Tag 191

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Amos 8

Dann zeigte Gott, der HERR, mir eine weitere Vision. Ich sah einen Korb mit reifem Obst. „Was siehst du, Amos?“, fragte er. Ich antwortete: „Einen Korb mit reifem Obst.“ Da sprach der HERR zu mir: „Mein Volk ist reif für das Ende! Ich werde ihm nicht mehr länger vergeben. An jenem Tag wird man Klagelieder im Palast hören. Der Boden wird überall mit Leichen übersät sein. Dann wird Totenstille herrschen“, spricht Gott, der HERR. Hört zu, ihr, die ihr die Not Leidenden tretet und die Bedürftigen in diesem Land vernichtet! Ihr könnt es kaum erwarten, dass der Sabbat vorüber ist und die Feiertage vorbei sind, damit ihr wieder handeln könnt. Ihr messt das Korn mit falschem Maß und wiegt es auf gefälschten Waagen. Und ihr mischt den Weizen, den ihr verkauft, mit Spreu, die ihr vom Boden zusammenfegt! Dann versklavt ihr die Armen wegen der Schuld eines Silberstücks oder eines Paars Sandalen.

Amos ist der „Gewerkschaftsvertreter“ unter den Propheten. Kein anderer prangert so deutlich die sozialen Missstände im Volk an, die jeder Beschreibung spotten. Liest man den Text, so bekommt man den Eindruck, Israel sei eine Bananenrepublik: Korruption, Betrug, Unterdrückung der Schwachen. Das alles ist eine unmittelbare Folge des Götzendienstes, trug doch das Gesetz Jahwes besondere Sorge für die Armen und verschaffte den eigentlich Rechtlosen Recht.

Man muss wissen, dass diese Worte das Volk Israel in Sektlaune erwischten. In der Zeit Jerobeams II. ging es Israel so übel nicht, da es sich durch politische Allianzen geschickt über Wasser halten konnte. Aber im Innern war dennoch alles marode, besonders was den Glauben betraf. Also wird hier kräftig Wasser in den Sekt gekippt; die spritzige Party wird zur Trauerfeier. Und dann noch das eindrucksvolle Bild von der Hungersnot nach Gottes Wort: Ausgerechnet die werden danach hungern, die sich bislang überhaupt nicht darum geschert hatten – aber es wird vergebens sein. Gott wird sich ihnen nicht offenbaren.

Es erschreckt doch, dass Gott sich vorbehalten hat, nicht unbedingt zu antworten, wenn Menschen sich ihm zuwenden wollen. Es gibt also eine Reue, die schon in diesem Leben zu spät kommt – allerdings können wir das als Menschen nicht bestimmen oder im Einzelfall feststellen, sondern müssen und dürfen davon ausgehen, dass der Mensch sich bis zum Ende seines Lebens Gott zuwenden kann.