja gänzlich ausrotte. Wenn wir nur als Sklaven und Sklavinnen verkauft worden wären, hätte ich geschwiegen, denn das wäre zu unwichtig gewesen, um Ihre Majestät damit zu behelligen.“ „Wer ist es?“, fragte König Ahasveros Königin Ester. „Wo ist der, der sich so etwas in den Kopf gesetzt hat?“ Ester antwortete: „Dieser niederträchtige Mensch dort, Haman, ist unser Feind und Widersacher.“ Haman zuckte zusammen und wurde vor den Augen des Königs und der Königin kreidebleich. Der König aber sprang zornig von der Festtafel auf und lief in den Palastgarten hinaus. Haman blieb zurück, um Königin Ester um sein Leben anzuflehen, denn er hatte erkannt, dass der König seinen Untergang beschlossen hatte. Gerade in dem Augenblick, in dem der König aus dem Palastgarten in den Festsaal zurückkam, warf er sich auf die Bank, auf der Königin Ester lag. „Will er jetzt auch noch die Königin in meinem eigenen Palast und vor meinen Augen vergewaltigen?“, brüllte der König. Kaum hatte der König die Frage ausgesprochen, verhüllte man Hamans Gesicht.
Ester war eine extrem mutige und zudem kluge Frau, die durch ihr Verhalten dafür sorgt, dass den Juden kein Leid geschieht. Dabei bewegt sie sich auf höchst gefährlichem Terrain: Eine zweite Waschti-Affäre kann der König nicht gebrauchen, also muss sie sehr ergeben auftreten, um ihre Ziele durchzusetzen. Und Haman stand beim König in hoher Gunst, da würde das bloße Offenlegen der Sachverhalte nicht die richtigen Reaktionen auslösen.
Aber nicht bloß die Klugheit Esters bewirkt die Wende, sondern auch die Hilfe Gottes. Gott wird im Buch Ester allerdings in keiner Weise erwähnt, dennoch ist klar, dass er die Fäden in der Hand hält. Es ist dann eine schlaflose Nacht, die den König Geschichtsbücher wälzen lässt. Dabei entdeckt er die außerordentlichen Verdienste Mordechais. Er beschließt, ihn dafür zu belohnen, wobei er vom ganzen Hintergrund der Geschichte um Haman keinen blassen Schimmer hat.
Haman wiederum ist ein Beispiel dafür, wie deppenhaft sich Mächtige gebärden können, wenn ihre eigenen Machtfantasien mit ihnen durchgehen. Da muss er tatsächlich den Erzfeind noch als Helden präsentieren! Und am Galgen für seinen Feind lässt Haman dann sein Leben.
Das Ganze wirkt theateroder filmhaft, beschreibt aber die Realität. Wer sich Gott feindlich gegenüberstellt, fällt über kurz oder lang seiner eigenen Verblendung zum Opfer.
