Tag 196

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Jesaja 6

In dem Jahr, als König Usija starb, sah ich den HERRN. Er saß auf einem hohen Thron und war erhöht und der Saum seines Gewandes füllte den Tempel. Über ihm schwebten Seraphim, jeder hatte sechs Flügel. Sie riefen einander zu: „Heilig, heilig, heilig ist der HERR, der Allmächtige! Die Erde ist von seiner Herrlichkeit erfüllt!“ Da sagte ich: „Mir wird es furchtbar ergehen, denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen, inmitten eines Volkes mit unreinen Lippen. Ich werde umkommen, denn ich habe den König, den HERRN, den Allmächtigen, gesehen!“ Doch einer der Seraphe flog zu mir, er hielt ein Stück glühende Kohle in seiner Hand, das er mit einer Zange vom Altar genommen hatte. Damit berührte er meinen Mund und sagte: „Sieh, dies hat deine Lippen berührt. Jetzt ist deine Schuld getilgt; deine Sünden sind dir vergeben.“ Dann hörte ich den Herrn fragen: „Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen?“ Und ich sagte: „Hier bin ich, sende mich.“ Er sprach: „Geh und sag dem Volk: ,Ihr hört meine Worte, aber ihr versteht sie nicht. Ihr seht, was ich tue, aber ihr begreift es nicht.‘“

Dies ist die wohl eindrücklichste Berufungsgeschichte der Bibel. Hier geht der Blick in die Gegenwart Gottes. So ungefähr (inklusive schwebender himmlischer Wesen) stellt man sich den Himmel vor. Wir bekommen hier auch einen Begriff von Heiligkeit. Viele Religionen kennen das „Heilige“, das ganz Andere eines Gottes oder einer jenseitigen Welt. Sie spüren das Unangemessene im Menschlichen, das diesem Heiligen nicht entsprechen kann. Das ist in Israel nicht anders als in anderen Religionen. Was aber anders ist: Dieser heilige Gott lässt sich tief zu den Menschen herab. Das wird seinen Höhepunkt in Jesus Christus haben, aber auch schon vorher benutzt Gott einfache Menschen, um sein Werk zu erfüllen.

In dieser traumähnlichen Atmosphäre fragt der HERR, ob jemand bereit ist, ein Bote für Gott zu sein. Im Gegensatz zu anderen eher zögerlichen Kandidaten (wie sogar Mose) ist Jesaja hier außerordentlich eifrig. Vielleicht ist das auch ein Zeichen seiner besonderen inneren Freiheit, da er ja erlebt hat, dass zuvor seine Schuld getilgt wurde. Wo die Vergangenheit geklärt ist, beginnt die Zukunft mit Gott.

Was Gott dann sagt, ist nicht gerade die Botschaft, die man in Kommunikationsseminaren zu hören bekommt: Jesaja soll die Wahrheit predigen, aber das hat nicht etwa den Erfolg, dass alle nicken und zustimmen, sondern im Gegenteil alle ihr Herz verschließen, innerlich dicht machen. Für einen Prediger ist es nicht gerade ein gutes Ergebnis, wenn die Leute sich bei seiner Predigt geistlich gesehen die Ohren zuhalten. Und doch ist das gerade der tiefere Sinn der prophetischen Aufgabe Jesajas. Wir sehen bei den Propheten sehr oft, dass die Erfüllung ihrer Aufgabe im eigenen Misserfolg zu liegen scheint. Dies sollte uns bei Bewertungen irgendwelcher „geistlichen Erfolge“ heutzutage mindestens zu denken geben.